Überlegungen zur Einigung im Kita-Tarifstreik und der Bedeutung für uns Lehrkräfte

  • Im Bereich des Sozial- und Erziehungsdienstes hat es eine bemerkenswerte Einigung gegeben:

    Zitat

    Eckpunkte des Kita-Tarifkompromisses:
    Erzieherinnen erhalten ab dem 1. November rund 150 Euro mehr Gehalt monatlich, unterschiedlich verteilt auf die verschiedenen Entgeltgruppen. Erzieherinnen mit Normaltätigkeiten können künftig im Monat von 2040 bis zu 2864 Euro verdienen, Erzieherinnen mit schwierigen Tätigkeiten zwischen 2140 Euro und 3250 Euro und Leitungskräfte in Kindertagesstätten zwischen 2240 Euro und 4135 Euro. Die Entgelte im Sozialdienst liegen künftig zwischen 2300 Euro und 4525 Euro.


    http://www.tagesschau.de/wirtschaft/erziehertarife106.html


    Insbesondere bemerkenswert, da es im Bereich des kommunalen öffentlichen Dienstes vor einem Jahr schon eimal beachtliche 8% Tariferhöhung, verteilt auf 2008 und 2009, gab.
    http://www.tagesschau.de/wirtschaft/tarifkonflikt24.html


    Hier sieht man, was ein Streikrecht offensichtlich wert sein kann.


    Ein paar Überlegungen zum Lehrerberuf diesbezüglich (speziell bzgl. verbeamter Lehrkräfte, aber nicht nur!):


    Erst einmal fällt auf, dass die letzte Besoldungserhöhungserhöhung dazu im Vergleich lächerlich gering ausgefallen ist (Niedersachsen: ca. 4,5% verteilt auf die Jahre 2009 und 2010).
    http://www.gew-nds.de/Aktuell/…z_09/Beamtenbesoldung.pdf


    Dazu kommen die in vielen Bundesländern in den letzten Jahren deutlich reduzierten oder wie in Niedersachsen komplett gestrichenen Sonderzahlungen (Weihnachts- und Urlaubsgeld).


    Das Ergebnis im Kita-Bereich kann insofern als positives Signal angesehen werden, dass der Gesellschaft Erziehung- und Bildung zukünftig mehr wert ist.


    Zudem sind gerade die Lehrer und Lehrerinnen in einer günstigen Position. Der Bildungsforscher Prof. Klemm hat aktuell festgestell:

    Zitat

    Wesentlich aktueller (2009) ist die vom Essener Bildungsforscher Klaus Klemm vorgelegte Studie Zur Entwicklung des Lehrerinnen- und Lehrerbedarfs in Deutschland. Nach seiner Analyse sind in den kommenden Jahren nur etwa 26.000 voll ausgebildete Lehrerinnen und Lehrer zu erwarten, die sich um den Eintritt in den Schuldienst bewerben werden. Die Bilanzierung von Lehrerbedarf und Lehrerangebot zeigt, dass es in den kommenden Jahren nicht einmal gelingen wird, den derzeitigen Stand der Lehrerversorgung zu halten. Den dazu jährlich erforderlichen 27.000 Personen würde nur ein Angebot von 26.000 gegenüberstehen. Gleichfalls weist er auf die Schieflage hin, dass für bestimmte Schulformen und die Unterrichtsfächer, die nachgefragt werden, nicht die entsprechenden Lehrkräfte zur Verfügung stehen.


    http://www.uni-due.de/isa/ta_schule/schule_frm.htm


    Zwischenfazit: Eigentlich stehen die Ampeln für eine (auch finanzielle) Aufwertung des Lehrerberufs auf "grün". Allerdings müssen zwei Entwicklungen im Auge behalten werden:


    Die Länder werden insbesondere bei den Beamten wie in den letzten Jahren versuchen, durch faktische Arbeitszeitserhöhungen hier gegenzusteuern: Das Spektrum umfasst hierbei die Erhöhung der Stundendeputate, die Einführung oder Weiterführung von zwangsweisen Arbeitszeitkonten, der Versuch des Aufschiebens der Rückzahlung derartiger Konten, die Erhöhung der Klassenfrequenzen, die Kürzung oder Streichung von Anrechnungsstunden, Erhöhung der Abschläge bei vorzeitiger Pensionierung... Klar ist auch, dass die "offizielle" Arbeitszeit (die berühmten "40-Stunden") nicht angetastet werden wird, damit das Ganze der Öffentlichkeit nicht auffällt.


    Beliebig lässt sich diese Strategie aber nicht fortführen, da es zwangsweise die Unterrichtsqualität verschlechtert, was zuerst die Kinder, dann deren Eltern und schließlich die Öffentlichkeit bemerken wird. Auch "Lehrer-Bashing" in den Medien seitens Politik und "Bildungsexperten" wird diese Strategie nicht ewig unterstützen können.


    Es wird daher meiner Meinung nach zu einem Wettlauf der Länder um (neue) Lehrer kommen, was sich aktuell ja schon ankündigt: Die Besoldungsstrukturen der Länder unterscheiden sich, selbst das "arme aber sexy"-Berlin wurde gewzungen, seinen Pädagogen mehr zu bezahlen (auch wenn es sich dort um Angestellte handelt).


    Also auch hier wiederum: "Alles im grünen Bereich?". Konkurrenz belebt bekanntlich das Geschäft und könnte im Falle der Lehrer zu höheren Gehältern/Besoldungen evt. sogar zu einer eigenen Besoldungstabelle führen? Jetzt kommt aber der Haken:


    Ich glaube, Bund und Länder haben mittlerweile den Fehler erkannt, der sich durch die Übertragung der Besoldungshoheit auf die Länder jetzt für den Bereich der Lehrkräfte manifestiert, und wollen zurückrudern:


    Folgendes sollte einem zu denken geben:

    Zitat

    Heesen: Bezahlungswettlauf schlecht für die Bürger
    dbb unterstützt Zypries-Vorschlag zur Beamtenbesoldung


    Der dbb beamtenbund und tarifunion begrüßt die Absicht der Bundesjustizministerin, die im Rahmen der Föderalismusreform an die Bundesländer übertragene Zuständigkeit für die Beamtenbesoldung wieder beim Bund anzusiedeln. Die Befürchtung, dass ein „besoldungstechnischer Flickenteppich" entsteht, habe sich bewahrheitet, zitiert die Berliner Zeitung (12. Mai 2009) Brigitte Zypries. Sie trete deshalb dafür ein, die Besoldungskompetenz wieder dem Bund zu übertragen. [...] Heesen: „Wir haben inzwischen ja einen regelrechten Wettlauf der Länder um die besten Leute, vor allem in den Mangelberufen wie Lehrer, Techniker und IT-Spezialisten."


    http://www.komba.de/page.php?p…om_pid=24&cat_id=&nid=299


    Warum diese Einigkeit zwischen Vertetern des DBB und der Politik?


    Dazu muss man verstehen, dass von den ca. 1,7 Millionen Beamten in Deutschland ca. 1 Million im höheren oder gehobenen Dienst der Länder stehen (http://de.wikipedia.org/wiki/Beamter). Die Mehrheit davon dürften Lehrer und Lehrerinnen sein, von denen es ca. 800.000 gibt (ich nehme an, dass sich die Zahl der beamteten Lehrkräfte im Bereich 500.000 bis 600.000 bewegen wird). Kurz: Jeder dritte Beamte ist Lehrer. Die Politik kann (will?) sich explodierende Kosten für diese Lehrer-Beamten nicht leisten, und der DBB als Interessenvertretung aller(!) Beamten könnte eine "Vorzugsbehandlung" eines Teils der Beamten oder gar eine eigene Besoldunsgtabelle für Lehrkräfte gegenüber dem überwiegenden "2/3-Rest" der Beamten kaum vermitteln. Zudem: Da Lehrkräfte sich im Landesdienst (einige auch im kommunalen Dienst) befinden, sind die Berührungspunkte zum Spitzenverband der Beamten traditionell gering


    Zusammenfassung: Strukturell sind die Lehrkräfte (und ich schließe hier die Angestellten mit ein, da ein noch weiteres Auseinanderdriften der Entlohnungen zwischen Beamten und Angestellten kaum praktikabel wäre: Berlin bietet dafür ein gutes Beispiel) in einer guten Position, was die finanzielle Aufwertung des Lehrerberufs betrifft. Allerdings scheint sich eine Opposition bestehend aus Politik und DBB zu formieren, die dass verhindern will.


    Kommentare erwünscht!


    Gruß !

    Mikael - Experte für das Lehren und Lernen

    12 Mal editiert, zuletzt von Mikael ()

    • Offizieller Beitrag
    Zitat

    Original von Mikael
    Die Besoldungsstrukturen der Länder unterscheiden sich, selbst das "arme aber sexy"-Berlin wurde gewzungen, seinen Pädagogen mehr zu bezahlen (auch wenn es sich dort um Angestellte handelt).


    Teil-Veto:
    Ja: Berlin hat über unsere Streiks einen Teil der BAT-Erhöhungen der vergangenen Jahre ausgeglichen: 65 Euro in diesem Jahr (brutto) als Sockelbetrag zusätzlich zum Grundgehalt und im nächsten Jahr 4,46 % für das Grundgehalt - dafür erfolgte seit mindestens 2003 keine Erhöhrung mehr. (Das entspricht also in etwa der Besoldungserhöhung, die du für Niedersachsen erwähnst.)


    Nein: Die Ankündigung, alle Lehrer, die nach TVL eingestellt wurden, würden ab Februar 2009 in Erfahrungsstufe 3 und alle Angestellten ab September in Erfahrungsstufe 5 aufsteigen, ist bislang eine komplette Ente. Noch niemand hat einen Cent dieser versprochenen Erhöhungen gesehen. Berlin macht sich daraus bislang auch nicht viel: Schließlich werden ja von den Oberschulen Lehrer abgesetzt und an die Grundschulen gesetzt. Dass die sich dann weigern in der 3. Klasse zu unterrichten oder völlig überfordert sind, egal. Hinzu kommt, dass mehrere hundert Lehrerstellen fehlen, d.h. ein Teil der Stellen wird im nächsten Schuljahr über befristete Verträge oder Honorarmittel besetzt.
    Ich erwähne das jetzt hier, weil dieses Spektakel um "1200 Euro mehr im Monat für alle Berliner Lehrer" ja lang und breit durch die Presse ging und ich da auch schon mehrfach drauf angesprochen wurde.


    Aber klar, du hast Recht: Auf ewig wird sich das nicht fortsetzen lassen. Der Wettbewerb unter den Bundesländern wird härter werden - und hoffen wir mal, dass auch die Bestrebungen, qualifizierte Lehrer einzustellen, härter werden...

    SCHOKOEIS!


    Ich lese und schreibe nach dem Paretoprinzip.

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