Ich habe das Gefühl, dass ich grundsätzlich irgendwie zu nett bin. Ich ermahne sie zwar, wenn sie sich nicht an die Regeln halten, aber ich merke, dass sie sich mir gegenüber doch recht viel herausnehmen.
Ich muss dabei zugeben, dass es mir sehr schwer fällt immer konsequent zu reagieren,
Z.B. habe ich unsere Regeln zum Abschreiben da. Diese müssen Kinder abschreiben, die vermehrt reinrufen. Da ich aber wie schon erwähnt nicht immer bei jedem Mal reagiere, wird es dann insbesondere von einem Jungen (der eben auch recht intelligent ist) als unfair empfunden, wenn es ihn dann trifft - verständlicherweise.
Bei einem anderen, sehr herausforderndem Schüler, wo ich nur Fachlehrerin bin „drohe“ ich damit die Klassenlehrerin anzurufen. Das wirkt dann, wenn ich das Handy hervorhole, aber das kann es doch auch nicht sein. Der Junge sagte schon einmal zu mir, immer erpresst du mich, dass du Frau … anrufst…
Hey. 
Ich finde es sehr mutig, dass du dich hier mit deinen "Unzulänglichkeiten" der Allgemeinheit stellst. Es fordert Größe, seine Fehler einzugestehen und öffentlich um Hilfe zu bitten, das ist super. 
Die meisten Themen, so meine Wahrnehmung, sind selbst gebaut - und da wirst du dich wirklich am Riemen reißen müssen.
Es ist nicht "zu nett", wenn du nett bist. Das ist doch was Schönes. Das Problem liegt in deiner Zerstreuung und deiner Inkonsequenz. Für die Kinder bist du so nicht berechenbar (=sie nehmen das dann nach ner Weile nicht mehr ernst) und mit der Drohung "Ich rufe die Klassenlehrerin an!" entautorisierst du dich selbst. Das zeigt den Kindern nämlich, dass du selbst keine Idee hast, wie du mit ihnen umgehst und dir dann Verstärkung holst. Dass die Kinder das als Erpressung verstehen, verstehe ich sogar - und dass ein Kind das ausspricht, bedeutet, dass es sein Gefühl dazu zum Ausdruck bringt. Nimm das als eine Kritik, auf die du hören solltest.
Meine Gedanken dazu:
Hab eine extrem gute Vorbereitung. Plane jede SEKUNDE deiner Stunden durch, egal, ob du dann alles schaffst oder nicht. Lieber etwas mehr als Leerlauf. Je mehr es Momente der Leere gibt, desto mehr fahren die Kinder hoch.
Viele Regeln lassen sich spielerisch umsetzen. Wenn die Kinder in den Kreis kommen sollen, zB nach der Frühstückspause, zähle ich an. Ich frage sie vorher, wieviel Sekunden sie meinen zu brauchen und es ist ein Spaß zu sehen, wie die Kinder blitzschnell ihre Sachen verstauen, in den Kreis stürzen, sich setzen und mich angrinsen. Manchmal, wenn sie nur knapp verlieren würden, ziehe ich die letzte Zahl etwas in die Länge und zwinkere ihnen zu. Eigentlich lieben sie das, aber manchmal kommt auch: "Neee, Frau L., wir haben das heute NICHT geschafft!"
Die Kids können auch verlieren.
Nicht immer sind alle wirklich bei Null im Kreis. In der Regel ist das nicht schlimm, weil es nur um die Gesamtbewegung geht, aber ich ermuntere die Zuspätkommer dann, das nächste Mal schneller zu sein. In anderen Klassen gibt es auch durchaus mal einen Strich, wenn ich merke, dass Kinder absichtlich trödeln, um meine Grenzen zu testen. Bei drei Strichen gibt es dann eine Sanktion, das wissen die Kinder auch. Ist aber wirklich nur in wenigen Klassen nötig.
Bei Klassen, die mich lange haben, setze ich noch ne "Stufe 1" drauf, das bedeutet, dass sie das komplett leise machen müssen. Schaffen sie das oft genug, belohne ich sie mit einem Klassenspiel (das sie nicht einfordern dürfen, sonst kommt es nicht, sondern auf es warten müssen). Gleiches beim Gang durch das Schulhaus. Wie das mit den Stufen bei mir funktioniert, habe ich schon ein, zweimal geschrieben. Kurzform: 1. Stufe: alle laufen freiwillig leise durchs Schulhaus, ohne einen Mucks. Schaffen das Kinder nicht, lachen, kichern, reden, testen aus, schubsen oder was auch immer, sitzt die Klasse auf Stufe 2. Die bedeutet alle MÜSSEN leise sein, sonst gibt es für die, die sich nicht dran halten, eine "Ichzeit". Was das ist, erkläre ich gleich.
Die Stufe 1 hat sogar geklappt, als ich mit 22 Kindern in den PC-Raum gegangen bin. Zum ersten Mal. Die Regeln wurden genau erklärt vorher und dann alles auf Stufe 1 gesetzt. Wir haben vorher überlegt, warum es wichtig ist, dort drüben kein Geschrei und kein Chaos zu veranstalten und haben genau besprochen, wie es gleich abgeht. Hat super funktioniert. Natürlich bleiben die Kids dann nicht ruhig, das erwarte ich aber auch nicht. Aber ich stelle fest, dass klare Regeln und klare Folgen sinnvoll sind. Einfach straight und für alle Kinder lesbar.
Ichzeitbogen: Wenn ein Kind mehrfach über die Stränge schlägt, bekommt es einen Ich-Zeit-Bogen. Das ist ein Din A4-Blatt, auf dem die Lehrkraft einträgt, was geschehen ist und das Kind dann mit Fragen, Ankreuzen und teilweise selbst Schreiben erarbeitet, was da schief lief, was es hätte besser machen können und was es demnächst tun wird. Dieser Zettel wird von den Eltern gegengezeichnet, wenn es wiederholt auftritt, das ist von Lehrkraft zu Lehrkraft unterschiedlich. Das Abschreiben der Schulregeln ist mir zu wenig Eigenarbeit und Reflexion.
Kinder, die oft über die Stränge schlagen, bekommen von mir erst mal eine volle Portion Dasein, Herzlichkeit, Verständnis und Nachfragen, wie sie sich fühlen, wenn das passiert und ob sie selbst sagen können, was daran stört und ärgerlich ist. Sie bekommen von mir klar gespiegelt, dass ich sie nicht verurteile, sondern mit ihnen gerne an einer Lösung arbeiten will. Das ist GRUNDSCHULE, in höheren Klassen ist sicherlich ein anderes Vorgehen notwendig. Ich stelle auch immer wieder fest, dass Lob, wenn was gut lief, wirklich hilft, die Kinder abzusichern, für einen Moment glücklich zu machen und mir näher zu bringen. Egal, ob das Reinschwätzer, Rumrenner oder sonstige Störer (und innen) sind, sie alle haben eins gemeinsam: sie bedienen ein Muster, das sie kennen. Aufmerksamkeit durch Blödsinn. Es ist ein wenig Arbeit und es braucht etwas Zeit, aber in der Regel sind Kinder, wenn sie nicht wirklich schlimmste Geschichten oder Störungen haben (wo es dann auch Diagnosen gibt) mit der Zeit besser lenkbar, auch wenn sie sicher nicht 100% still auf ihren Stühlen hocken.
Ich stelle fest, dass wenn Kinder merken, dass die Lehrkraft gütig ist, aber straight, sie das entspannt und Sicherheit gibt. Und wenn sie merken, dass die Lehrkraft auch trennen kann zwischen ihren "Minuten" und dem, was sie gut können, gibt das ihnen ein gutes Gefühl. Ich schreibe das alles nicht, weil ich denke, Vorbild zu sein. Ich schreibe das, weil ich die Erfahrung habe, dass es funktioniert.
Zusätzlich dazu ist eine gute Präsenz wichtig, eine Klarheit in der Sprache, das Vergessen und das innere Chaos möglichst beseitigen üben, weil das Kinder verunsichert (und es ja auch wirklich unfair ist, wenn du mal eine Sanktion vergisst und einmal nicht) und absolute Konsequenz. Das, was du sagst, gilt. Danach, was du sagst, handelst du. Immer.
Ich werde auch mal sauer (wenn es wirklich was ist, das zum Aus-der-Haut-Fahren ist), dann sind die Kinder meist echt erschrocken und still. Dann erkläre ich ihnen sofort, dass auch Lehrkräfte mal sauer werden, dass das aber jetzt wieder vorbei ist, ich alle gleich lieb habe, wir aber über das in Ruhe reden müssen, was gerade war.
Kinder sind nicht doof. Die wissen, was Recht und Unrecht ist, was sie falsch machen und warum man als Lehrkraft das nicht durchgehen lässt. WENN man es nicht durchgehen lässt. Ich habe die Erfahrung gemacht, wesentlich mehr Ruhe zu haben durch Freundlichkeit, Ehrlichkeit, Konsquenz und die Kommunikation darüber. Vor allem, wenn die Kinder selbst entwickeln, was gerade schief lief.
Ich kriegs nicht kürzer, sorry...hoffentlich kannst du damit was anfangen.