Was wird erwartet? Ich denke, gar nicht so viel. Flipper79 hat schon einiges genannt.#
Ich ergänze mal, auch wenn es dabei zu Wiederholungen kommt. Da die Frage ja eher in Richtung gesellschaftlicher Erwartungen geht, blende ich strukturelle, technische und rechtliche Einschränkungen erstmal aus.
1.) Sinnvolle Aufgaben, mit denen der Lernprozess weitergeführt wird. Sie sollen also nicht nur Beschäftigungstherapie sein oder endlose Wiederholungend es alten Stoffs. Dazu müssen sie natürlich sinnvoll und zielführend gestellt werden mit einer klaren Vorstellung der Lehrperson, welche Lernziele erreicht werden sollen und wie die einzelnen Schritte dahin führen - wie im normalen Unterricht eben auch.
2.) Transparenz über den Lernprozess. Die Schüler und Eltern müssen verstehen können, dass die gestellten Aufgaben sinnvoll sind.
3.) Klare Rückmeldungen, die dem Schüler einen Überblick über seinen Leistungsstand geben und dem Lehrenden die Möglichkeit geben, diesen zu diagnostizieren.
4.) Die Möglichkeit, mit der Lehrperson Kontakt aufzunehmen und Fragen und Probleme zu klären.
5.) Die Möglichkeit, sich mit anderen Schülern der Lerngruppe auszutauschen, um soziales Lernen zu ermöglichen.
Ich glaube, so hoch sind die tatsächlichen Ansprüche gar nicht. Und dass sie immer wieder pauschal mit dem Aspekt "Digitalisierung" vermischt werden, liegt einfach daran, dass viele der Kommentatoren und Journalisten sich gar nicht eingehend mit dem Thema "Unterricht" auskennen und hier einfach verschiedene Schlagbegriffe durcheinander werfen. Meine Punkte 1-4 lassen sich klar auch ohne Digitalisierung lösen, niederschwellige digitale Lösungen (Email, Lernplattformen etc.) können hier allerdings vieles erleichtern und beschleunigen. Zu Punkt 5, der natürlich auf Videokonferenzen herausläuft, fällt mir keine gute analoge Lösung ein. Was ein großes Problem zu sein scheint, ist dass es offenbar eine unglaublich große Bandbreite gibt, wie Kollegen das Home Schooling gestalten. Ich meine das überhaupt nicht qualitativ, sondern denke, dass es wohl für viele Schüler einfach unfassbar schwierig ist den Überblick darüber zu behalten, wie der einzelne Kollege unterrichtet und was er erwartet, wenn dies für jeden anders aussieht. Klar hat auch im Präsenzunterricht jeder seine eigenen Vorstellungen, Vorgehensweisen, Rituale, aber die Rahmenbedingungen sind prinzipiell erstmal gleich.
Insgesamt glaube ich aber, dass die Schüler, Eltern und "die Gesellschaft" an sich schon ganz zufrieden wäre, wenn die oben genannten Punkte halbwegs konsequenz und im Großen und Ganzen einheitlich erfüllt werden. Das ist der pädagogische Anspruch.
Der technische Anspruch ist ein anderer: Lernplattformen müssen stabil sein, Datenschutz muss geklärt sein, technische Ausstattung muss für Lehrende und Lernende vorhanden sein, alle müssen damit umgehen können etc. Das ist der Teil "Digitalisierung", der hier einfach in den eigenen Topf geworfen wird, was den Diskurs erschwert, zum empörten Aufschrei und zur Verteidigungshaltung bei vielen Kollegen führt und die Fronten verhärtet.