Also ich habe mal kurzzeitig während meines Studiums für eines der größeren Nachhilfeinstitute gearbeitet. Auch wenn meine Erfahrungen keinesfalls generalisiert werden können, so hatte ich den Eindruck, dass meine Chefin froh war, überhaupt jemanden zu haben, der fachlich ein bisschen was konnte. Ich habe damals Latein-Nachhilfe gegeben in einer Gruppe von vier SchülerInnen, die alle auf unterschiedlichem Lernstand waren, aber allesamt dasselbe Problem hatten - Übersetzen. (Eine Schülerin darunter hatte sogar bei meiner alten Lateinlehrerin Unterricht.)
Dann sollte ich im Einzelunterricht einem jungen Mann aus Russland Englisch-Nachhilfe geben. Ich erinnere mich dunkel daran, dass die Arbeit mit ihm schwierig war und er auch nicht sonderlich motiviert war.
Echtes Übungs- und Lernmaterial gab es für Latein dort übrigens fast gar nicht. Für Englisch sah es ein bisschen besser aus. Aber letztlich war es mir völlig selbst überlassen, was und wie ich mit den Kindern arbeite. Keine Kontrolle, keine pädagogisch-didaktischen Vorgaben - keine Qualitätskontrolle.
Das Ganze erschien mir damals wie ein Markt, den es unternehmerisch abzuschöpfen galt. Da ich recht bald eine andere Beschäftigung aufgenommen hatte, war für mich nach ein paar Wochen auch wieder Schluss.
Richtige und nachhaltige Nachhilfe hätte damals schon anders aussehen müssen. Analyse der Stärken und Schwächen, der Lernlücke und der Lernmethoden. Dann sukzessives Schließen der Lücken mit motivierenden Aufgaben, die den SchülerInnen nicht das Gefühl geben, defizitär zu sein sondern auch authentische Erfolge bescheren. In Verbindung damit kein Arbeiten an den aktuellen Hausaufgaben oder ähnliches. ("Ich habe meine HA mit der Nachhilfe gemacht", war für mich immer ein Zeichen von ineffizienter Nachhilfe.)
Vermutlich könnte (!) ich, wenn ich denn mutig (oder wahlweise verzweifelt) genug wäre, mich selbstständig zu machen, mit meiner Frau ein entsprechend qualitativ hochwertiges Institut aufmachen und dann, sofern genug Nachfrage besteht, offenbar richtig Kohle scheffeln.
(Es stellt sich nur die Frage, warum ich so gar keine Ambitionen habe, dies zu tun...)