Von der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen zum Abitur – Erfolgsgeschichte oder Systemkritik?

  • Ich bin 26 Jahre alt und gelte als das, was im Volksmund als „Bildungsaufsteiger“ bezeichnet wird. Meine gesamte Schullaufbahn verlief so ziemlich gegensätzlich zu der der meisten Menschen.

    Als Kind eines Arbeiters und einer Migrantin war mir das alles nicht gerade in die Wiege gelegt. Während meiner Grundschulzeit wechselte ich in der dritten Klasse auf eine Schule für Erziehungshilfe und wurde in der vierten Klasse auf eine Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen versetzt. Meine Schwierigkeiten waren ADHS-typisch: Ich war sehr verträumt, leicht ablenkbar und miserabel organisiert – Letzteres hat sich ehrlich gesagt bis heute gehalten. :zungeraus:

    Nach neun Jahren auf der Förderschule erkannte man schließlich mein Potenzial und ich durfte probeweise in eine Hauptschulklasse wechseln. Obwohl ich den gesamten Unterrichtsstoff kaum kannte, passte ich mich sehr schnell an und wurde Klassenbester. Allerdings war ich dabei eine Klassenstufe niedriger eingestuft worden. Den Hauptschulabschluss machte ich schließlich mit einem Notendurchschnitt von 2,4.

    Während meiner Zeit auf der Förderschule besuchte ich sogenannte Tagesgruppen, später erhielt ich Integrationshilfe. Außerdem wurde ich aufgrund meines ADHS in Kinderzentren betreut. Ich war eben ein kleiner rebellischer „Systemsprenger“. :autsch:

    Nach dem Hauptschulabschluss begann ich eine handwerkliche Ausbildung. Auch wenn das Handwerk nie wirklich meine Leidenschaft war, wurde ich erneut Klassenbester. Es handelte sich jedoch um eine zweijährige Ausbildung, die nicht zum Erwerb der Mittleren Reife führte. In dieser Zeit lernte ich allerdings sehr prägende Menschen kennen. Sie motivierten mich dazu, die Mittlere Reife auf dem zweiten Bildungsweg nachzuholen. Auch diesen Abschluss erreichte ich mit einem Notendurchschnitt von 2,4.

    Dann verging einige Zeit. Corona kam und ich legte meine schulische Laufbahn zunächst auf Eis. Nach der Pandemie ging es für mich schließlich auf die nächsthöhere Schulform. Mir wurde geraten, auf das Gymnasium des zweiten Bildungswegs zu wechseln, weil man in mir das entsprechende Potenzial sah. Gesagt, getan: Ich machte mein Abitur mit einem Notendurchschnitt von 2,2. Der Schnitt hätte vermutlich sogar noch besser ausfallen können, doch aufgrund meiner Prüfungsangst lief es in den Abschlussprüfungen nicht ganz so, wie ich es mir erhofft hatte.

    Heute habe ich mich tatsächlich für ein Lehramtsstudium für die Sekundarstufe I beworben und möchte im Oktober mit dem Studium beginnen. Ich glaube, dass meine Erfahrungen sehr wertvoll sein können. Ich kenne sozusagen jede Etappe des deutschen Bildungssystems – vom Förderbedarf bis zum Abitur. Gerade deshalb sehe ich mich in der Verantwortung, mich für mehr Bildungsgerechtigkeit einzusetzen. Und zwar aus einer vollständig intrinsischen Motivation heraus.

    Um aber auf die eigentliche Frage zurückzukommen: Bin ich der Beweis für ein funktionierendes Bildungssystem – oder eher ein Beispiel dafür, dass in Deutschland viel zu früh aussortiert wird?

    Vielleicht hilft meine kleine Geschichte auch dem einen oder anderen Förderschullehrer dabei zu erkennen, wie wertvoll es sein kann, einem Kind zu vertrauen. Dieses Vertrauen kann ein Leben nachhaltig prägen. :engel:

  • PablosPlace 5. Juli 2026 15:55

    Hat den Titel des Themas von „Von der Förderschule mit dem Schwerpunkt lernen zum guten Abi. Ein Erfolg des Systems oder die Kritik von diesem?“ zu „Von der Förderschule mit dem Schwerpunkt Lernen zum Abitur – Erfolgsgeschichte oder Systemkritik?“ geändert.
  • Ich finde, du bist ein Beispiel dafür, das unser Bildungssystem durchlässig ist. Ich finde nicht, dass du vorschnell falsch "aussortiert" worden bist. Was soll das überhaupt heiße, aussortiert? Du hast die Schulform gewechselt und warst dort offensichtlich gut aufgehoben, hast Abschlüsse gemacht und bist jetzt richtig weit gekommen. Glückwunsch, das ist toll!

    Ich denke außerdem, dass Förderschullehrer ihre Schüler meist richtig einschätzen und dass sie Potential erkennen können. Ob du deine Geschichte hinterher in der Elternschaft publik machen willst oder sie privat hältst, kannst du dir dann immer noch überlegen. Und ich hoffe, dein Berufswunsch resultiert nicht nur aus der Motivation heraus, anderen mit deinem Beispiel eine Lehre sein zu wollen. Du hast hoffentlich auch richtig Lust, mit Kindern zu arbeiten und bist dir bewusst, dass es auch manchmal gilt, unbequeme Entscheidungen zu treffen, wenn es sein muss.

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