Außerdem finde ich persönlich den Ansatz als Lehrer "Macht" über die Schüler zu haben, beispielsweise durch Noten, echt schräg. Wie wäre es mit der Frage: Wie kann ich mir bei meinen Schülern Respekt verdienen? So, dass sie von mir etwas lernen wollen und bereit sind sich anzustrengen?
Der Machtfaktor lässt sich aber nicht vollständig eliminieren. Selbst wenn ich nie mit schlechten Noten drohe, so habe ich kraft meines Amtes als Lehrer einen Bildungs- und Erziehungsauftrag, dem die Schüler per Gesetz unterworfen sind. Im Idealfall besteht dieses Machtgefälle nur auf dem Papier.
Womit ich aber ein Problem habe, ist die Formulierung "Respekt verdienen", da dies die Entscheidung darüber, ob ich diesen verdiene oder nicht, letztlich in die Hände der Schüler gibt. Und ein Schüler, der sich dieses erwähnten Machtgefälles bewusst ist, wird nicht so schnell an den Punkt kommen, dass sein Lehrer seinen Respekt verdient. Das käme dann einer Selbstaufgabe gleich.
Ich verfolge da einen anderen Ansatz:
Mir steht per se als Mensch, als Erwachsener und als Lehrer ein Grundmaß an Respekt zu - letztlich von jedem anderen Menschen. Das gilt natürlich auch für die Schüler. Demzufolge erwarte ich ein Grundmaß an Respekt von meinen Schülern, ich gewähre es aber auch ebenso von meiner Seite. Damit schließe ich für mich das Drohen mit schlechten Noten als Erziehungsmittel aus.
Was das hilflos in der Klasse Stehen angeht, das der TE erwähnt hat:
Ja, das ist auch meine Horrorvorstellung und ich bin ein paar Mal in der Nähe dessen gewesen. Das lag aber weniger an der Klasse als an mir selbst. Ich habe damals Folgendes gelernt, was mir persönlich mit meiner Persönlichkleit und meiner Erscheinung als Lehrer sehr weitergeholfen hat:
a) Lasse Dich niemals auf einen Zweikampf mit einem Schüler vor "seinem" Publikum ein. Den kannst Du nämlich auch verlieren.
b) Lasse DIch niemals so stressen oder ärgern, dass Du die Fassung verlierst. Damit verlierst Du Respekt.
c) Wenn es aufgrund des Verhaltens der Klasse nicht möglich ist, den Unterricht weiterzuführen, dann mach etwas völlig anderes. Das Ergebnis ist letztlich dasselbe, ist aber weniger stressig für Dich.
d) Setzt auf die Gruppendynamik. Irgendwann nervt es auch die Lerngruppe selbst, wenn die Chaoten nicht still werden. Und man kann dabei entspannt zusehen.
e) Lasse niemals zu, dass Du richtig negative Gefühle für eine Klasse entwickelst. Dann musst Du an Deinem Verhältnis zu dieser Klasse arbeiten.
Alles das habe ich nach anderthalb Jahren als Klassenlehrer einer damals sechsten Klasse gelernt. Die Stimmung war auf dem Tiefststand und es kam zu häufigen Störungen. Ich begann, die Klasse zu hassen - meine eigene Klasse. Mir wurde irgendwann klar, dass ich etwas an meiner Haltung ändern muss. Es war gegen Mitte des ersten Halbjahres und im Sommer des darauffolgenden Jahres sollte die Klassenfahrt sein. Wir haben im Anschluss daran eine Menge reflektiert, an uns gearbeitet - und hatten eine schöne und völlig entspannte Klassenfahrt. Viele der Kinder von damals habe ich diesen Sommer als Stufenberater im Abitur verabschieden dürfen. Das gute Verhältnis zueinander ist dabei in all der Zeit nicht abgerissen.
Ja, ich weiß, das kann an Brennpunktschulen oder je nach Lerngruppe auch ganz anders ausgehen. Aber auch da gibt es Lehrerpersönlichkeiten, die das irgendwie auf die Reihe kriegen. Die muss man dann fragen - und an sich arbeiten.