Beiträge von Architect

    Ich habe aktuell etwa sechs Wochen im bayerischen Referendariat in Mathematik und Physik hinter mir und wollte gerne meine bisherigen Erfahrungen teilen.

    Das Referendariat in Bayern dauert insgesamt zwei Jahre. In den ersten Wochen unterrichtet man entsprechend noch recht wenig – bei mir waren es bisher sechs eigene Stunden und zwei Vertretungsstunden. Auch nach den Osterferien werde ich zunächst zwei Klassen mit insgesamt sechs Wochenstunden übernehmen. Erst im Einsatzjahr steigt das Ganze dann auf etwa 17 Stunden an. Bayern setzt am Anfang bewusst stark auf Hospitationen, um erst einmal zu lernen, wie guter Unterricht funktioniert, bevor man selbst viel unterrichtet. Ich hätte mir persönlich zwar anfangs etwas mehr eigene Praxis gewünscht, merke aber auch, dass man durch das Beobachten wirklich viel mitnimmt.

    Das Niveau unter den Referendaren würde ich insgesamt als hoch einschätzen. Alle haben das Staatsexamen mit praktischen Anteilen durchlaufen. Gleichzeitig habe ich aber auch den Eindruck, dass Quereinsteiger gut mithalten und soliden Unterricht machen können. Im Unterricht merkt man deutlich, dass die Schülerinnen und Schüler die Referendare ernst nehmen und gut mitarbeiten. Eine Klasse war sogar schon etwas unzufrieden, weil wir bei ihnen weder hospitiert noch unterrichtet hatten – das haben wir dann natürlich nachgeholt. Unser Seminar wurde auch schon von der Seminarleitung mit anderen verglichen und gelobt. Wir übernehmen auch gerne extracurriculäre Aktivitäten, ich engagiere mich beispielsweise in der schulischen Schach-AG, andere Referendare im Chor oder im Fußball.

    Die Unterrichtsvorbereitung war bei mir am Anfang ziemlich intensiv – meine erste Stunde hat etwa 32 Stunden gedauert, selbst mit Unterstützung durch ChatGPT. Gerade passende Aufgaben zu finden, fand ich zunächst schwierig. Gleichzeitig ist der Anspruch aber auch klar: Man darf problemlos mit dem Buch arbeiten, solange man sich am LehrplanPLUS orientiert. Methodische Vielfalt wird am Anfang nicht übermäßig eingefordert. Wichtiger sind fachliche Klarheit, eine saubere Struktur, gute Visualisierung und eine sinnvolle Fragetechnik. Mit der Zeit wird man deutlich schneller – viele Stunden lassen sich dann auch in 1–3 Stunden solide planen. Das Prinzip „weniger ist mehr“ trifft es ganz gut.

    Die Zusammenarbeit empfinde ich als sehr angenehm. Unter den Referendaren herrscht ein gutes Miteinander, und auch das Verhältnis zu Seminarlehrkräften und Schulleitung ist durchweg positiv. Die Schülerinnen und Schüler erlebe ich ebenfalls als freundlich und kooperativ. Schlägereien gibt es so gut wie keine, und auch der Zusammenhalt in den Klassen wirkt gut. Interessant finde ich, dass viele Schülerinnen und Schüler heute nicht mehr so gewohnt sind, an die Tafel zu kommen.

    Apropos Tafel: Ein Punkt, den ich wirklich kritisch sehe, ist die aus meiner Sicht übertriebene Digitalisierung. In vielen Räumen gibt es gar keine klassische Tafel mehr. Gerade in Mathematik und Physik finde ich es aber extrem hilfreich, Gedanken Schritt für Schritt an der Tafel zu entwickeln. Smartboards bieten oft weniger Platz, und auch die Arbeit damit ist nicht immer so übersichtlich. Dazu kommt, dass Technik eben auch ausfallen kann – komplett oder teilweise. Besonders unpraktisch finde ich, dass Smartboard, Beamer und DokuCam oft auf denselben Bereich projizieren. Dadurch kann man praktisch nie zwei Medien parallel sinnvoll nutzen. Für mich schränkt das den Unterricht eher ein, als dass es ihn verbessert. Umso mehr schätze ich die Räume, in denen ich noch klassisch an der Tafel arbeiten kann.

    Was ich ebenfalls als Herausforderung wahrnehme, ist das teilweise sinkende Niveau bei grundlegenden Rechenfertigkeiten. Termumformungen oder das Lösen von Gleichungen sitzen oft selbst in höheren Klassen nicht sicher. Gleichzeitig liegt im Lehrplan ein stärkerer Fokus auf dem Verständnis von Strukturen. Beides unter einen Hut zu bringen, ist nicht ganz einfach. Gerade bei Themen wie Beweisen merkt man, wie wichtig eine sichere Grundlage ist.

    Positiv ist auf jeden Fall, dass unsere Wünsche bei der Klassenzuteilung berücksichtigt wurden. In Mathematik habe ich mich bewusst für eine etwas schwierigere Klasse entschieden, um mehr Praxiserfahrung zu sammeln. Die Klasse arbeitet nicht immer zuverlässig, aber gerade daraus lernt man viel über den „echten“ Unterricht. In Physik habe ich dafür eine naturwissenschaftliche Klasse bekommen, wo ich viel über Schülerexperimente lernen kann.

    Ein großer Teil der Arbeit steckt auch in der Organisation. Es gibt viele verschiedene Plattformen und Informationswege, in die man sich erst einfinden muss. Das kostet Zeit, wird aber nach und nach übersichtlicher. Auch Fachsitzungen nehmen Zeit in Anspruch – gerade in Physik, wo Experimente inklusive Gefährdungsbeurteilungen vorbereitet werden müssen. Das ist aufwendig, aber auch sinnvoll und lehrreich.

    Zusätzlich gab es bereits einige Termine und Veranstaltungen: Fortbildungen, eine BPV-Veranstaltung, Aufsichten (z. B. beim Känguru-Wettbewerb) und einen Ausflug ins Deutsche Museum mit einer siebten Klasse. Gerade solche Situationen sind sehr hilfreich, um Klassenführung auch außerhalb des Unterrichts zu lernen. Es kommt dabei durchaus vor, dass man mehrere Tage bis in den späten Nachmittag in der Schule ist und den Unterricht dann erst abends vorbereitet.

    Auch erste Korrekturerfahrungen habe ich gesammelt: In Mathematik zwei fiktive Leistungsnachweise und in Physik Teile einer echten Ex sowie die Korrektur einer Hälfte der Klasse. Der Aufwand war insgesamt gut machbar, aber man merkt schnell, dass Schulaufgaben deutlich sorgfältiger und rechtssicher korrigiert werden müssen als viele Uniklausuren.

    Insgesamt empfinde ich das Referendariat trotz des hohen Arbeitsaufwands als sehr interessant und bereichernd. Es macht mir Spaß und ich freue mich darauf, bald mehr zusammenhängenden Unterricht in meinen eigenen Klassen zu übernehmen.

    Korrektur heißt nicht nur Abhaken und Punkte verteilen, sondern auch Fehler mehr oder weniger individuell kommentieren und das kann bei mittelguten Arbeiten dauern.

    Ich weiß nicht, was du für Aufgaben meinst? Es gibt normalerweise nicht nur richtig oder falsch, diese Aufgaben sind schnell korrigiert. Klausuren gibt es bei uns nur in der Kursstufe und alleine für das Lesen benötige ich länger. Die Schüler schreiben im Abitur bis zu 36 Seiten, durchschnittlich 20 Seiten, in einer Klausur also die Hälfte also 8 - 16 Seiten manchmal auch mehr, Schrift oft kaum lesbar

    Die Aufgaben in der Kursstufe sind an Abituraufgaben angelehnt, etwa im halben Umfang. Ich schrieb ja 20 - 60 Minuten pro Schüler.

    Zu Unterricht, zwischen Schule und Uni besteht ein Riesenunterschied. Allein der sinnvolle Methodenwechsel spätestens alle 20 Minuten bei den jüngeren gibt es so kaum an der Uni. Ich kann dir nur dringend empfehlen, ein längeres Praktikum zu machen oder zumindest offen zu sein. Du trittst hier ziemlich forsch auf, dann gibt es auch deutliches Kontra, wenn die Leistungen nicht stimmen. Trotz Lehrermangel werden viele nicht dauerhaft eingestellt.

    Ich hatte mal einen Kollegen direkt von der Uni, fachlich hervorragend, wurde aber von Schülern und Eltern so fertig gemacht, dass er erst zum Wanderpokal fungierte und dann Suizid begann.

    Ich habe bisher 6 Wochen im bayerischen Referendariat verbracht, um mir eine etwas reflektiertere Meinung zu bilden, bevor ich hier antworte. Ja, die Arbeit ist definitiv ein Vollzeitjob, was mir auch bewusst war. Mir macht das echte Referendariat allerdings deutlich mehr Spaß als die Beiträge im Internet. Danke für die Warnungen und die Tipps. Deutliches Kontra ist für mich übrigens kein Problem.

    Und auch wenn ich fachlichen Verbesserungsbedarf habe, habe ich definitiv einen sehr positiven Eindruck vom Verhalten unserer Schüler und von unserem Kollegium. Das einzige Problem sind fachliche Schwächen der Schüler, aber das liegt am System. Mehr zu meinem Erfahrungsbericht schreibe ich aber im anderen Thread.

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