Ich beobachte den Thread schon lange und wollte auch noch meinen Senf dazugeben.
Meine Schüler lernen schon lang nicht mehr explizit "Vokabeln", zumindest nicht in Listen. Ich halte dieses Vorgehen (besonders im fortgeschrittenen Unterricht) für absolut ineffektiv. Erstens lädt es absolut zum "Bulimie-Lernen" ein; zweitens sind viele Vokabellisten zu den jeweiligen Units im Buch oft sehr sehr schlecht zusammengestellt. Oft sind da Vokabeln drunter, die da (aus unterschiedlichen Gründen) einfach nicht (mehr) hingehören. Fachwortschatz vermischt mit Alltagswortschatz. Null oder viel zu wenig Kontext. Irgendwelche von den Autoren erfundenen Definitionen, die den Kern der Bedeutung selten treffen. (Warum man da nicht einfach die Definition vom OALD abschreibt, keine Ahnung...) Es ist einfach sinnlos, sowas zum Lernen aufzugeben...
Ich denke, man kann sich gut daran orientieren, wenn man überlegt, wie man seine Muttersprache gelernt hat... Da hat man ja auch keine Vokabellisten ins Hirn geballtert. Da ging es um Konfrontation mit der Sprache auf allen Kanälen. Hören, Sprechen, Lesen, Schreiben. In dieser Reihenfolge.
Ich spreche in meinem Unterricht ausschließlich Englisch. Spricht mich ein Schüler auf Deutsch an, verstehe ich es nicht. Es wird NICHTS auf Deutsch gemacht; auch nicht irgendwelcher Orga-Kram oder die Notenbekanntgabe. Englisch, Englisch, Englisch. Wenn mich ein Schüler in der Pause sprechen will, auf Englisch.
Ich arbeite fast ausschließlich (bis auf Prüfungsvorbereitung, da nehme ich das Schulbuch bzw. halt alte Prüfungsaufgaben) mit authentischen Materialien. Bei mir wird man keinen Text finden, der irgendwie vereinfacht oder gekürzt wurde. Die Schüler bekommen es so "nackt" wie es im Guardian, etc. drin war. Videos, Audios, etc. die man verwenden will, kann man ja in der Regel eh nicht verändern. Die Schüler bekommen ausreichend Zeit, sich mit den Materialien intensiv auseinander zu setzen. Es braucht halt, solange es braucht, bis alles verstanden ist. Sie haben einen Mund um mich (auf Englisch) zu fragen, wenn sie einzelne Wörter oder Phrasen oder auch mal ganze Passagen nicht verstehen. Dann paraphrasiere ich (auf Englisch) oder wenn es komplexer ist, erkläre ich es einfach (auf Englisch) auf eine andere Art und Weise. Für die Feinarbeit haben sie dann immer noch Google Translate.
Weiterhin sorge ich dafür, dass die Schüler zum Sprechen kommen. Und zwar nicht im Rahmen von "fill in the gap" sondern zusammenhängend, mehrere Minuten am Stück. Jeder Schüler hält bei mir pro Jahr mindestens zwei Referate. Zusätzlich nehmen sie sich beim Sprechen auf und ich gebe ihnen individuelles Feedback.
Wenn es möglich ist, haue ich mit jedem Bildungsgang mindestens einmal ins Englisch-sprachige Ausland ab. Mit dem BK2 (das ich nur ein Jahr habe) klappt es leider nicht immer. Mit der Oberstufe aber schon. Und da werden dann Dinge ausgesucht, die die Schüler interessieren. Da schaut man sich halt mal ein Stadion an oder geht halt in die WB Studios wegen Harry Potter. Ins Natural History Museum können sie auch in Deutschland. Dinosaurier sehen überall gleich aus. Es geht mir da um die Sprache. Und die Motivation der Schüler ist um einiges höher, wenn es um Dinge geht, die sie interessieren. (Wie viele Schüler im Stadion plötzlich vollkommen freiwillig mit dem Guide Englisch sprechen konnten (weil sie Dieses oder Jenes wissen wollten), mag man kaum glauben...)
Als Lernhinweise für Tests gibt es von mir nur Folgendes: Wenn Sie diese, diese und diese Materialien inhaltlich und sprachlich problemlos verstehen und die Inhalte in eigenen Worten unter Verwendung des Fachvokabulars wiedergeben können, werden Sie im Test mindestens eine gute Leistung erzielen. Für eine sehr gute Leistung erwarte ich eine Beschäftigung mit der Sprache/dem Stoff über das was im Unterricht gemacht wird hinaus. Aber auch da wissen die Schüler, was sie für eine 1 machen müssen.
Meine Klassen kommen im Abi in der Regel mit einem Schnitt um die 8 NP zurück. In der Kommunikationsprüfung in der 13 hatte ich schon zweistellige Durchschnitte. Und da saßen sehrwohl Kolleginnen und Kollegen dabei, die keine Noten herschenken. Selbst im BK2 sind die Kolleginnen und Kollegen begeistert von der Qualität der mündlichen Leistungen in der mündlichen Prüfung.
Und das wie gesagt ohne, dass auch nur einmal eine Vokabelliste auswendig gelernt wurde...
Natürlich gibt es immer Schüler, die mit Englisch abgeschlossen haben und/oder einfach nicht die Mühe aufbringen wollen, bei meinem Vorgehen mitzuziehen. Joah, dann sei es so. Aber solche Schüler gibt es in jedem Fach und in jeder Klasse. Von dem Großteil der Schüler erhalte ich aber immer sehr zufriedenstellendes Feedback zu meinem Englisch-Unterricht.
Wobei ich vielleicht dazusagen muss, dass ich selbst Englisch auf C2-Niveau spreche, da ich einen Großteil meiner Familie im englischsprachigen Ausland habe, wo in der Regel auch von Fremden angenommen wird, dass ich Muttersprachlerin bin, wenn ich zu Besuch bin.