Kann man bei euch einen Schüler der z.B. die ganze Zeit eine 3 hatte oder 8 NP wie auch immer, eine 2 am Ende geben, weil man denkt "Naja der hat sich schon sehr angestrengt, pädagogisch gesehen Pipapo"? oder andersrum ein Schüler der immer 3er hatte, eine 4 geben weil er oft gefehlt hat oder so?
Nein. Denn das ist Willkür und hat nichts mit irgendwelchen pädagogischen Kriterien zu tun.
Ich mache mal ein Beispiel. In meiner 11 hatte ich dieses Schuljahr eine Schülerin, die anfangs noch recht passabel abgeliefert hat. Je länger das Schuljahr dauerte, desto mehr baute sie ab. Dies gipfelte darin, dass sie mündlich ab Mitte zweites Halbjahr quasi gar keine Beiträge mehr brachte und in der letzten Klausur ein leeres Blatt abgab. Rein rechnerisch wäre ich bei ihr auf 4,48 gekommen.
Ich habe ihr trotzdem eine 5 gegeben. Ihre Leistungen sind derart mangelhaft, dass ich nicht glaube, dass sie erfolgreich die Oberstufe bewältigen kann. Die guten Leistungen am Anfang des Schuljahres hat sie bei sogenannten Mini-Tests (über 6 Wochen wöchentlich ein Test a 10-15 Min in dem jeweils maximal 5 Verrechnungspunkte erzielt werden können) zum eher einfachen Themengebiet Stochastik erzielt. Das leere Blatt gab sie bei Exponentialfunktionen ab. Schon bei ganzrationalen Funktionen war sie im 4er-Bereich. Wie soll sie denn nächstes Jahr Differential- und Integralrechnung verstehen, wenn sie schon bei den Funktionstypen derartige Probleme hat?
Long story short: Sie hatte außer meiner 5 noch vier weitere 5en... Damit war die Sache eh geschwätzt.
Ich habe sie über das gesamte Schuljahr hinweg beraten. Ihr alternative Wege zur Hochschulreife aufgezeigt. Hatte ihr mehrfach Zeitungsannoncen für Ausbildungsplätze innerhalb ihres Interessenspektrums mitgebracht. Nein, sie muss unbedingt Abitur machen... Mit fünf 5en in der 11. Klasse. Sie wiederholt jetzt.
Und eben in solchen Fällen finde ich es ganz wichtig, dass wir eine pädagogische Freiheit haben und nicht stur nach einem fiktiven Durchschnitt einer Liste an Ordinalzahlen beurteilen... Ich erkläre das auch meinen Schülern. Dass es von Ordinalzahlen keinen Durchschnitt gibt. D.h. von mir werden sie niemals Aussagen hören wie "Sie stehen auf 1,7." oder dergleichen.
Andersherum funktioniert das natürlich auch. Einem Schüler, der rein rechnerisch bei 1,6 gewesen wäre, habe ich eine 1 eingetragen. Einfach weil ich er sich von einer 3 mit viel Aufwand hochgearbeitet hat und die letzten beiden Leistungserhebungen (die rein fachlich nicht ohne waren) mit einer 1,0 abgeliefert hat.