@Antimon
Manche Zusammenhänge sind offenbar auch nicht klar. So, wie du bemerkst, dass deine SchülerInnen nicht in der Küche helfen - mich wundert da nichts, ich habe genug Berührungspunkte - und sich dies auch auf Fähigkeiten auswirkt, die im Unterricht notwendig sind, so ist es mit dem Schuhe zubinden oder Anziehen auch. Da geht es um Fingerfertigkeit, aber auch um Konzentration, Aufmerksamkeit, Handlungsplanung, Zielgerichtetheit.
Alles Fähigkeiten, die es in der Schule zum Lernen auch braucht, die aber in der Grundschule bei vielen noch entwickelt werden müssen - bei einigen sehr viel mehr als bei anderen.
Aber irgendwo gibt es eine Grenze und da meine ich nicht Schuhebinden und Lochen sondern die kognitiven Fähigkeiten.
Genau da ist der Zusammenhang. Es geht nicht um die Fertigkeit des Lochens selbst, wohl aber um die Selbstständigkeit und die Handlungsplanung etc. DAS IST Kognition!
Und Kinder, die da zu wenig Vorerfahrungen haben, haben Nachteile, aber ich kann ja nicht nach 6 Wochen der Meinung sein, dass diesem Kind ohnehin nicht zu helfen ist.
Bis die Kinder oder Jugendlichen bei dir ankommen, sind viele Jahre ins Land gegangen. Stimmt.
Dass sie bei dir "fertig" sind, habe ICH gar nicht gesagt. Das unterstellst du mir.
Ich frage mich aber, was du dir vorstellst, wie Grundschulen die Defizite auffangen.
Ich frage mich, wie viel zu abschätzen kannst, von dem, was in Schule wirklich aufgefangen wird und wie viel Mühe und Anstrengung es für manche Kinder bedeutet, bis sie letztlich doch ein gutes Stück weiter gekommen sind, trotzd aller Benachteiligungen gleich welcher Art.
Und ich frage mich, wie viel du weißt von den Bedingungen an Grundschulen.
Es muss in der Grundschule genügend Gelegenheiten gegeben zu lernen, nicht mehr als das erwarte ich.
Ja, das erwarte ich auch. Das erwarten viele.
Aber ich werde jeden Tag eines Besseren belehrt.
Die Erwartungen, die ich habe, entsprechen nicht dem, was ich vorfinde. Es fehlt an allem und man verwaltet den Mangel.
Trotzdem fängt man vieles auf - siehe anderer Beitrag - aber eben nicht alles.
Letztlich zeigt dein Beitrag, dass du durchaus Erwartungen hast und Grenzen setzt.
Du erwartest, dass die SchülerInnen deinem Unterricht folgen können.
Können sie es bei mir nicht, muss ich daran arbeiten und das braucht viel Zeit. Zeit, die dann für anderes fehlen wird. Zeit, in denen andere SchülerInnen andere Aufgaben brauchen und auch Aufmerksamkeit.
Die Ärztin vom Gesundheitsamt, die die Einschulungsuntersuchungen macht, schreibt gerne auf ihre Zettel, das Kind solle am Deutschförderunterricht teilnehmen. Sie erwartet, dass die Schule diesen erteilt. Die Schule hat aber gar keine Stunden hierfür und erteilt ihn nicht.
Sie sieht Mängel, kreuzt vieles an, und erwartet, dass die Schule das auffängt. Schließlich ist es eine inklusive Schule. Dass die Schule dafür gar keine Stunden hat, sieht sie nicht. Ein Rezept für Therapien darf sie nicht aussprechen. Also sind die Eltern auf andere Ärzte angewiesen, die dies aber nicht befürworten. Also bekommt das Kind keine Therapie. Trotzdem muss das Kind in der Schule die Anforderungen bewältigen und den Mangel kompensieren.
Die Eltern erwarten, dass in einer inklusiven Schule genug Personal ist, um die Kinder entsprechend zu begleiten und zu fördern. Dass dem nicht so ist, bekommen sie dann erzählt und glauben einem nicht, weil nicht sein kann, was nicht sein darf.
Allein davon, dass man erwartet, dass Schule alles richtet, haben Schulen nicht die Möglichkeiten, die sie bräuchten.
Dass man schon zu Beginn der Schulzeit etliche verliert, hat auch etwas mit den Elternhäusern zu tun, aber auch damit, dass die Schulen nicht die Möglichkeiten haben, es aufzufangen. Das liegt sicher auch daran, dass sich zwar die Elternhäuser verändert haben, die Schulen aber nicht in dem Maße, wie es notwendig wäre. Gerade an den Förderstunden kann man nämlich hervorragend sparen und darüber die Statistik der Unterrichtsversorgung schöner aussehen lassen, als sie ist.