Ich bin nun nicht aus NRW sonder aus BaWü, aber bei uns ist es sehr ähnlich gelagert. Wir haben eigentlich in jeder Eingangsklasse des beruflichen Gymnasiums (BG) mindestens drei bis fünf Wechsler vom allgemeinbildenden Gymnasium (AG).
Was ist an diesem Gerücht "Am BK ist es leichter" dran?
Ich denke, das ist in der erste Linie "Schüler-Speak" bzw. die kurze Formulierung für einen viel komplexeren Sachverhalt. "Leichter" ist es sicher nicht. Im Gegenteil. Sie bekommen bei uns ein Profilfach (Wirtschaft, Pädagogik und Psychologie, etc.) dazu, das im Umfang von sechs bis sieben Wochenstunden unterrichtet wird und bei dem die Inhalte teilweise echt happig sind.
Trotzdem beobachte ich ganz klar: Schülerinnen und Schüler, die am AG "Sorgenkinder" waren, blühen bei uns auf und machen am Ende ein Abitur mit einer 1 vor dem Komma. Warum? Ich habe mir das schon oft überlegt, wieso das so ist...
Zum Einen denke ich, holen wir die Schülerinnen und Schüler in der Eingangsklasse ganz anders ab. Da wird sich wirklich gekümmert, dass man Jeden, der signalisiert, dass er möchte, auch tatsächlich "mitnimmt". Weiterhin wird den SuS durch den Schulwechsel auch quasi ein Neustart ermöglicht. Was in der 5.-9./10. Klasse so alles "lief", ist nicht mehr relevant. Die SuS können Schubladen entfliehen in denen sie vielleicht an der alten Schule schon jahrelang feststeckten. Neue Lehrer, neue Klassenkameraden. Auch ein ganz anderer Umgang. Schon allein die Tatsache, dass wir eigentlich gar nichts mehr mit den Eltern der SuS zu tun haben... Die SuS werden bei uns als junge Erwachsene betrachtet, die für sich selbst Verantwortung übernehmen können und sollen. Ich glaube auch das macht viel aus.
Gibt es am BK mehr Praxisphasen (sprich Praktika)?
Also bei uns gibt es nur im Profil Päd eine Praxisphase sonst nirgends. Das wird es bei uns also nicht sein.
Ist der Unterricht am BK anwendungsorientierter?
Für meine Fächer kann ich sagen, dass der Alltagsbezug und die Anwendungsorientierung sehr groß ist. In Mathe greifen wir Fragestellungen auf, die sich aus dem Alltag ergeben und versuchen sie dann handlungsorientiert mit den zur Verfügung stehenden (mathematischen) Werkzeugen zu beantworten. Das kennen die SuS von der vorangegangenen Schulen in der Regel nicht. ("Heutiges Thema: Die Parabel. Hier Funktionsterm, hier Wertetabelle, hier Schaubild. Zack, Übungsaufgaben.) In Englisch arbeite ich auch fast ausschließlich (bis auf teaching for the test) mit authentischen Materialien. Das sagt den SuS in der Regel auch sehr zu.
Was macht den Reiz SchülerInnen am BK (berufliches Gym) aus?
Wie ich schon sagte: Ich glaube ein großer Reiz ist einfach der Neustart. Nochmal neu anfangen zu können. Die ganzen Schwierigkeiten hinter sich lassen zu können. Keiner kennt mich, keiner weiß, was vorher war. Ich habe vielleicht nochmal die Chance in Fächern, die ich schon längst abgeschrieben habe, nochmal neu "anzugreifen". Klar, einige SuS kommen auch wegen dem äußerst kulanten Umgang mit Fehlzeiten. Aber diese werden auch bei uns in der Regel kein Abi machen...