Die Diskutiererei um Noten - das ist quasi ein Fakt, mit dem die Grundschullehrer in Bayern in Klasse 3/4 lernen müssen zu leben und damit umzugehen. Bei uns sind es verstärkt die Eltern, aber auch vereinzelt Schüler, wenn es um den Übertritt geht. Es ist u.a. für manche ein nicht unerheblicher Stressfaktor. Schriftliche Bemerkungen, Anrufe im Sekretariat, man möge dringend zurückrufen, Abpassen vor oder nach dem Unterricht - das kommt alles vor.
Man versucht über Noten zu verhandeln. Manche probieren es aus Prinzip. Vor allem, wenn sie merken, dass die nächstbessere Note nicht weit entfernt ist. Da wird richtig gesucht, ob es Dinge gibt, die verhandelbar sind. Manche probieren auch aus, wie weit sie beim Lehrer gehen können. Ich hatte schon Eltern (ich habe prinzipiell mit Eltern ein gutes Verhältnis), die im Nachhinein zugegeben haben, dass sie es halt probiert hätten. Da hatte ich mir gedacht: Und deswegen habe ich mir diesen Nervenstress gegeben? Dieses Bewusstsein hat mir erst einmal viel geholfen, diese Verhandlungen nicht allzu ernst zu nehmen.
Ansonsten kann das Bewusstsein helfen, dass Eltern immer als Anwälte ihrer Kinder auftreten und nicht mit uns als Experten für Bewertungen auf einer Ebene stehen.
Erweitern würde ich diesen Gedanken noch für ältere Schüler: Sie versuchen rauszuhandeln, was geht und sehen sich als ihre eigenen Vertreter. Mein Schulbesuch ist schon Jahrzehnte her, selbst wir haben früher - je älter wir wurden, desto mehr - versucht mit Lehrern über Noten zu verhandeln, wo man sah, dass dort eine eine Bereitschaft signalisiert wurde.
Wichtig ist, dass man von Vorneherein in der Konzeption der Proben (wie bei uns die Arbeiten heißen) und in der folgenden Korrektur schon versucht, Zweifelsfälle zu vermeiden: Klare Fragestellungen, klare Aufgaben, durchdachtes Konzept, die Anforderungsbereiche im richtigen Verhältnis, alles passend zum eigenen Unterricht. Am Gymnasium habt ihr wie wir klare Vereinbarungen über Proben bzw. Schulaufgaben. Da ist man dadurch abgesichert. Bei Schülern, die knapp an der bessere Note stehen, schaue ich mir die Probe gründlich durch, ob es da noch eine zweifelhafte Bewertung gibt. Wenn ich Elternbriefe bekomme, dann gebe ich den Kindern in der Regel eine mündliche Antwort, wenn es Kleinigkeiten sind. Wenn man nämlich das anfängt, Zettelchen und Briefe prinzipiell zu beantworten, dann folgen meist immer wieder welche. Manchmal gibt es wirklich Missverständnisse, die kläre ich möglichst ohne mich aufzuregen auf.
Schwieriger wird es, wenn Eltern emotional reagieren. Da bleibt einem nichts anderes übrig, als selbst immer wieder auf die Sache zu schauen und Eltern in der obigen Rolle zu sehen. Das hilft oft, finde ich. Ganz ausschließen, dass man schwierige Fälle mit nach Hause nimmt, kann man nicht. Das passiert ja auch bei anderen Konflikten im Schulbereich, denen man als Lehrer so ausgesetzt ist. Man nimmt nur die Fälle mit nach Hause, für die man keine Lösung gefunden hat und setzt sich länger damit auseinander. Das ist okay, finde ich. Dafür hat man es das nächste Mal bei einem ähnlichen Fall leichter.
Wichtig bei der Notengebung ist für sich selbst immer wieder die Sachebene zu finden. Wenn Eltern eindeutig falschliegen, kläre ich das auf, bei Zweifelsfällen überlege ich und frage auch einmal Kollegen, Korrekturfehler nehme ich auf meine Kappe. Wenn ich einmal zugunsten des Schülern falsche Punkte gegeben habe und die Schüler so ehrlich waren, dass sie es mir sagten, dann ändere ich nichts, sondern ziehe die Konsequenz daraus, das nächste Mal besser aufzupassen.