Mal angenommen, man könnte die Religion tatsächlich als in sich stimmiges Denksystem betrachten: die Begründung der Diskriminierung von Schwulen und Lesben ist schon religionsinhärent nicht rational nachvollziehbar, weil vollkommen eklektisch. Wieso gilt das altestamentarische Verbot des Schwulensex, aber nicht das Verbot von Tätowierungen, das Heiratsverbot zwischen Religionen oder die Unreinheit von Kamelen oder Hummern? Wenn das Neue Testament tatsächlich das alte als Vertrag mit der Gottheit ablöst, wieso ist das alttestamentarische Verbot von Schwulensex noch gültig, die Nahrungsvorschriften aber nicht mehr?
Wie bereits irgendwo erwähnt: Homosexualität wird auch im Neuen Testament abgelehnt (zum Beispiel Markus 7,21; 1. Korinther 6,9f.; vor allem Römer 1,26f.). Über Tätowierungen steht dort meines Wissens nichts, die Ehe mit Nichtchristen wird legitimiert (1. Korinther 7,12ff.), die Speisegebote werden explizit aufgehoben (Matthäus 15,11; Apostelgeschichte 10,9-15; Römer 14,14ff.; 1. Korinther 10,25 uvm.). Darüber hinaus gilt bei dem Großteil der Christenheit (Katholiken, Orthodoxe, Altorientale, Teile der Anglikaner) nicht "sola scriptura", sondern die kirchliche Überlieferung (Tradition) als weitere Quelle der Offenbarung, die diese Ansichten von der Urkirche über die Kirchenväter bis heute kontinuierlich teilt. Kein Eklektizismus.