Nachhilfeschülerin hat ADHS - hat jemand Infos/Hilfestellungen?

  • Vor ca. einer Woche hat mich auf Grund einer Anzeige eine Mutter bei mir gemeldet. Ihre Tochter bräuchte Nachhilfe in Englisch/7. Klasse. Sie meinte auch, dass sie sehr schnell verbal vom Thema abschweifen würde und dies den Nachhilfeunterricht etwas schwierig gestalten könnte. Ich hab mir nichts weiter dabei gehabt, weil ich Erfahrung mit solchen Nachhilfeschülern habe und es bei diesen auch nach einer Weile recht gut geklappt hat.
    Ich war also gestern das erste Mal bei dieser Familie. Die Mutter schickte die Tochter für die ersten 15 Minuten erst einmal aus dem Zimmer und offenbarte mir, dass sie seit ca. einer Woche wüsste, dass ihre Tochte ADHS hat. Und zwar nicht die hyperaktive, sondern die ruhige Form. Ich bin noch im Studium und bin bis jetzt noch nicht über das Thema gestolpert. Für mich war es also alles neu. Die Mutter möchte der Tochter das Ergebnis der Untersuchungen aus uen Unterschiedlichsten Gründen nicht mitteilen, was mir meine Arbeit denke ich auch noch mal ein wenig erschwert. Beim darauf folgenden Unterricht machte es sich auch stark bemerkbar. Sie hat ihre eigene Ordnung und findet Dinge nur wieder, wenn sie nebeneinander liegen. Mit übereinander liegenden Dingen kann sie nicht anfangen, findet z.B. ihre Hefte in der Stunde nicht in ihrem Rucksack und bekommt dann immer nachgesagt, dass sie die HA nicht macht, obwohl sie sie jeden Tag anfertigt. Mir ist auch aufgefallen, dass sie schon einen recht großen Wortschatz im Englischen hat, jedoch das, was sie weiß, nicht richtig in sinnvollen Kategorien zusammensetzen kann. Es scheint alles in völligem Wirrwarr in ihrem Kopf herumzuschwirren.


    Meine Frage lautet nun wie ich ihr adäquat helfen kann. Wie gesagt, ich habe noch nie mit ADHS Kindern gearbeitet, bin mir allerdings schon jetzt sicher, dass ich da mit meiner bisherigen Methode Nachhilfeunterricht zu geben nicht wirklich weiterkommen werde.


    Das Mädchen ist übrigens auf einer Realschule.


    Ich würde mich sehr freuen, wenn mir jemand etwas zu diesem Thema sagen könnte, oder mir eine gute Webseite nennen könnte.


    Danke

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  • Zitat

    Thoughtful schrieb am 11.03.2006 23:07:
    Sie hat ihre eigene Ordnung und findet Dinge nur wieder, wenn sie nebeneinander liegen. Mit übereinander liegenden Dingen kann sie nicht anfangen [...] [...] Es scheint alles in völligem Wirrwarr in ihrem Kopf herumzuschwirren.


    Ich habe gerade eine sehr instruktive AD(H)S-Fortbildung gemacht; das Wichtigste (was uns regelrecht eingehämmert wurde): Solche Kinder brauchen Strukturen und Routinen.


    Also: Die Nachhilfe immer nach dem gleichen Muster aufbauen und so Routine erzeugen. Diese Routinen auch auf den Schulranzen ausdehnen ("Deutsch liegt immer vor Mathe vor Englisch etc."). Und mit stark strukturierten Arbeitsblättern arbeiten (Schritt 1 -> Schritt 2 -> Schritt 3 etc.).

    Einmal editiert, zuletzt von philosophus ()

  • Hi,


    wie philosophus schon sagte, Strukturen sind ganz wichtig. Ich wollte nur noch was anmerken, bezogen auf deine Aussage über das "völlige Wirrwarr in ihrem Kopf": Was mir aufgefallen ist, meist sind die Gedanken gar nicht so wirr...sie sind nur eben nicht so geradeaus, wie man das "normalerweise" erwartet. Gelegentlich kommen dann also Antworten raus, über die man selbst erst mal nachdenken muss, die dann aber auch Sinn machen. Nur halt nicht auf den ersten Blick. Also bitte nicht einfach als falsch abtun und abwürgen.


    Schau sie an, wenn du ihr Arbeitsanweisungen gibst (also nicht nebenbei schreiben, auf den Tisch schauen etc.) und lass sie möglicherweise die Arbeitsanweisungen nochmal selbst wiederholen.


    Hat sie verschieden farbige Hefter für ihre Fächer? Sie sollte immer nur einen Hefter (also das Material für ein Fach) auf dem Tisch haben. Sind diese Hausaufgaben beendet, alles wegpacken und das Material für die nächsten Hausaufgaben rausholen. (Damit die Hausaufgaben für ein Fach immer im gleichen Ordner sind und nicht im Ranzen verloren gehen.)


    Wenn möglich, falte Arbeitsblätter so, dass jeweils nur eine Aufgabe sichtbar ist, auf die sie sich konzentrieren kann. Das kann sie auch in der Schule so machen.


    Hat die Mutter denn die Schule informiert? Besonders, wenn das Mädchen ruhig ist, kann sie im Unterricht leicht übersehen werden. Bisher hatte ich hauptsächlich Jungs, die sich sehr wohl durch ständiges Reinrufen, Aufstehen und Rumlaufen, und dergleichen bemerkbar gemacht haben und alles andere als übersehbar waren. ;)


    Viel Erfolg,
    Dejana

  • Hallo Dejana,
    so wie die Mutter es mir mitteilte ist sie in der Schule gar nicht mal so in sich gekehrt und versucht auch aktiv am Unterricht teilzunehmen. Und das obwohl sie weiß, dass ca. 99% ihrer Antworten falsch sind. Das finde ich schon beachtlich.


    Worüber ich mir allerdings schon seit Freitag gedanken mache, ist die Tatsache, dass die Mutter ihr nichts von der Diagnose sagen möchte, weil sie Angst hat, dass sie sich dann als vollkommen dumm abstempelt und depressiv wird, weil es der Tochter einer Bekannten wohl so ergangen ist. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das die richtige Strategie ist. Die Tochter wird sich ja irgendwann fragen, wofür sie die ganzen Tests gemacht hat und was das Ergbnis davon ist.


    Das Wirrwarr in ihrem Kopf habe ich aus ihren Antworten bezüglich der englischen Grammatik abgeleitet. Sie war schon in der Lage mir verschiedenste Zeiten zu nennen, nur dass sie sie eben nicht in den richtigen Kintext einordnen kann. Auch hab ich das Gefühl, dass sie die Dinge, die ich ihr sage sehr schnell wieder vergisst. So habe ich mit ihr Conditional Sentences I durchgenommen, wo eine wirkliche Struktur eigentlich erkennbar ist. Erst als ich ihr Vergleichssätze daneben gelegt habe, hat sie nach einer Weile verstanden was genau sie denn zu tun hat.


    Bitte versteht mich nicht falsch. Ich möchte das Mädchen keinesfalls als dumm abstempeln. Ich bin mir nur noch nicht ganz sicher, wie genau ich ihr helfen kann. Aber nach einem Mal Nachhilfe ist dies denke ich auch noch nicht möglich.

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  • Hallo Thoughtful,


    Zitat

    Thoughtful schrieb am 12.03.2006 11:58:
    so wie die Mutter es mir mitteilte ist sie in der Schule gar nicht mal so in sich gekehrt und versucht auch aktiv am Unterricht teilzunehmen. Und das obwohl sie weiß, dass ca. 99% ihrer Antworten falsch sind. Das finde ich schon beachtlich.


    Das klingt schon eher nach dem, was ich gewohnt bin. :D Solange sie noch nicht aufgegeben hat, ist es doch gut. Sie versucht es zumindest noch. Stell dir mal vor, du hättest ein Kind vor dir, das im Unterricht schon resigniert hat.


    Zitat

    Worüber ich mir allerdings schon seit Freitag gedanken mache, ist die Tatsache, dass die Mutter ihr nichts von der Diagnose sagen möchte, weil sie Angst hat, dass sie sich dann als vollkommen dumm abstempelt und depressiv wird, weil es der Tochter einer Bekannten wohl so ergangen ist. Ich bin mir allerdings nicht sicher, ob das die richtige Strategie ist. Die Tochter wird sich ja irgendwann fragen, wofür sie die ganzen Tests gemacht hat und was das Ergbnis davon ist.


    Nun gut, sieh es mal so. Es liegt nicht an dir diese Entscheidung zu treffen. Sie ist nicht deine Tochter. Ich kann die Mutter schon etwas verstehen, obwohl ich ADHD Schüler nicht unbedingt als "dumm" ansehen würde. Sie denken nur etwas anders. Meinem eigenen Kind würde ich das wohl nicht vorenthalten, schließlich könnte sie sich so zumindest darauf einstellen und wissen, dass sie eben nicht dumm ist.
    Ich finde allerdings, es wäre auch wirklich wichtig, das mit der Schule zu koordinieren. Du als Nachhilfelehrer einmal die Woche wirst nicht unbedingt viel ausrichten können, wenn der Rest drumherum gleich bleibt.


    Zitat

    Auch hab ich das Gefühl, dass sie die Dinge, die ich ihr sage sehr schnell wieder vergisst. So habe ich mit ihr Conditional Sentences I durchgenommen, wo eine wirkliche Struktur eigentlich erkennbar ist. Erst als ich ihr Vergleichssätze daneben gelegt habe, hat sie nach einer Weile verstanden was genau sie denn zu tun hat.


    Hm, versuch es mal mit den "Three R's - Routine, Regularity, Repetition". Nach nur einer Stunde könnte es schwierig sein..das reicht wahrscheinlich einfach noch nicht. Auch, wenn sie sich die Sachen vielleicht nur einmal die Woche mit dir anschaut, könnte das noch zu wenig Zeit sein. Lieber in kleinen Einheiten, dafür öfters lernen. Dazu müssen aber die Eltern auch mitziehen und die Zeit zuhause so strukturiert gestalten wie möglich.


    Richtiges Zuhören ist nach dem Leseverständnis die Fähigkeit, die am schwersten zu erlenen ist (zumindest hat man mir das so beigebracht). Kinder mit ADHD sind dabei noch zusätzlich benachteiligt. Du kannst nicht wirklich erwarten, dass sie gleich alles versteht und behält, bloß, weil du es ihr mündlich erklärt hast. Hast du sie es nochmal erklären lassen? Bilder dazu gemacht?


    Könntest du es mit Checklisten versuchen? Welche Zeiten haben welche Eigenschaften? Kann man diese Eigenschaften beim vorliegenden Satz abhaken/finden? Gibt ihr die Liste mit Häkchenkästchen an die Hand, damit sie in dem Satz nachschauen kann. So kann sie auch erst mal ihre eigenen Sätze untersuchen.


    Tut mir leid, bei Englisch kann ich wohl nicht besonders helfen. Die Kinder, mit denen ich arbeite kennen nicht mal den Begriff "tense" in dem Zusammenhang, geschweige denn die verschiedenen Zeiten. Muttersprachler halt... :D


    Dejana

  • eine Anmerkung zum Thema ADHS


    ich bin selbst kein Experte für ADHS und kenne selbst nur die psychologische Position zu diesem Thema...
    Natürlich gibt es ADHS als eine Störung die sich auf physische bzw. hirnphysiologische Ursachen zurückführen lässt. Ich glaube, dass eine Familie in einem solchen Fall wirklich professionelle Hilfe benötigt und du nicht als Ersatz dafür herhalten kannst. So nach dem Motto: die Nachbarn solln bloß nichts mit bekommen... (Will ich hier gar nicht unterstellen)


    Andererseits muss man sich fragen, wieso plötzlich jedes Kind, das nicht funktioniert und Probleme macht, als ADHS-krank eingestuft wird und unter Umständen noch Medikamente eingeflößt bekommt. Einige Psychlogen schätzen (das liegt wahrscheinlich auch an ihrem speziellen Blickwinkel), dass bei nur einem drittel der ADHS-Diagnosen tatsächlich die Störung vorliegt. Beim großen Rest zeigen Kinder Symptome, die auf Belastungen, gestörte Dynamiken innerhalb der Familie zurückzuführen sind. Es ist dann natürlich einfach und entlastend, wenn man alle Probleme auf das Kind bzw. die Krankheit zurückführen kann und sich nicht mit der Familiensituation auseinandersetzen muss.


    Ich wollte das hier einfach mal anmerken, wobei ich weiß, dass das jetzt nicht wirklich hilfreich ist. Mir war bloß aufgefallen, dass die Freundin des betroffenen Kindes zufällig auch an ADHS leidet und ich finde die Geheimnistuerei der Mutter etwas seltsam.


    Ich wünsche Dir auf jeden Fall viel Erfolg bei der Arbeit mit Mutter und Kind

  • Zitat

    bremerin schrieb am 12.03.2006 13:21:
    Andererseits muss man sich fragen, wieso plötzlich jedes Kind, das nicht funktioniert und Probleme macht, als ADHS-krank eingestuft wird und unter Umständen noch Medikamente eingeflößt bekommt. Einige Psychlogen schätzen (das liegt wahrscheinlich auch an ihrem speziellen Blickwinkel), dass bei nur einem drittel der ADHS-Diagnosen tatsächlich die Störung vorliegt. Beim großen Rest zeigen Kinder Symptome, die auf Belastungen, gestörte Dynamiken innerhalb der Familie zurückzuführen sind. Es ist dann natürlich einfach und entlastend, wenn man alle Probleme auf das Kind bzw. die Krankheit zurückführen kann und sich nicht mit der Familiensituation auseinandersetzen muss.


    Es ist schon etwas auffällig, aber mit Routine kann man auch nichts "kaputt" machen, wenn das Kind nicht wirklich ADHD hat. Das hilft auch vielen Kindern, die eigentlich ganz "normal" sind. Schließlich ist Timm als Nachhilfelehrer dort, nicht als psychologischer Betreuer oder Arzt. Da kann man immer nur so viel machen...
    Wir können ja schlecht einschätzen, ob das Kind nun wirklich ADHD hat oder ob die Familie nur eine Ausrede sucht.


    Die Geheimnistuerei der Mutter ist schon etwas eigenartig. Auch komisch, dass zwei Freundinnen beide ADHD haben. Soweit ich das richtig verstanden habe, leiden weitaus mehr Jungs unter ADHD als Mädels. Zumindest sind mir persönlich noch keine Mädels damit untergekommen. ?( Vielleicht ist das aber auch nur Zufall?!


    Dejana

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