Die Aussage geht an der Realität vorbei. Fast überall ist man bei Anzeigegeräten zu Zeigern statt Digitalanzeigen zurück gegangen. Geh mal in einen Ikea, du findest 10 verschiedene Zeigermodelle von Uhren und vielleicht eines mit digitalen Ziffern. Digitale Armbanduhren hat es in den 80ern viel gegeben, heute sind sie fast ausgestorben. Und das hat auch seinen Grund, denn Zeigeranzeigen lassen sich nachweislich schnelle und fehlerfreier ablesen, als digitale Anzeigen. Darum wird auf den meisten digitalen Autotachos ein Zeiger für die Geschwindigkeitsanzeige eingeblendet und in Flugzeugcockpits gibt es fast ausschließlich Zeiger.
Der einzige Bereich, bei dem digitale Ziffern tatsächlich gängiger sind, sind digitale Endgeräte und da liegt auch das eigentliche Problem:
Jedes Kind möchte im Kindergarten- oder Grundschulalter selber wissen, wie spät es ist, da ergibt sich in jedem normalen Haushalt das Uhrzeit-Lernen eigentlich von selbst, wenn Kinder mal fragen und Eltern ihnen das erklären und hin und wieder üben. Das passiert nur dann nicht, wenn digitale Endgeräte in dem Alter schon ständig präsent sind, Kinder im Grundschulalter schon ein eigenes Handy haben oder als Kleinkinder regelmäßig vor dem Tablet geparkt wurden. Da wird dann natürlich eher die Digitalanzeige gelernt. Das fehlende Uhr-lesen-können ist da nur ein Symptom, das eigentliche Problem ist, dass man bei diesen Kindern oft eine Reihe weiterer Checkboxen unter der Überschrift "digitale Verwahrlosung" abhaken muss.
Deine Einschätzung, die ursprüngliche Aussage ginge 'an der Realität vorbei', scheint mir eher eine sehr persönliche Beobachtung als ein allgemeiner Fakt zu sein. Wenn man sich die aktuelle Technikwelt anschaut, zeichnet sich ein anderes Bild:
- Ästhetik vs. Präzision: Dass man bei Ikea oder in Wohnzimmern viele Zeigeruhren findet, hat weniger mit der 'fehlerfreien Ablesbarkeit' zu tun, sondern schlicht mit Design und Wohnästhetik. Eine Analoguhr fungiert heute oft als dekoratives Möbelstück. Wenn es um echte Präzision und schnelle Erfassbarkeit geht – etwa beim Sport, beim Kochen oder bei digitalen Anzeigen in modernen Autos – greifen die meisten Menschen ganz intuitiv zur Digitalanzeige.
- Die Cockpit-Realität: Die Behauptung, in Flugzeugen gäbe es 'fast ausschließlich Zeiger', ist technisch veraltet. Moderne Glass Cockpits basieren auf digitalen Bildschirmen. Dass dort Zeiger simuliert werden, dient der gewohnten Orientierung, aber die harten Daten (Höhe, Speed) werden für die maximale Präzision digital eingeblendet.
- Kein Aussterben, sondern Retro-Trend: Digitaluhren sind nicht ausgestorben; sie haben durch den Smartwatch-Boom und das Revival von Klassikern (wie Casio) sogar ein massives Comeback erlebt.
Das 'Uhr-lesen-Können' als alleinigen Maßstab für 'digitale Verwahrlosung' zu nutzen, halte ich für eine sehr gewagte These. Es ist doch eher so: Jede Zeit hat ihre Werkzeuge. Wer heute keine Analoguhr liest, ist nicht verwahrlost, sondern nutzt schlicht die effizienteren Tools seiner Epoche. Findest du nicht, dass du hier ein rein ästhetisches Vorliebe-Thema zu einem pädagogischen Grundsatzproblem überhöhst?