Nationalsozialismus und Religion sind in der Tat schwierige Themen ... da sollte man sich vor jeder Vereinfachung, auch wenn sie noch so gut in das eigene Weltbild passt, hüten. Nein, anti-religiös war der Nationalsozialismus sicher nicht ... eher war er seine eigene Religion (ich glaube Rosenberg schrieb sogar von der "Nationalsozialistischen Kirche"). Aber war er christlich, sah er das Christentum als Verbündeten, bediente er sich aus Überzeugung heraus christlicher Vorstellungen?
Grundsätzlich muss man differenzieren zwischen einzelnen Geistlichen und der (katholischen) "Amtskirche". Und auch bei der katholischen Amtskirche kann man Unterschiede vor und nach dem Konkordat finden, so warnten die kath. Bischöfe 1930 ausdrücklich vor dem Nationalsozialismus, es gab sogar die Aussage, dass es sich ausschließen würde, Katholik und Mitglied der NSDAP zu sein.
Die deutlich besseren Wahlergebnisse der NSDAP in protestantischen Gebieten hat Plattenspieler schon angesprochen (z.B. Quelle: Jürgen W. Falter „Hitlers Wähler“ (C.H.Beck-Verlag, München 1991: „Hitler war vor allem in evangelischen Gebieten erfolgreich“, „Protestanten waren im Schnitt doppelt so anfällig gegenüber der NSDAP wie Katholiken“, „Katholizismus als Resistenzfaktor“.)
folgende Grafik findet sich in mehreren Standardwerken zu dem Thema (allerdings ohne den Erklärtext, der hier wohl nachträglich eingefügt wurde - ich verwende dennoch diese Grafik, weil ich gerade keine Möglichkeit habe, aus meinen Büchern etwas einzuscannen):
[Blockierte Grafik: https://conservo.files.wordpress.com/2017/01/nsdap-…jpg?w=640&h=958]
1933 änderte sich das. Hitler nahm für sich in Anspruch, das rechtmäßige Staatsoberhaupt zu sein ... es wurde schwierig für die Kirche, das nicht anzuerkennen (hätte man bei der Ablehnung bleiben sollen? Ich denke ja, aber das sagt sich wohl jetzt leichter, als es getan wäre). Dazu kamen kirchenfreundliche Äußerungen Hitlers, der sehr wohl wusste, dass ein "Kirchenkampf" den inneren Zusammenhalt der Deutschen, an dem ihm durchaus gelegen war (Volksgemeinschaft), schwächen würde. Die Kirchen sind nicht die Einzigen, die auf Hitlers schöne Worte hereingefallen sind.
Das Konkordat, das der Papst mit den Nationalsozialisten schloss (zum beiderseitigen Nutzen), entzog etwaigen Widerstandsgedanken weiteren Boden. Dennoch gab es einzelne Geistliche, die sehr wohl ihren Widerstand - der auch aus dem Glauben heraus geschah - mit dem Leben bezahlten. Und gleichzeitig gab es Geistliche, die Waffen segneten, den Krieg gegen Russland bejubelten und die Maßnahmen gegen die Juden (Antisemitismus war in den Kirchen - ebenso wie generell in Europa - durchaus verbreitet).
Und dann muss man auch sehen: eine Ideologie kann sehr wohl in völligem Widerspruch zu einer Religion stehen, sich aber durchaus der Religion oder deren Inhalte bedienen. Ja, Hitler spricht sehr viel von Gottes Willen, göttlicher Fügung, ließ sich selbst als "Erlöser" darstellen etc ("Indem ich mich des Juden erwehre, kämpfe ich für das Werk des Herrn").
War Hitler überzeugter Christ (bis zum Ende war er offiziell Katholik, Kirchensteuer zahlte er immerhin bis 1934 - ab da zahlte er als Staatsoberhaupt überhaupt keine Steuern mehr)? Benutzte er christliche Ideen aus innerer Überzeugung oder als rhetorische Mittel, weil er damit das (christlich geprägte
) Volk erreichte?
Wie wäre es nach einem gewonnenen Krieg mit dem Christentum weiter gegangen?
Hitler am 6. Juli 1933: "Mit den Konfessionen, ob nun diese oder jene: das ist alles gleich. Das hat keine Zukunft mehr. Für die Deutschen jedenfalls nicht. Der Faschismus mag in Gottes Namen seinen Frieden mit der Kirche machen. Ich werde das auch tun. Warum nicht? Das wird mich nicht abhalten, mit Stumpf und Stiel, mit allen seinen Wurzeln und Fasern, das Christentum in Deutschland auszurotten. … Für unser Volk aber ist es entscheidend, ob sie den jüdischen Christusglauben und seine weichliche Mitleidsmoral haben oder einen starken heldenhaften Glauben an Gott in der Natur, an Gott im eigenen Volke, an Gott im eigenen Schicksal, im eigenen Blute. Lassen Sie das Spintisieren. Ob nun Altes Testament oder Neues, ob bloß Jesu Worte wie der Houston Stewart Chamberlain will: alles das ist doch derselbe jüdische Schwindel. Es ist alles eins und macht uns nicht frei. Eine deutsche Kirche, ein deutsches Christentum ist Krampf. Man ist entweder Christ oder Deutscher. Beides kann man nicht sein. … Waswerden soll, fragen Sie? Das will ich Ihnen sagen: verhindern, dass die Kirchen etwas anderes tun, als was sie jetzt tun. Nämlich Schritt für Schritt Raum verlieren. Was glauben Sie, werden die Massen jemals wieder christlich werden? Dummes Zeug. Nie wieder. Der Film ist abgespielt. Da geht niemand mehr herein. Aber nachhelfen werden wir. Die Pfaffen sollen sich selbst ihr Grab schaufeln. Sie werden ihren lieben Gott an uns verraten. ... Die katholische Kirche ist schon etwas Großes. Herr Gott, das ist eine Institution, und es ist schon was, an die zweitausend Jahre hier auszudauern. Davon müssen wir lernen … Aber nun ist ihre Zeit um. … Zu simplen Verbrechern werden wir sie stempeln. Ich werde ihnen die ehrbare Maske vom Gesicht reißen. Und wenn das nicht genügt, werde ich sie lächerlich und verächtlich machen …"
Martin Bormann schrieb z.B. 1941 an die Gauleiter: ""Nationalsozialistische und christliche Auffassungen sind unvereinbar. Die christlichen Kirchen bauen auf der Unwissenheit der Menschen auf und sind bemüht, die Unwissenheit möglichst weiter Teile der Bevölkerung zu erhalten, denn nur so können die christlichen Kirchen ihre Macht bewahren. Demgegenüber beruht der Nationalsozialismus auf wissenschaftlichen Fundamenten. Das Christentum hat unveränderliche Grundsätze, die vor fast 2000 Jahren gesetzt und immer mehr zu wirklichkeitsfremden Dogmen erstarrt sind. Der Nationalsozialismus dagegen muss, wenn er seine Aufgabe auch weiterhin erfüllen soll, stets nach den neuesten Erkenntnissen der wissenschaftlichen Forschung ausgerichtet werden. Unser nationalsozialistisches Weltbild aber steht weit höher als die Auffassungen des Christentums, die in ihren wesentlichen Punkten vom Judentum übernommen worden sind. Auch aus diesem Grunde bedürfen wir des Christentums nicht. Kein Mensch würde etwas vorn Christentum wissen, wenn es ihm nicht in seiner Kindheit von den Pfarrern eingetrichtert worden wäre. Wenn also unsere Jugend künftig einmal von diesem Christentum, dessen Lehren weit unter den unseren stehen, nichts mehr erfährt, wird das Christentum von selbst verschwinden. Aus der Unvereinbarkeit nationalsozialistischer und christlicher Auffassungen folgt, dass eine Stärkung bestehender und jede Förderung neu entstehender christlicher Konfessionen von uns abzulehnen ist. Ein Unterschied zwischen den verschiedenen christlichen Konfessionen ist hierbei nicht zu machen. Zum ersten Male in der deutschen Geschichte hat der Führer die Volksführung bewusst und vollständig selbst in der Hand. Mit der Partei, ihren Gliederungen und angeschlossenen Verbänden hat der Führer sich und damit der deutschen Reichsführung ein Instrument geschaffen, das ihn von der Kirche unabhängig macht. Alle Einflüsse, die die durch den Führer mit Hilfe der NSDAP ausgeübte Volksführung beeinträchtigen oder gar schädigen könnten, müssen ausgeschaltet werden. Immer mehr muss das Volk den Kirchen und ihren Organen, den Pfarrern, entwunden werden. Selbstverständlich werden und müssen, von ihrem Standpunkt betrachtet, die Kirchen sich gegen diese Machteinbuße wehren. Niemals aber darf den Kirchen wieder ein Einfluss auf die Volksführung eingeräumt werden. Dieser muss restlos und endgültig gebrochen werden. Ebenso wie die schädlichen Einflüsse der Astrologen, Wahrsager und sonstigen Schwindler ausgeschaltet und durch den Staat unterdrückt werden, muss auch die Einflussmöglichkeit der Kirche restlos beseitigt werden."
Damit ließe sich sehr wohl argumentieren, dass der Nationalsozialismus (sogar von eigener Sichtweise aus) nicht christlich, sondern anti-christlich war.
ggf. interessant (wobei man natürlich einwenden kann, dass der Artikel stark "christlich geprägt" ist
https://www.deutschlandfunkkultur.de/hitlers-verhae…ticle_id=457675
oder auch: https://literaturkritik.de/id/17220
Was mir in der ganzen Diskussion hier generell zu stark vermischt wird: Reden wir über die katholische Kirche oder die evangelische ... über Christentum oder christliche Kirchen? Über die Christen oder die Amtskirche - und nein, das ist nicht immer das Gleiche.