Beiträge von Valerianus

    Vielleicht sollte der Unterschied zwischen Cancel-Culture und die Diskussion abbrechen noch einmal herausgearbeitet werden:

    Cancel Culture ist der systematische Boykott (notwendigerweise MIT explizitem oder impliziten Aufruf an Andere zum Boykott) von Personen, Organisationen oder Veranstaltungen aufgrund von vorgeworfenem Fehlverhalten, was (ebenfalls notwendigerweise) nicht justiziabel ist, sondern lediglich den moralischen Werten des Durchführenden widerspricht. Als Beispiel kann man hier die DFG und Dieter Nuhr in Zusammenarbeit mit einem Twitter-Shitstorm nehmen (und die DFG ist nun wirklich eine der unpolitischsten Organisationen die wir in Deutschland haben).

    Die Diskussion oder den Umgang abbrechen ist eine private Entscheidung, bei der man für sich selbst entschließt mit einer bestimmten Person nicht mehr zu sprechen oder zu diskutieren, in den meisten Fällen aufgrund deren Verhaltens oder Aussagen. Ich lese zum Beispiel O. Meier wirklich gerne, weil er in vielen Fällen eine erfrischend andere Sichtweise vertritt auf viele Dinge, aber ich würde mit ihm nicht mehr über Religion diskutieren, ansonsten werde ich hier dauerhaft gebannt, weil ich mich zu sehr aufrege, so viel grünen Tee kann ich gar nicht trinken. ;)

    Das eine ist eine nach außen gerichtete Handlung, das andere eine nach innen gerichtete.

    @samu: Der "Mein Kampf" Vergleich war wirklich daneben, da ich a) bezweifle, dass irgendwer hier im Thread das Ding komplett gelesen hat und b) das schon echt zu nah an Godwin's Law ist, unabhängig davon, ob Gauland ein Politiker mit sehr seltsamen Ansichten ist.

    Herr Rau: Die Frage ist doch: Was ist zielführender für die Gesellschaft? Der Rücktritt von Andreas Scheuer oder gute alternative Lösungsansätze, also ein Wettstreit der Ideen? Ich würde immer das zweite bevorzugen, denn auch wenn ich den Mann für nicht besonders fähig halte, gehe ich davon aus, dass er lernen und besser werden kann und wenn er wirklich unfähig ist, dann sollte die Bundeskanzlerin ihn vor die Tür setzen, aber bitte weil das die richtige Entscheidung ist, nicht weil der öffentliche Druck zu groß ist. Dieselbe Argumentation gilt Richtung Presse und Opposition...natürlich dürfen die fordern was sie wollen, aber das beste für die Gesellschaft wären bessere Ideen, denn ansonsten hast du nur den nächsten bayrischen Seehofer-Synchronsprecher als Verkehrsminister, der aber von seinem Job keine Ahnung hat. Was ändert das denn?

    Dein Beispiel müssen wir etwas konkreter machen. Nehmen wir an, dass der nächste Bundeskanzler (oder die nächste Kanzlerin) wiederholt rassistischen Unfug redet (nur Unfug wäre für Laschet gemein, dann hätte er keine Chance). Das müsste angesprochen werden, in allen Zeitungen, im Internet, auch im Freundeskreis diskutiert und im Bundestag müsste jeder Abgeordnete für sich sein Gewissen befragen und überlegen ein konstruktives Misstrauensvotum einzubringen und/oder zu unterstützen. Nach dem Clownzirkus in den USA und dem Mist den sich Herr Scheuer (fachlich) in dieser Legislaturperiode geleistet hat, glaube ich aber leider dass die Zeit in der Politiker wegen Fehlverhalten zurücktreten oder vom Parlament zurückgetreten werden, sich dem Ende neigt. Für was für Kleinigkeiten sind Politiker früher freiwillig zurückgetreten und wie klebrig sind manche heute geworden... ;)

    Ein echtes Problem hast du erst dann, wenn sie aus einer Partei kommen und eine Wählerschaft haben, die das gut findet (Hint: Trump...)...

    Ich glaube jetzt sind wir weitestgehend auf demselben Stand. :)

    Nur drei Anmerkungen:
    1.) Gegen Konsequenzen habe ich gar nichts. Dem Verband und auch dem Verein geht es um sein Image und das soll nicht zerstört werden, also sind die natürlich berechtigt gegen Vereine/Fans vorzugehen, die ihr Image und damit ihren Marktwert schädigen. Die machen das nicht, weil ihnen irgendwelche Werte wichtig wären, den Zahn muss ich dir beim Profifußball aber vermutlich nicht ziehen, das dürfte bekannt sein.

    2.) Die angesprochenen "Beleidigungen" fallen bei dir vermutlich unter b). Wenn du jemanden Nazi oder Rassist nennst, dann ist das eine diskussionsbeendende Beleidigung. Worüber soll derjenige nachher noch mit dir reden? Wenn man die Freundschaft aufkündigt, weil der Freund etwas gesagt hat (die Wahrscheinlichkeit, dass ein Freund von 0 auf "wir beleidigen auf der Straße einen Wildfremden als Nigger" abgeht, ist vermutlich doch recht gering, das fängt niederschwelliger an) ist das auch end of discussion...

    3.) Die Gesellschaft entwickelt sich weiter, aber viel langsamer als das die Politik wahrnimmt, was meiner Meinung nach mit einer Entfremdung von den Bürgern zu tun hat, weil die meisten Politiker halt in der Großstadt leben und einen gewissen Bildungslevel erreicht haben. Welcher Politiker versteht denn, was es heißt von ALG II für ein paar Jahre eine Familie durchzubringen? Fucking noone, nicht einmal bei den Linken.

    Die Menschen haben teilweise ganz andere Sorgen, wenn du die ernst nimmst, kannst du sie auch beim Rest besser mitnehmen.

    Himmel, ihr darf doch widersprochen werden und ihr muss widersprochen werden. Aber deshalb muss nicht der Arbeitgeber aufgefordert werden sie zu entlassen, sondern vielleicht eher der Wurst eine Weiterbildung und ein Praktikum mit entsprechenden Skills verpassen...das bringt definitiv mehr als "er hat jetzt eine Denkpause und denkt zuhause mal in Ruhe nach, was er böses gesagt hat." Das klappt doch schon bei Schulkindern nicht...

    Wo hab ich dazu denn was geschrieben? Das war eine Situationsbeschreibung. Der Profifußball und die entsprechende Fanszene sind (nicht nur latent) homophob. Du schreibst, dass das anders wäre, das halte ich für offensichtlich falsch.

    Wenn du jetzt meine Meinung dazu wissen willst: Das ist furchtbar und dagegen muss Aufklärungsarbeit geleistet werden. Das hat auch was mit liberal sein zu tun, dieses Mal auf der Handlungsebene. Wenn ein Mann einen Mann liebt und das ausleben will, dann soll er das tun dürfen, denn er schadet damit niemand Anderem (und das ist die zentrale liberale Maxime, die entscheiden sollte, ob man etwas darf oder nicht) und sich selbst sowieso nicht (was aber egal wäre). Wenn jemand das schlecht findet, dann darf die Person das, aber sie darf weder aktiv dagegen handeln (das passiert im Fußball wohl eher weniger), noch darf sie sozialen Druck aufbauen (das passiert ganz massiv...wie gesagt: 0 Outings in 7 Jahren). Wir unterscheiden uns nicht darin, dass wir das falsch und schrecklich finden, wir unterscheiden uns darin, wie wir damit umgehen wollen. Du willst die Leute aufgeben, ausschließen (mindestens aus deinem Freundeskreis) und ggf. noch beleidigen dürfen. Das ist ok, ich spreche dir nicht ab, dass du das darfst, ich halte es nur schlicht und ergreifend für nicht hilfreich. Ich halte es für hilfreich Kampagnen zu fahren, aufzuklären und nicht locker zu lassen. Ich weiß noch genau wie viele Bananen in den 90ern geflogen sind (die meisten auf Oliver Kahn, das war in Ordnung, aber immer noch zu viele auf schwarzafrikanische Spieler (damit niemand an Sean Dundee denkt, wenn ich nur afrikanisch sage). Wie hat das aufgehört? Durch Fanbeauftragte, durch Strafen gegen die Vereine, durch Ansprachen der Leute in der Kurve, immer und immer wieder...das passiert heute in den oberen Ligen nicht mehr (reden wir besser nicht von den unteren Ligen).

    Sobald du die Leute aufgibst, hast du sie verloren und erreichst sie nicht mehr. Was glaubst du, wohin die sich dann wenden? Und was genau bringt dir das? Und der Gesellschaft?

    Ich weiß ja, dass es in Bayern keine richtige Fankultur und sowas gibt, aber lass mich dir als Ruhrgebietsexperte und ehemals sehr regelmäßigem Stadiongänger (Bochum, Schalke, Dortmund, Köln wenn Bremen da gespielt hat) sagen: Ich halte meine Einschätzung für nicht unrealistisch und nach Hitzlspergers Outing (2014) gab es exakt 0 weitere Coming-Outs. Da ich mich Miss Jones Ausführungen zur Anzahl der Homosexuellen im Sport anschließe und realistisch mindestens 5% vermute, halten die wohl einfach "aus Gründen" den Mund. Die wissen nämlich genau was dann abgeht. Falls du andere Zahlen hast, beeindrucke mich, ich vertraue auf die null in sieben Jahren...

    Die Aussagen zu Hitzlsperger geben halt vermutlich die durchschnittliche Meinung in der Bundesliga wieder (auch heute noch) und dürften in den meisten Fankurven als eher progressiv gelten, wenn du nicht gerade bei St. Pauli fragst. Ob dir das gefällt oder nicht ist erst einmal irrelevant, aber so zu tun, als gäbe es in Deutschland und gerade im Fußball keine Homophobie mehr, weil sich die Gesetze gewandelt haben...ist entweder sehr idealistisch oder sehr...naja...

    Aber die Richtung ist interessant, weil man daran toll den Niedergang der SPD erklären kann: Die SPD ist keine "Partei der kleinen Leute" mehr, sondern versucht sich gerade dabei eine Partei des progressiven Großstadt-Hipsters zu werden, woran sie grandios scheitert, weil der Posten von den Grünen belegt ist. Welche Partei macht heute konsequent Politik für kleine Angestellte, Arbeiter, Arbeitslose, meinetwegen auch Arbeitsmigranten (die Linke hat für die nämlich ebenfalls ein Haltungsproblem in vielen Punkten)..? Die AfD ist es sicher nicht (auch hier hilft Parteiprogramm lesen), aber welche wäre es?

    Dabei geht es mir nicht um eine Partei die gegen die Homo-Ehe sein soll oder sonst was, sondern eine Partei, die die wirtschaftlichen und sozialen Interessen dieser Leute in den Fokus nimmt und auf den ganzen ideologischen Hokuspokus im Hintergrund verzichtet, sondern harte Politik in die Richtung macht. Laber nicht vom Mindestlohn...mach. Es gibt zu wenig Frauen und Migranten in bestimmten Ebenen? Sei Vorbild (aber nicht im Sinne von, wir haben 50% Frauen in der Gesellschaft, wir brauchen 50% Frauen im Vorstand, sondern vielleicht "Wir haben aktuell 45% Frauen auf Qualifikationsebene 1, 30% auf Ebene 2 und 5% auf Ebene 3 (Führung)...in 5 Jahren wollen wir bei 45%, 40% und 15% angekommen sein"). Und dann erklären, erklären, erklären...niemanden zurücklassen, egal wie oft man es erklären muss, denn: Ihr Spinner wollt Politik für die unteren 50% machen? Dann redet verdammt nochmal so, dass sie euch verstehen und schwurbelt euch nicht einen Scheiß zusammen, dass ich bei mir (und ich halte mich echt nicht für ungebildet) teilweise der Kotzegeschmack auf der Zunge einstellt...

    Das "kommt auf die Schwere des Fehltritts" an ist doch echt vorgeschoben. Ja, wenn einer meiner Freunde meine Familie in die Luft sprengen würde, wäre das wohlan grenzüberschreitend, aber hier ging es um etwas was gesagt wird und was auf ein verändertes Weltbild, denn vorher wird der ja wohl kaum so gewesen sein.

    @samu: Ich muss zugeben, dass ich mich damit nie beschäftigt habe, kann es mir aber zu den Themen allenfalls bei direktem Bezug zum Arbeitgeber vorstellen, ansonsten hätte das vor keinem Arbeitsgericht Bestand. Was die Nachbarschaft angeht haben Menschen schon für weniger ihre Nachbarn schief angeguckt. Also im Schanzenviertel wirst du da mit abweichender Meinung genauso unglücklich wie in Dortmund-Dorstfeld...

    Service-Tätigkeit im Bordell würde ich als unzumutbar ansehen...da kannst du dich einfach auf Religionsfreiheit berufen, wenn sie dir zu dumm kommen...

    Das sind keine Antworten, das sind Meinungen und sie sind noch nicht einmal begründet. :P

    Das fände ich zu solchen Fragen hier besser:

    Ist Pizza Hawaii ein essbares Lebensmittel oder ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit?

    Schmeckt Koriander für manche Menschen wirklich nach Seife und darf man solche Leute vom thailändischen Abendessen ausladen?

    Zu 1 muss man die Urteile schon etwas differenzierter lesen. Bis auf 70% einkürzen ist nämlich ok (natürlich bei nicht menschenverachtender Tätigkeit...aber was für menschenverachtende Tätigkeit bietet das Jobcenter denn an? (anderer Thread oder PN vielleicht) :)

    Darf man auf Menschen an der Grenze schießen, die die Grenze illegal überschreiten wollen?

    Darf man Menschen die eine angebotene Tätigkeit nicht annehmen, den ALG II Satz kürzen?

    Darf der Staat die Rechte Geimpfter weiterhin einschränken, wenn diese überwiegend nicht mehr ansteckend sind?

    Darf man kriminell gewordene Asylbewerber nach Afghanistan abschieben?

    Darf man kriminell gewordene Asylbewerber internieren bis zur Abschiebung?
    Sollte die Polizei auf gewalttätige Ausschreitungen robust oder deeskalierend reagieren?

    Darf man Impfverweigerer zwangsimpfen, bzw. sie massiv sanktionieren bis hin zum Sorgerechtsentzug?

    Das wären Fragen, bei denen sehr schnell massive Vorwürfe (aus beiden Richtungen) kommen können...willst du das hier im Thread machen? Das eskaliert hart...

    MarieJ: "Darfst" war da nicht sauber formuliert, "sollst" ist besser. Natürlich darfst du das tun, es gibt weder ein Gesetz dagegen, noch sollte es moralische Entrüstung hervorrufen, wenn du es trotzdem machst. Es ist aber nicht zielführend und nicht optimal für die Gesellschaft, wenn du, anstatt dich auf der Sachebene auseinanderzusetzen und herauszuarbeiten, warum und aus welchen Gründen etwas falsch ist, einen emotionalen Entrüstungssturm lostreten möchtest, mit dem Ziel die andere Seite mundtot zu machen. Die Gründe dafür in ganz kurz:

    a) es ist immer und in jeder Sache möglich, dass du falsch liegst, wenn nicht im Ganzen, dann zumindest in Teilen

    b) wenn du nicht falsch liegst, erhältst du in der Auseinandersetzung mit dem Falschen die Möglichkeit deine eigene Position ausschärfen, besser verstehen und besser verständlich machen

    c) behalte immer die Möglichkeit im Hinterkopf, dass du in der anderen Position bist

    @Steffi1989: Du hast aus meiner Sicht heraus alles richtig gemacht. Du hast versucht zu helfen, zu überzeugen, hast nicht direkt aufgegeben, aber irgendwann geht es nicht mehr. Dieser Punkt ist bei jedem unterschiedlich, aber er war erreicht und du hast gut daran getan, dich nicht darin aufzureiben.

    Umgekehrt muss ich aber vielen Anderen hier im Thread sagen: Wenn man einen Menschen wegen einer Äußerung oder auch einer Tat direkt fallen lässt, den man vorher als Freund bezeichnet hat, dann sollte man sich fragen was für Freundschaften man pflegt. Ich würde mich in Grund und Boden schämen und sage ganz ehrlich: "Freunde" die solche Aussagen treffen will ich auch gar nicht und ich kann mir niemand in meinem Bekanntenkreis vorstellen, der solche Freunde haben wollte. Ein Fehltritt und alles ist vorbei?

    Und genau auf die Art holst du die AfD Wähler ins demokratische Spektrum zurück, indem du ihnen jede Diskussion verweigerst, sie als Nazis beleidigst und kein einziges Argument bringst. Überzeugend...

    Ich hab vorher ein Zitat von John Stuart Mill für Lindbergh gehabt, jetzt hab ich eins für dich:

    Zitat

    The peculiar evil of silencing the expression of an opinion is, that it is robbing the human race; posterity as well as the existing generation; those who dissent from the opinion, still more than those who hold it. If the opinion is right, they are deprived of the opportunity of exchanging error for truth: if wrong, they lose, what is almost as great a benefit, the clearer perception and livelier impression of truth, produced by its collision with error

    P.S. damit ich nicht noch mehr verwirrte Smileys von Menschen mit Leseproblemen bekomme: Ich halte die Positionen der AfD in fast allen Fällen für den hier zitierten "error"...

    Irgendein naturwissenschaftliches Fach im Rahmen eines Lehramtsstudiums belegt zu haben, ist ohnehin kein Merkmal, das per se zu einem tieferen Verständnis in Sachen Infektiologie, Vakzinen oder Virenforschung verhilft.

    Ist schon merkwürdig, wie einige hier ihr Physik- oder Biologie-Studium als Monstranz vor sich her tragen und auf einer eingebildeten fachlichen Expertise herumreiten, wo sie doch genauso auf erlesene Artikel und Beiträge zurückgreifen, wie der Reli-Kollege.

    Ich halte es für durchaus angemessen (da ich beide Bereiche kenne), dass man in einem MINT Studiengang lernt wie ein Experiment aufgebaut ist und wie eine statistische Auswertung funktioniert (ich hab Statistik belegt) und so etwas in den Sprachen und Geisteswissenschaften nicht vermittelt wird. Wir können zwar durchaus dieselben Artikel lesen (so funktioniert Wissenschaft übrigens...man liest 50% der Zeit, experimentiert 25% der Zeit und schreibt 25%...der effektiven Arbeitszeit, die man nicht am PC mit Unfug verballert), aber unsere Art sie zu lesen und zu beurteilen was davon wahr oder angemessen ist und was nicht, dürfte sich doch etwas unterscheiden.

    Wo und wann genau hast du denn was zu statistischen Methoden und empirischer Forschungsmethodik gelernt?

    Ich möchte nicht mit Björn Höcke als Kollegen zusammenarbeiten. Das sage ich öffentlich. Ist das ein Boykottaufruf, ein Aufruf zum Berufsverbot? Vermutlich ja, obwohl der Begriff sonst oft falsch verwendet wird. Auch wenn ich nur einen gefühlten Schaden und keinen realen von der AfD davontrage. (Was für eine absurde Unterscheidung übrigens.)

    Nachtrag: Ich darf auch den Liefers nicht mögen und seinen Tatort nicht schauen. Das darf ich auch öffentlich sagen. Tue ich hier, auch zum ersten Mal. Ist das ein Boykottauf? (Sicher keine Forderung nach einem Berufsverbot.) Vermutlich ein gefühlter Boykottaufruf.

    Die Fragen kannst du dir hoffentlich selbst beantworten. Im Fall Höcke ist das eine juristische Frage, weil der Staat durchaus erwarten darf, dass seine Beamten ihm loyal gegenüberstehen, was durch den Dienstherr zu prüfen und zu beantworten wäre. Wenn der Dienstherr das verneint und ich mit so jemandem an einer Schule arbeiten müsste, wäre dann die richtige Entscheidung dass ich für mich persönlich Konsequenzen ziehe oder dass ich für Herrn Höcke Konsequenzen fordere? Ich würde mich für den ersten Ansatz entscheiden, indem ich den Schülern im Unterricht ein anderes Weltbild anbiete (Höcke ist nun definitiv das Gegenteil von liberal).

    Das zweite Beispiel ist geschenkt...natürlich ist es kein Boykottaufruf, wenn du öffentlich sagst, dass du Liefers nicht magst und seinen Tatort nicht schaust (wenn genügend Leute so denken, folgen darauf auch Konsequenzen), aber du darfst nicht den ARD-Twitterkanal mit "wann entlasst ihr den Liefers endlich?" vollspammen, weil das keine Meinungsäußerung, sondern Moralkeule ist...

    Schaden und gefühlter Schaden: Wenn die Meinungsfreiheit lediglich noch davon abhängt, ob sich jemand durch die Meinung geschädigt fühlt, dann hast du keine Meinungsfreiheit mehr. Wenn sich jemand dadurch beleidigt fühlt, dass eine weiße Person Dreadlocks trägt, dann ist das ein Problem der Person, die sich beleidigt fühlt, keins der Person die ihrer Persönlichkeit Ausdruck verleiht (vom historischen Unfug mal ganz abgesehen).

    Sorry, ich hatte dein Lehrer/Schüler Beispiel falsch herum gelesen, deswegen steht da Unfug. Dem Kollegen sollte selbstverständlich berufliches Ungemach drohen, aber aufgrund seiner besonderen Position gegenüber dem Kind und weil er damit seiner Aufgabe als Lehrer nicht gewissenhaft nachkommt. Man sollte ihn aber in seiner Freizeit und auch in evtl. folgenden beruflichen Positionen nicht weiter damit verfolgen, es sei denn, dass er dort ähnlich ausfallend wird.

    Beim Lehmann-Fall geht es nicht um die Konsequenzen, sondern darum wer sie einfordern darf. Darf Aogo das? Ja, der ist direkt angegangen worden. Darf sein Arbeitgeber das? Ja, wenn das seinen Werten widerspricht, muss er das vielleicht sogar. Darf das irgendeine 24-Jährige Soziologiestudentin bei Twitter oder ein 42-jähriger Kollege hier im Forum ? Nein, weil es sie einen Scheiß angeht. Man kann über das Verhalten reden, darüber diskutieren, es als falsch kennzeichnen, natürlich, das ist die andere Seite der "Meinungsfreiheit" (nicht im Sinne der grundrechtlichen Meinungsfreiheit von Seiten des Staates)...ich muss auch damit leben, dass andere Leute eine andere Meinung haben. Aber zu sozialer Vernichtung aufrufen (oder auch zu niederschwelligeren sozialen "Bußen" ist nicht in Ordnung...

    Es gab mal ein ziemlich witziges Video eines mexikanischen (!) Senders, der einen weißen US-Amerikaner mit Sombrero und Poncho einmal durch eine amerikanische Uni (Westküste) und einmal durch einen mexikanischen Markt gejagt hat. Rate mal, wo er für das Outfit gelobt und wo er angegangen worden ist. ;)

    P.S.: Wir übernehmen da eine amerikanische Position der "nicht-Diskussion" über Politik, die in den USA schon nicht funktioniert hat, wie man an den letzten Jahren dort sehen kann...wieso sollte das bei uns besser laufen?

    Ja, du darfst alles sagen, da gibt es keine Grenzen, solange du damit nicht einen realen Schaden anrichtest (keinen gefühlten Schaden). Der Aufruf zu Gewalt gegen Behinderte wäre strafbar, der Aufruf keinen Kindesunterhalt mehr zu zahlen, weil Familiengerichte die Mütter bevorzugen, wäre zwar nicht strafbar, aber doch moralisch zu verurteilen (weil damit dazu aufgerufen würde der Gesellschaft als Ganzes zu schaden).

    Nehmen wir deine Fälle: In jedem davon darfst und musst du etwas sagen, wenn du anderer Meinung bist (wovon ich bei den spezifischen Fällen ausgehe und was ich bei jedem Kollegen hoffe). Dein erster Fall ist mir nicht spezifisch genug. Wenn jemand die AfD als in Teile faschistische Partei bezeichnet, wird das von Anhängern dieser Partei sicherlich als Beschimpfung empfunden, die Mehrheit sind sie Gott sei Dank auch nicht, also wäre dein Fall erfüllt und ich würde vielleicht die Klappe halten.

    Wenn ein Schüler einen Kollegen als Krüppel bezeichnet, ist die zentrale Frage "Wie alt ist dieser Schüler?", um die Verantwortung zu klären und damit auch die Reaktion. Eine vernünftige Diskussion was er da gesagt hat und wieso das unangemessen ist, dürfte aber sicher auch hier zielführender sein als "das darf man nicht" (da reagieren pubertierende Jugendliche meistens nicht so toll drauf).

    Dein Kultusministerfall ist der eindeutigste, weil da ein Erwachsener etwas sagt, was gegen die Grundwerte fast aller Menschen in diesem Land verstößt (nicht die Ablehnung der Inklusion (da dürfte der Anteil in der Bevölkerung nicht zu gering sein), sondern die Begründung (die hoffentlich fast alle für abstoßend halten). Aber genau da muss ich ansetzen und entlang der Grundwerte argumentieren und eben nicht irgendwas verlangen, fordern oder sonstwas. Die Überlegung ist doch auch hier ganz einfach, wenn man den Fall verallgemeinert:

    Eine Person sagt etwas, dem du nicht zustimmst und dass du für abgrundtief falsch hältst. Du willst dir daraufhin in gerechtem Zorn das Recht herausnehmen, die Gesellschaft zur moralischen Vernichtung dieser Person aufzurufen. (wenn du eine andere Verallgemeinerung als richtig ansiehst, schreib bitte deine)

    Wo genau führt uns das als Gesellschaft hin, wenn alle (und zwar unabhängig von ihrer Position) genau so dächten? Macht uns das zu einer besseren und lebenswerteren Gesellschaft?

    Ich glaube dir, dass du ihn nicht willst. Ich glaube dir auch dass du Gründe hast, ich glaube nur nicht, dass deine Gründe besser sind als die Gründe der Stiko (die dir und mir auch keinen Vektorimpfstoff geben möchten). Die Vektorimpfstoffe gegen Dengue-Fieber und Ebola funktionieren ganz brauchbar (der gegen Covid-19 auch und bei höherer Inzidenz wäre ich auch dafür all in) und ehrlich gesagt sehe ich in deiner Fächerkombination immer noch keine besondere Qualifikation im Bereich Naturwissenschaften, also könntest du deine Gründe eventuell ausführen, dann kann ich dir entweder zustimmen, Gründe dagegen bringen oder vielleicht auch sagen, dass ich das nicht beurteilen kann, aber "aus Gründen". C'mon, das kannst du besser :)

    Himmel, ich drücke mich offensichtlich schlecht aus. Ich halte die Benutzung von Negerkuss und Zigeunerschnitzel auch für falsch, weil sich der Kontext im dem die Worte genutzt werden gewandelt haben. Wenn in den 50er Jahren jemand auf der Straße "Schau mal, der Neger" gerufen hat, sehe ich darin auch nachträglich keinen rassistischen Unterton, weil Menschen in den meisten Fällen nach äußeren Merkmalen beschrieben werden (Wenn ich einem Kollegen eine Schülerin beschreibe, die er nicht mit Namen kennt, würde ich ja auch sagen "die Rothaarige mit den Sommersprossen aus der 5a"). Wenn jemand das heute macht, dann würde ich da durchaus Rassismus vermuten, beim Mohrenkopf oder Zigeunerschnitzel aber eben nicht und dann muss man in die Diskussion gehen und nicht nur sagen "das macht man nicht". Die meisten Menschen die so "argumentieren", diskutieren auf dem Spielplatz mit ihren Kindern mehr, ob man denn nun nach Hause zu fahren gedenke. Wenn man glaubt, dass die "Mohrenapotheke" umbenannt werden solle, weil der Name rassistisch sei, dann geht das nicht mit dem Argument "davon könnten sich aber (<1% der) Menschen (in Deutschland) beleidigt fühlen", sondern es funktioniert mit dem Argument "wir haben die Mehrheit der Menschen in Deutschland davon überzeugen können, dass diese Bezeichnung rassistisch sei und die Mehrheit der Menschen geht nicht mehr in eine solche Apotheke, weil sie vermutet, dass der Inhaber rassistisch sei, was sie für falsch halten (individuelle Entscheidung!). Wenn man diese überzeugenden Argumente hat, dann wandelt sich Sprache (s. Beispiel oben), wenn man sie nicht hat aber moralisch erhaben immer drauf einprügelt, dann wandelt sich Sprache auch (und es heißt dann anstatt Asylant auf einmal Flüchtling, aber effektiv ist nix besser geworden) und ansonsten passiert halt nix.

    Ich halte es deshalb für falsch, aus Fehlverhalten in Bezug auf Sprache oder Meinungen, moralische oder juristische Konsequenzen für Personen abzuleiten, die solche Sprache oder Meinungen benutzen. Der richtige Weg muss argumentativer Diskurs sein und wenn die Leute es danach nicht einsehen, dann waren entweder meine Argumente schlecht oder die Leute dumm, beides ist möglich, aber auch für dumme Leute, kann ich eine passende Argumentation finden.

    Zum Konzept der wehrhaften Demokratie gehört es gerade nicht Gedanken, Meinungen und Worte einzuschränken, sondern Handlungen die der Demokratie schaden könnten. In bestimmten Positionen sind natürlich auch Worte einzuschränken (Lehrer, Richter, Polizisten kommen mir da in den Sinn). Wenn man es für gerechtfertigt hält, dass man generell die Art zu Reden durch Gesetz oder sozialen Druck einschränkt, dann ist man nicht mehr pluralistisch. Nochmal: das heißt nicht, dass nicht jeder individuell etwas für falsch und unmoralisch halten darf, gerne auch 99% der Bevölkerung im Falle von Rassismus aber es sollte (nicht darf!) nicht dazu aufgerufen werden oder gar gesetzlich irgendwas vorgegeben werden. Ich halte auch Teile des §130 für groben Unfug. Aufstachelung zu Gewalt, Hass und Willkür muss verboten sein (weil dadurch negative Handlunge ausgelöst werden und zwar sehr direkt), aber die Leugnung des Holocaust? Wenn Leute zeigen wollen, dass sie dumme Idioten sind (aus meiner Sicht), dann sollen sie das machen, aber was hat das Strafrecht da bitte zu suchen?

    P.S.: Es ging nicht um einen faschistischen Staat, sondern um unseren Staat, in dem die Faschisten eine demokratische Mehrheit hätten. Du musst gar nicht das Beispiel mit den Faschisten nehmen, du kannst meinetwegen eine Volksabstimmung zum Zigeunerschnitzel machen, da wär ich mir nicht sicher wie es ausgeht. Hat dann die Mehrheit Recht? Oder hat die Minderheit Recht? Oder gibt es vielleicht etwas in der Mitte auf das man sich einigen kann. Das erreichst du nicht indem du sagst "das darf man nicht sagen" und auch nicht mit "das haben wir aber immer so gemacht" (auf der Gegenseite), das erreichst du durch Diskurs und der wird immer weniger.

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