Ich wünsche allen hier im Forum ein frohes neues Jahr!
Seit einiger Zeit lese ich hier interessiert mit. Ich möchte gerne das Thema "Alt werden im Lehrerberuf" aufwerfen, weil ich das Bedürfnis habe, mich mit Gleichaltrigen (Mitte 50 und aufwärts) auszutauschen und Fragen nachzugehen wie etwa:
Hat die Arbeitsbelastung zu genommen oder fühlt es sich nur so an?
Wie seht ihr die Entwicklung im Schulwesen? Positiv? Negativ?
Über einen regen Austausch würde ich mich freuen.
LG, GG
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Ich bin Anfang 50 und fühle mich mal mit angesprochen.
Die Arbeitsbelastung hat zum Teil zugenommen (Bürokratie, zentrale Prüfungen), gleichzeitig haben wir es aber auch mit einer deutlich veränderten Schülerklientel zu tun. Die SchülerInnen, die ich vor 10 oder 15 Jahren unterrichtet habe, waren ganz andere als die heutige Generation. Die zwei Jahre an meiner alten Schule nehme ich als Ausnahme, weil diese Schule in einem "großbürgerlichen" Einzugsgebiet mit sehr bildungsaffiner Elternschaft liegt, so dass das sicherlich ein Ausreißer nach oben ist.
Die heutige SchülerInnenschaft empfinde ich als eine, die sich nicht mehr gut über einen längeren Zeitraum konzentrieren kann und die keine fünf Minuten ohne ihr Smartphone auskommt. Das macht das Unterrichten insgesamt mitunter anstrengender.
Gleichzeitig bin ich aber so routiniert, dass ich viele Stunden theoretisch auch ohne jegliche Vorbereitung (Material vorausgesetzt) halten kann, so dass ich jederzeit in jeder Lerngruppe jedes meiner Fächer aus dem Stand unterrichten könnte. Das macht es deutlich entspannter.
Mit dem Alter und der Routine kommt zusätzlich der größere Respekt durch die KollegInnen und die Elternschaft. Ich muss mich deutlich seltener rechtfertigen und meine Positionen werden stärker akzeptiert und mitunter übernommen.
Einiges ist gleich geblieben - die Grundstruktur unserer Arbeit - einiges hat sich verändert, zum Schlechteren wie zum Besseren.
Was die Arbeitsbelastung betrifft, so ist es wohl eine individuelle Empfindung wie hoch oder wie niedrig diese ist. Viel wichtiger mit zunehmendem Alter ist, wie ich damit umgehe. Schaffe ich mir kleinere Pausen, Auszeiten, Ruhephasen, oder bin ich immer noch Hans Dampf in allen Gassen. Achte ich auf die Signale meines Körpers und tue etwas für meine Gesundheit oder betreibe ich weiterhin (jugendlichen) Raubbau daran?
In meiner jetzigen Position habe ich Stressphasen, die mitunter spontan auftreten können, oft aber saisonal sind und im Kalender ablesbar bzw. vorhersehbar sind. Gleichzeitig weiß ich aber, wie ich damit umgehe, bin sehr zügig bei Verwaltungstätigkeiten und arbeite lösungsorientiert. (Mein ehemaliger Stellvertreter meiner alten Schule sagte mir, dass es für ihn keine Probleme sondern nur Lösungen in Warteschleife gebe. Das empfinde ich als eine gesunde Einstellung.) Meine Leitungszeit ist zum Teil fest verplant, zum Teil spontan verplant, dazwischen gibt es aber immer Phasen, wo ich durchatmen kann. DAS brauche ich mittlerweile - und dann schaffe ich auch meinen Schulalltag ohne gesundheitliche Einbußen und habe außerhalb desselben noch Energie für Partnerschaft, Familie, Sport und Hobbies - also eigentlich das, was wirklich wichtig ist.