Beiträge von Bolzbold


    Es ist sicherlich nicht so, dass ich an dem Problem festhalten möchte. Die Anregungen helfen mir ja auch. Aber scheinbar ist es so, dass sich viele Schulen und Schulformen doch so stark unterscheiden, dass ich bei vielen Diskussionsteilnehmern auf wenig Verständnis treffe.

    Das hat in meinen Augen auch damit zu tun, dass es bei Deiner Fächerkombi einfach unglaublich viel anmutet, was Du korrigierst, obwohl Du im Vergleich zu den anderen Kernfachkollegen eben nicht 100% eines Kurses hast, die Klausur schreiben.

    Zitat


    Es ist ja schön, dass der Lehrerberuf zeitlich anscheinend für die meisten Kollegen doch nicht so zeitaufwändig ist und der Großteil noch Zeit für Hobbys, Familie, etc. hat. Ich sehe mich mit meinem Zeitproblem allerdings nicht alleine, da es viele meiner Kollegen betrifft, die auch kaum Spielraum haben, dies zu ändern. Höre ich mich direkt im Kollegium um, erfordert die Korrektur einer Oberstufenklausur zwischen 30 min (Mathe/Physik) und 2-3 Stunden (Deutsch, Englisch). Es kann doch nicht sein, dass die alle zu blöd sind, korrekturfreundliche Klausuren und Erwartungshorizonte zu stellen?


    Nein, die sind sicherlich nicht zu blöd, entsprechende Klausuren oder EWHs zu erstellen. Die meiste Zeit dürfte bei der Art des Lesens und Korrigierens draufgehen.
    Lese ich die Klausur einmal, zweimal oder dreimal?
    Wie entscheidungsfreudig bzw. konsequent bin ich bei der Punktevergabe und wie lange dauert das?
    Lege ich mir mehrere Klausuren parallel hin, um maximale Vergleichbarkeit herzustellen?
    Schreibe ich ganze Romane unter die Klausur oder gebe ich nur den ausgefüllten Bewertungsbogen zurück und stehe lediglich bei Rückfragen der Schüler zur Verfügung?
    Habe ich Angst Fehler zu machen oder nicht 100% objektiv zu sein und überlege ständig hin und her?

    Diese Punkte dürften die effektive Zeit, die man für die Korrektur braucht, entscheidend sein.
    Für eine Englisch-LK Abiturklausur benötige ich mittlerweile keine zwei bis drei Stunden mehr. Ich schreibe mir die Kriterien, die erfüllt oder explizit nicht erfüllt sind, mit Bleistift daneben, hake im ausführlichen EWH, den ich für alle Schüler für meine Korrektur mitkopiere, ab und vergebe dann die Punkte. Am Schluss übertrage ich das in das eigentliche Bewertungsraster, überprüfe, ob ich richtig addiert habe und fertig.
    Insbesondere seitdem seitens des Ministeriums inoffizielle Zeitvorgaben für die Korrektur von Klausuren veröffentlicht wurden, sehe ich nicht ein, ein Zehnfaches davon effektiv an Zeit zu benötigen.

    Keine Sorge, Scooby, ich habe Deinen Einwand schon richtig verstanden und nicht persönlich genommen.
    Meine Schulleitung äußert sich auch nicht unbedingt positiv über die PMs und ihre weiteren Karrierewege.

    Für ambitionierte zukünftige Schulleiter und Stellvertreter gibt es von Philologenverband Fortbildungswochenenden - ebenso für Fachleitungen. Wer da ernsthaft dran interessiert ist, sollte daran teilnehmen, auch um für sich Rollenklarheit zu erlangen.

    Wenn man "nur" eine Koordinatorenstelle möchte und nicht Schulleiter oder Stellvertreter werden möchte, dem hilft Erfahrung in der Verwaltung durchaus weiter. Die Bandbreite dessen, was beispielsweise in meinem Referat läuft, ist schon erheblich mehr als dass, was ich von der Schule im faktisch identischen Aufgabenfeld an fachlicher Expertise mitbringe.

    Falls ich bis dahin "will", könnte ich mit der fachlichen Expertise aus Schulpraxis und Schulbehörde durchaus kompetent als Koordinator arbeiten. Bis jetzt stehe ich aber zu der Threadüberschrift.

    Diese "Allrounder", von denen Scooby spricht, werden auch selten in der Schule generiert. Solche Fähigkeiten bringt man in der Regel mit oder entwickelt sie schnell im Zuge der angestrebten Funtion oder der erhaltenen Funktion. Dafür gibt es letztlich auch entsprechende Fortbildungsangebote.
    Führungserfahrung in dem von Scooby angesprochenen Sinn - und das kann ich auf der Basis meiner schulischen Erfahrung sagen - erhalten bestenfalls diejenigen, die von der Schulleitung protegiert werden und für eine Funktionsstelle auserwählt werden. Damit hätten sie gegenüber anderen Hauskandidaten natürlich einen Bewerbervorteil - aber von "offenen Verfahren" zu sprechen wäre hier ohnehin eine Farce.

    Die übrige Kritik an den Qualifikationen der PMs nehme ich zur Kenntnis, kann mir den Schuh aber weder anziehen noch dafür oder dagegen argumentieren. Die Leute in meinem Referat wirken nicht gerade so, als seien sie Flachpfeifen oder Schulflüchtlinge.

    Ich würde in dem Punkt zustimmen, dass eine Tätigkeit im Ministerium nicht per se für eine spätere Führungsposition qualifiziert. Dass aber KollegInnen ohne Führungserfahrung bis zur A15Z inklusive ohne Eignungsfeststellungsverfahren befördert werden (können), ist andererseits aber auch Realität.

    Für mich war es wichtig, mir neue Perspektiven zu schaffen, einmal etwas anderes zu tun und mich gesundheitlich zu stabilisieren. Alles Weitere wird sich dann zeigen.

    Die Abordnungen in NRW laufen mindestens ein, maximal drei Jahre. Theoretisch könnte man sich aber gegen Ende der Abordnung noch auf andere PM Stellen oder gar auf eine Referentenstelle, falls man über die Qualifikationen verfügt, bewerben.
    Mein Vorgesetzter hat mir gestern gesagt, dass bei der Beendigung der Abordnung man die Wahl hat, ob man an seine alte Schule zurück möchte oder ob man an eine andere Schule möchte - Bedarf vorausgesetzt.
    Das würde ggf. meine Verhandlungsposition gegenüber meiner aktuellen Schulleitung stärken...

    Viele PMs werden in der Tat gegen Ende ihrer Tätigkeit befördert und gehen dann mit Funktionsstelle an die Schulen zurück. Je nachdem, was sie vorher in der Behörde für Aufgabenfelder hatten, wäre dies ja auch plausibel.

    Das Bewerbungsverfahren enthält keine Revision.

    Bewerbung abschicken, auf Einladungsschreiben hoffen bzw. warten, zum Termin kommen, schriftliches Assessment und Bewerbungsgespräch durchlaufen und mit ein bisschen Glück (und Können) die Stelle bekommen.

    Meine Aufgabenbereiche werde wie gesagt aus Diskretionsgründen nicht hier erläutern. Erfahrungen genereller Art hingegen schon.

    Also wenn ich den TE richtig verstanden habe, dann redete er ja von acht KlausurSÄTZEN, d.h. da kommt dann ggf. bei fünf Oberstufenkursen unter Umständen schon so einiges zusammen.

    Was die Korrekturzeit angeht, so lassen sich hier leider keine allgemeingültigen Aussagen über die Mindest-/Höchstdauer treffen. Ich korrigiere meiner Empfindung nach recht schnell, auch im Vergleich zu den Kollegen. Das liegt aber daran, dass ich in meiner Entscheidungsfindung recht schnell bin. Letztlich ergeben ja auch erst alle Inhalts- und Darstellungspunkte eine Endnote. Wenn ich den Eindruck habe, dass das nicht passt, überlege ich ggf. ob hier oder da noch ein Punkt gegeben oder abgezogen werden kann. In vielen Fällen bin ich da aber relativ rigoros.
    Das hat auch damit zu tun, dass die meisten Schüler sowieso nur auf ihre Note gucken, entweder zufrieden oder eben enttäuscht sind. Einige der Letzteren fragen dann, woran es lag. Ich verweise sie dann auf den EWH und die Randbemerkungen. Wer von denen lernwillig ist, setzt sich damit auseinander. Die anderen lassen es.

    So wie yestoerty korrigiere ich übrigens auch. Das ist meines Erachtens auch besser als aufgabenweise erst alle Klausuren Aufgabe 1, dann Aufgabe 2 etc. , weil wir gerade bei der Sprachbewertung ja das "Gesamtkunstwerk" vor Augen haben sollen.

    Die Klausuren in NRW sind, wenn man die Höchstwortzahl und die Erläuterung, dass diese eigentlich nur bei der Vorabiturklausur, die unter Abiturbedingungen geschrieben wird, verwendet werden soll, sehr korrekturfreundlich. So viel können bei den gekürzten Textfragmenten, die wir da im GK lediglich noch präsentieren können, die Schüler gar nicht mehr analysieren - mangels Textmasse.

    Die Sorge, dass die Schulleitung Stress machen könnte, würde ich übrigens nicht so hoch hängen. Der Schulleiter hat nur in absoluten Ausnahmefällen ein Selbsteintrittsrecht bei der Notengebung. Wenn die Klausur im Allgemeinen fachlich und sachlich korrekt korrigiert wurde (welch unfreiwilliges Wortspiel...), dann sollte auch die eine oder andere angedrohte oder echte Schülerbeschwerde nichts bringen.

    Gerade als Lehrer darf man sich von so etwas nicht kirre machen lassen. Das hatte ich zum Teil aber ebenfalls befürchtet, als ich in meinen ersten beiden Jahren war. Die ausbleibenden Beschwerden - bis auf einmal, wo die Mutter aber direkt mit mir sprach - belegten jedoch meine offenbar nicht zu beanstandende Arbeit. Dann wurde ich entspannter. Seitdem gab es gar keine Beschwerden, allenfalls einmal Rückfragen, die ich aber allesamt problemlos klären konnte.

    Lieber watweissich, mach Dich nicht verrückt. Versuche zügiger zu arbeiten und gönn Dir bewusst Auszeiten. Du arbeitest um zu leben - nicht umgekehrt.

    @watweisich

    Kannst Du mir bitte mal die Gesamtzahl der Klausuren in der Sek II nennen, die Du pro Quartal zu korrigieren hast?
    Das können doch nicht nur acht Stück sein - und falls doch, schafft man die wirklich unter der Woche. Dafür geht kein ganzes Wochenende drauf.

    Ehrlich gesagt warte ich irgendwie nur darauf, dass Du schreibst, dass Dein Beitrag in gut gemachtes Fake ist.

    Falls nicht, müssten wir mal wirklich ans Eingemachte gehen und genauere Informationen bekommen, wie lange Du an einer Klausur sitzt etc.

    Was die Aufgabenstellung und die Abiturvorgaben angeht, so geht uns das in NRW allen so. Dennoch soll man in der Phase zwischen Q1 und Q2 bis zur Vorabiturklausur die Formate allmählich auf Abiturklausurniveau anpassen. Man darf also durchaus vom Niveau etwas niedriger anfangen.

    Hallo Zusammen,

    ich möchte mir ein Problem von der Seele schreiben, mit dem sicher viele von euch zu kämpfen haben.

    Derzeit stapeln sich wieder die Klausuren, ich lasse jetzt im November/Dezember wöchentlich Klausuren in der Sek 2 schreiben und diese wollen ja auch noch dazu erstellt werden, was inklusive Erwartungshorizont einen ganzen Tag in Anspruch nimmt. Nach den Weihnachtsferien kommen die nächsten Klausuren/Facharbeiten und dann steht schon das Abitur vor der Türe. Das heißt, ich habe bis Ende Mai kein freies Wochenende. Meine Familie ist ziemlich sauer auf mich, da ich mich für Familienfeiern, Geburtstagen, etc. ständig entschuldigen muss. Niemand will verstehen, dass meine Wochenenden für Korrekturen blockiert sind. Meine Mutter kann nicht verstehen, warum ich die Klausuren nicht abends in der Woche korrigiere. Wenn ich 6-7 Stunden am Stück unterrichtet habe, bin ich erst einmal platt und kann mich nicht in Ruhe abends noch mal eben kurz an 2-3 Klausuren setzen. Ich korrigiere meine Klausuren immer am Stück, da es eine gedankliche Einarbeitung in die Thematik und eine Vergleichbarkeit zwischen den Schülerleistungen bedarf. Ich brauche alleine ca. 2 Stunden, um mir einen Überblick zu verschaffen. Dazu brauche ich Zeit, Konzentration und Ruhe. Das lässt sich nicht eben so mal abends machen.

    Wie geht ihr mit dieser Situation um? Ich habe bereits Strategien entwickelt, wie ich die Klausuren möglichst zeitoptimiert korrigiere. Allerdings steigen mir bei der Klausurenausgabe regelmäßig die Schüler/Eltern aufs Dach, wenn ich etwas schlampiger gearbeitet habe.
    Wie macht ihr euren Familienmitgliedern/Freunden klar, dass Wochenenden zum Arbeiten blockiert sind?

    Danke!

    Das mit den Klausurenstapeln kenne ich auch seit 13 Jahren.
    Dass Du bis Ende Mai jedoch kein freies Wochenende haben wirst, kann jedoch nicht Dein Ernst sein. Das hatte ich selbst in meinen schlimmsten Zeiten nicht so extrem.

    Du schreibst, dass Du nach sechs bis sieben Stunden Unterricht platt bist und abends nicht mehr kannst. Das ist Dein gutes Recht, doch verlagerst Du dann eben die weitere Arbeitszeit auf das Wochenende. Da könnte man ggf. in der Tat trotzdem mit einer Veränderung ansetzen.

    Die größte Zeitverschwendung ist jedoch diese Illusion der 100%igen Vergleichbarkeit von Schülerleistungen. Wenn Du wirklich so lange an der Erstellung der Klausur und des EWHs sitzt, dann ist der EWH doch das Instrument, das Vergleichbarkeit herstellt - aufgrund der für alle Schüler gleichsam angelegten Kriterien. Da braucht es keine zwei Stunden für einen Überblick. Seit den kriteriengestützten EWHs habe ich das nie wieder gemacht. Ausnahmen wären Unterschiede in der Korrektur von Fehlern oder einzelnen Kriterien, die ich erst nachträglich nach einigen Klausuren entdeckt habe.

    Ich merke, dass ich unter der Woche mitunter (nicht immer, aber eben ab und an) gerade wenn ich die Wochenenden frei haben will, durchaus die Energie entwickle und die Klausuren dann eben abends korrigiere. Eben immer nur zwei oder drei. Da kommen bei fünf Unterrichtstagen auch 10 bis 15 Klausuren zusammen.

    Was die Beschwerden von Schülern und deren Eltern angeht, so wundert mich das etwas. SO schlampig kannst Du doch nicht korrigieren, dass man sich da direkt beschwert, oder?
    Ich nehme Beschwerden immer erst dann entgegen, wenn die Schüler sich intensiv mit ihrer Klausur, dem EWH und ihrer konkreten Leistung auseinandergesetzt haben. Die meisten sind dazu zu faul. Dementsprechend hatte ich seit Jahren keine Beschwerden mehr über eine angeblich schlampig korrigierte Klausur.

    Dann ist da noch eine ganz wichtige Sache:
    Freizeit gibt Kraft und Energie. Daher nehme ich mir mittlerweile bewusst Auszeiten am Wochenende oder Freizeit mit der Familie, damit ich an den anderen Tagen mit mehr Energie die Klausuren angehen kann. Korrekturzeit unter der Woche ist eine gute Investition für Freizeit und mehr Lebensqualität am Wochenende. Das wiederum ist eine gute Investition in die Arbeitskraft für unter der Woche.

    Um aber endlich auch einmal eine Auszeit von den Korrekturen zu haben, habe ich mich jetzt in die Schulverwaltung abordnen lassen. Auch eine Möglichkeit... Und die Wochenenden sind garantiert frei.

    Da fällt mir gerade auf:

    Mit Geographie und Chemie gehörst Du doch gar nicht zu den Großkorrigierern. Frag mal die Deutsch-, Englisch-, und Mathekollegen. Deren Kurse schreiben immer in voller Stärke fast bis zur Vorabiturklausur.
    Magst Du mal erzählen, wie viele Klausuren Du effektiv im Quartal hast?

    So, nach längerer Zeit nun mal ein Update.

    Die Situation an meiner Schule hat sich für mich so entwickelt, dass ich dort langfristig keine Perspektive mehr gesehen habe und ich mich dementsprechend recht und links umgesehen habe, was es an Alternativen gibt.
    Mittlerweile hat es mich als pädagogischen Mitarbeiter in die Schulbehörde verschlagen. (Auf den genauen Fachbereich gehe ich aus Diskretionsgründen nicht ein.)

    Dort werde ich nun erst einmal für ein Jahr, ggf. auch für drei Jahre arbeiten. Eine Beförderung nach A15 wäre dort theoretisch auch möglich, doch habe ich mir meinen Oberstufenkoordinator sehr genau angeschaut und mein Eindruck hat sich erhärtet, dass er diese Schlagzahl trotz seiner gerade einmal Anfang 40 keine fünf Jahre durchhalten wird. Eigentlich kann das System Schule es einem nicht deutlicher sagen, dass ein weiterer Karriereschritt womöglich gar nicht so erstrebenswert ist.
    Was ich in den nächsten Monaten ausloten werde, ist zum einen, wann ich zurück in die Schule gehe und zum anderen, wie ich mich dort so einrichte, dass ich den Beruf nicht nur gesundheitlich bis zur Pensionierung durchhalte sondern auch von der Motivation her. Die Dinge, die ich in der Schule nicht mehr machen möchte, bin ich ja nun erst einmal los. Da das Zusatzaufgaben waren, muss ich sie auch nicht bei einer Rückkehr in die Schule wieder übernehmen.

    Das sieht man derzeit recht gut bei den Grünen.
    Sie haben im Bereich Umwelt einiges "gebacken bekommen", wenngleich natürlich nicht alles. Sie sind nicht mehr so extrem wie früher und damit offenbar für eine breitere Masse wählbar.
    Gleichzeitig jedoch haben sie mitunter diese Tendenz, den Bürger zugunsten der Umwelt bevormunden zu wollen. Ob es nun die Idee war, den Spritpreis auf damals 5 Mark hochzusetzen oder die anderen eher befremdlich anmutenden Ideen.

    Mich stört eigentlich eher folgender Umstand:
    Art 21 GG

    Zitat

    (1) Die Parteien wirken bei der politischen Willensbildung des Volkes mit.


    Ich habe seit gut 20 Jahren das Gefühl, dass die Parteien im Wesentlichen ihren Willen in der Politik durchsetzen und hoffen, dass durch ein paar Wahlversprechen doch noch genug Wählerstimmen für sie zusammenkommen.
    Somit würden die Parteien nicht bei der Willensbildung des Volkes mitwirken sondern diesen im Wesentlichen selbst definieren. Das ist wohl auch ein großer Teil dieser "Abkopplung" von der Gesellschaft, die oft kritisiert wird.


    Wenn die Arbeiter- und Soldatenräte der damaligen Zeit keine "neuen demokratischen Kräfte" gewesen sein sollen, wer dann?


    Der Masterplan dieser Räte war es ja, Deutschland nach dem Muster Russlands umzugestalten.
    Damit hätte die Bourgeoisie entmachtet werden müssen - demokratisch wäre das sicher nicht abgelaufen.

    Die radikale Linke wähnte sich moralisch im Recht, weil Marx die Bourgeoisie axiomatisch zum Feindbild deklariert hat und man intepretierte, dass diese nun im Extremfall auch physisch eliminiert werden dürfe (vgl. Russland).

    Basisdemokratie bzw. direkte Demokratie als Prinzip wäre unter bestimmten Voraussetzungen zweifellos begrüßenswert, aber die Arbeiter- und Soldatenräte verstanden unter Demokratie etwas anderes.

    Ich habe 1993 Abitur gemacht und war 1989 in einem Alter, in dem ich zwar nicht die Weltpolitik als Ganzes überblickt habe, doch war mir klar, dass der 9. November 1989 geschichtsträchtig sein würde. Ich erinnere mich noch gut daran, dass damals im Sat 1 Teletext die Sondermeldung mit der offenen Mauer gab und an den Zusatz "jetzt kann es kein zurück mehr geben". Nur knapp eine Schwangerschaft später (31. August / 12. September 1990) war Deutschland mit der Unterzeichnung des Einigungsvertrags und des "Zwei plus vier Vertrags" faktisch wiedervereinigt.

    Als Schüler habe ich die Büßermentalität im Unterricht selbst erlebt und im Zuge meiner Ausbildung zum Geschichtslehrer für mich entschieden, dies nicht weiter zu tradieren. Erinnerung, Mahnung, Gedenken ja - ewige Buße nein. Das würde für mich durchaus als Verletzung des Beutelsbacher Konsens fallen.
    Den moralischen Zeigefinger erhebe ich dementsprechend im Geschichtsunterricht bei der Behandlung der NS-Zeit gar nicht. Muss ich auch nicht. Ich lege den Unterricht so an, dass die Schüler auf der Basis ihrer bisherigen Vorkenntnisse ganz von selbst das Unrecht, die Widersprüche, die Verbrechen etc. erkennen und in ihrer Dimension erahnen können. Die Schüler sind oft auf ganz authentische Weise ohne mahnende Worte entsetzt und angewidert von dem entsprechend für sie vorbereiteten Material.

    Genauso verfahre ich später mit dem "Phänomen Wiedervereinigung", das ich auf der Basis der oben genannten Daten auch so thematisiere. Der Doppelfilm "Deutschlandspiel" darf dabei nicht fehlen. Die Ereignisse lassen sich in meinen Augen nur sehr distanziert über das Schulbuch greifen. Die Doku hingegen ist wirklich packend gemacht und fesselt die meisten meiner Schüler.

    Die NS-Zeit ist nach wie vor ein Schwerpunktthema in der Q1, womit ich auch grundsätzlich kein Problem habe. Mein Unterricht endet in der Regel mit der Wiedervereinigung. Diesmal werde ich wohl auch noch die Entwicklung bis 2001 weiterzeichnen.

    Ich frage mich nebenbei, was wohl die Geschichtslehrer in 50 oder 100 Jahren über das frühe 21. Jahrhundert schreiben werden.

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