Beiträge von tibo

    Wenn man sich die Zahlen nüchtern anschaut, relativiert sich das Ganze deutlich: Bei mehreren Millionen Leistungsbeziehenden spricht die Bundesagentur für Arbeit von einigen hundert Verdachtsfällen auf organisierten Bürgergeldbetrug. Aus der Antwort der Regierung auf die Anfrage der Grünen lässt sich entnehmen, dass nur drei Fälle bekannt sind, bei denen Gerichte eine Geldstrafe verhangen haben, also selbst da keine bandenmäßigen Betrug gesehen haben. Das ist ein reales Problem, aber eben eines im Promillebereich. Weit entfernt von dem Bild, das rechte Akteure und Springer-Medien gerne zeichnen oder hier User*innen dies als Hauptgrund für den Abstieg mancher Ruhrgebietsstädte überhöhen.

    Die starke Aufregung hat weniger mit der tatsächlichen Häufigkeit zu tun als mit der politischen Verwertbarkeit des Themas. Es passt perfekt in das Narrativ von „kriminellen Ausländern“ und einem angeblich völlig ausufernden Sozialstaat.

    Schaut man genauer hin, liegt der Kern jedoch im Immobiliensektor: Die Masche funktioniert nur, weil skrupellose Vermieter Schrottimmobilien zu Wucherpreisen vermieten und der Staat kaum wirksame Eingriffsmöglichkeiten hat. Das ist in erster Linie ein Wohnungsmarkt- und Regulierungsproblem, kein kulturelles oder migrationspolitisches.

    Wenn aber die Rechtskonservativen nun für Mitpreisdeckel offen sind, Vermieter*innen genauer kontrolliert werden und Gewinne aus Immobilien mehr der Allgemeinheit zu Gute kämen, wäre ich da in der Hinsicht auch offen für.

    Ich finde die Auseichnungen in diesem Jahr sehr gut gelungen:

    Spiel des Jahres - Bomb Busters

    Hier handelt es sich um ein Kooperationsspiel, bei dem man gemeinsam mit verteilten Informationen versucht, eine Bombe zu entschärfen. Das Spiel bietet viele verschiedene Szenarien. Ich habe die ersten Szenarien an einem Abend gespielt und fand es gut. Es ist anspruchsvoller als Familienspiele wie Mycelia, aber einfacher als Kennerspiele.

    Kennerspiel des Jahres - Endeavor: Deep Sea

    Man erforscht mit U-Booten den Ozean. Runde für Runde baut man seine Crew und seine Fähigkeiten aus. Es gibt verschiedene Wege zum Sieg und auch hier verschiedene Szenarien mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Das Feeling des Spiels passt sehr gut zum Thema, u.a. wird das Spielfeld erst nach und nach aufgedeckt, während man tiefer in den Ozean hinabtaucht. Das Spiel haben wir in unserer Spielerunde schon mehrfach gespielt und ich kann nicht genug bekommen.

    Deutscher Spielepreis - Seti

    Bei diesem Spiel erforscht man das Weltall, kann Planeten und Monde sondieren und ansteuern. In jeder weiteren Runde profiliert man die eigene Raumfahrtstation und hat viele Wege zu punkten bzw. Ressourcen zu sammeln. Schön ist hier auch, dass man zwar gegeneinander spielt, aber an manchen Aufgaben gemeinsam schneller voran kommt. Auch hier stimmt wie bei Endeavor das Feeling zum Thema; nicht nur im Sinne der gemeinsamen Erforschung bei gleichzeitiger hoher Konkurrenz, sondern auch das eher langsamere Voranschreiten. Im Laufe des Spiels entdeckt man außerdem Aliens, die dann ebenfalls neue Möglichkeiten bringen, Punkte zu machen. Das Spiel ist als Expert*innenspiel etwas komplexer als Endeavor. Es dauert auch durchaus länger, was uns aber bis jetzt nicht daran gehindert hat, es oft auf den Tisch zu bringen.

    Auf der Spiel Essen habe ich mir persönlich als erstes Spiel direkt Koi geholt, bei dem man einen eigenen Koi-Teich anlegt und erweitert. Das ist ein sehr entspanntes und wirklich ansehnliches Spiel mit hochwertigen haptischen Komponenten, bei dem man jede Runde entscheidet, ob man meditiert und Ressourcen oder Arbeiter*innen sammelt oder arbeitet und den Teich erweitert und Fische ins Wasser bringt. Kois, Seerosen und Laternen bringen einem Punkte. Außerdem gibt es optional weitere Zielkarten, die weitere Elemente wie z.B. Schildkröten freispielen, die Punkte und interessantere Teiche bringen. Koi ist von den Machern des Spiels Bonsai und entwickelt die Idee des Spiels auf eine sehr ausgewogene Weise weiter. Spieldauer ca. 30 Minuten, kein Kinder- / Familienspiel, aber hohe Zugänglichkeit für alle Menschen ab zehn Jahren, würde ich sagen.

    Ah ja, was ist jetzt schon alles keine ernst zu nehmende Wissenschaft. Die Bildungswissenschaft? Die Pädagogik? Die Soziologie? Die Wirtschaftswissenschaft? Und genau der Wissenschaftler passt nicht zur eigenen Meinung? Ich glaube, hier handelt es sich schlicht und ergreifend um Wissenschaftsleugnung. Wissenschaft ändert natürlich eigene Positionen, denn es macht Wissenschaft gerade aus, dass ihre Erkenntisse prinzipiell widerlegbar sind und sich an neue Erkenntnisse anpassen.

    Die Zahlen der Bundesagentur für Arbeit zeigen immer wieder deutlich, dass nur ein sehr, sehr geringer Prozentsatz nicht arbeitet, weil er nicht arbeiten will.

    ""Es gab schon immer Langzeitarbeitslose und dagegen kann man nur bedingt vorgehen. Und die Gruppe der Arbeitslosen, die sich einfach weigert, Erwerbsarbeit aufzunehmen, die ist nicht wahnsinnig groß und die ist auf keinen Fall so entscheidend für die deutsche Volkswirtschaft", ergänzt die Soziologin Mona Motakef von der TU Dortmund."

    https://www.zdfheute.de/wirtschaft/bue…aender-100.html

    Dazu ist diese Debatte auch unsinnig, da Sozialleistungen einfach kein großes Potential besitzen, Geld zu sparen:

    "Marcel Fratzscher, Präsident Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung: "Das, was die Bundesregierung hier macht, ist ein populistisches Ablenkungsmanöver, indem behauptet wird, der Schlüssel für Einsparungen beim Staat liege bei den Sozialleistungen und beim Bürgergeld. Sehr viel mehr Potenzial liegt darin, andere … anderen Missbrauch zu bekämpfen. Und hier wissen wir, dass gerade bei Hochvermögenden Steuervermeidung – was legal ist – aber Steuerhinterziehung – was illegal ist – ein ungleich größeres Problem ist.""

    https://www1.wdr.de/daserste/monit…rmsten-100.html

    Menschen wie Maylin sitzen also falschen Fakten auf und / oder sie äußer sich aus Emotionen heraus so. Diese Forderungen wie Bootcamps sind seit Jahrzehnten zutiefst populistisch, weil schlicht unwissenschaftlich in Bezug auf die Soziologie und die Wirtschaftswissenschaft.

    Menno Baumann, Professor für Intensivpädagogik (übrigens ein mMn spannender Studiengang, der zeigt, dass es genug Menschen gibt, die sich gerne um Kinder und Jugendliche mit schweren Hintergrundgeschichten kümmern) hat jetzt erst wieder eine weitere Folgen dieses Populismus herausgestellt: In Schweden will die erzkonservative Regierung 13-Jährige nun ins Gefängnis stecken. Entgegen dem Rat des interdisziplinären Konsens der Expert*innen wie eben Menno Baumann.

    Ich werde Menschen, welche die Basiskompetenzen in Mathematik oder Deutsch nicht erreichen, wohl kaum ihre Mündigkeit und Selbstbestimmung absprechen und in einer inklusiven Gesellschaft wäre das auch kein Hindernis. Bildung und damit auch Basiskompetenzen haben einen hohen Wert an sich, aber natürlich ist es für die Mündigkeit und Selbstbestimmung insbesondere in einer Gesellschaft, welche diese voraussetzt, auch in vielen Bereichen wichtig. Deswegen arbeiten wir in der Grundschule ja auch sehr intensiv an den Basiskompetenzen. Die Schulzeit ist nach vier Jahren aber zum Glück nicht abgeschlossen und die Kinder haben noch mehr Zeit, die Basiskompetenzen und Komptenzen darüber hinaus zu erwerben.

    Ernst gemeinte Fragen: was wird aus Kindern, die keine Basiskompetenzen erreichen? Wie viele dieser Kinder werden einmal Nettosteuerzahler? Sozial-emotionale Begleitung ist ja schön und gut, aber der übergeordnete Sinn und Zweck von Schule liegt immer noch darin, möglichst fähige Arbeitskräfte und Steuerzahler zu generieren. Wenn das zunehmend schlechter gelingt oder gar in einer Lerngruppe "überwiegend" gar nicht, wie lässt sich dann perspektivisch unser recht ordentlicher Stundenlohn überhaupt noch rechtfertigen?

    Das sind Kinder. Kein Gedanke läge mir ferner als der über ihre Nettosteuerzahlung in 12 bis 8 Jahren. Sie haben diese 8 bis 12 Jahre noch Zeit zu lernen und ich bin Optimist genug zu denken, dass die allermeisten eben wirklich nur länger brauchen, aber schon ankommen werden. Das Emotional-Soziale ist eine Grundlage für das Lernen und für das Leben. Ich sage es nochmal: Ich bilde Menschen, keine Arbeitskräfte. Ich bilde sie im besten Fall zu mündigen und selbstbestimmten Bürger*innen. Mündige und selbstbestimmte Bürger*innen tragen allein aus einem Selbstverwirklichungstrieb etwas zur Gesellschaft bei.

    Versorgung gibt es nicht nur gegen Leistung. Die Minimalversorgung gibt es aus gutem Grund als Menschenrecht. Und Minimalversorgung schließt in dem Sinne mehr ein als Essen, Trinken und Unterkunft. Dazu gehört auch Bildung und Teilhabe. Und vor allem Selbstbestimmung! Das ist kein Luxus, das ist das Mindesmaß. Menschenrechte sind nicht an Leistung gebunden. Ich bin sehr froh darum, dass es nicht anders ist und auch in Zukunft rechtlich geschützt ist.

    Man argumentiert offensichtlich aus einer engstirnigen Sicht, wenn man meint, Kinder und Jugendlichen wären so pauschal an ihrer Situation selbst Schuld. Kinder und Jugendliche sind u.a. das Ergebnis der Gesellschaft und ihrer Eltern. Viel mehr schuldet die Gesellschaft dieser Generation nämlich auch etwas, nämlich eine Perspektive. Die letzten Jahrzehnte ging es stetig bergauf und wer meint, das läge an vermeintlich fleißigen oder disziplinierten Generationen, ignoriert offensichtlich, dass die letzten Generationen von genau dem profitieren, das nun wegfällt: eine große Zahl an Arbeitnehmer*innnen und keine direkte kriegerische Bedrohung. Statt aber das Geld in die Allgemeinheit zu investieren, floss es in private Taschen. Der Zustand der Schulen ist wohl kaum ein Ergebnis der aktuellen Bildungspolitik, sondern das Ergebnis eines Investitionsstaus der letzten Jahrzehnte.

    Da sitzen wir Lehrkräfte und die Schüler*innen im selben Boot, denn diese Situation führt bei Lehrkräften ebenso wie bei den Schüler*innen zu der Frustration, die ich hier aus einigen Beiträgen herauslese. Wir Lehrkräfte haben jedoch die sehr viel privilegiertere Perspektive, denn wir sind meist verbeamtet und stehen mitten im Leben. Viele Schüler*innen an meiner Schule haben diese Perspektive nicht, sondern stehen auf die eine oder andere Art oft auf der Seite der Verlierer*innen. Und das merkt man ihnen meiner Wahrnehmung in der Schule oft an und besonders stark, wenn sie bei etwas verlieren, das sie eigentlich ausmacht und in dem sie eigentlich gut sind. Wir haben deshalb ganz oft im Sportunterricht Probleme mit den Emotionen. Ich merke die Frustration an mir ja auch, wenn die Leistungen in der Klasse oder das Verhalten der Kinder nicht meinen Erwartungen entsprechen und dann handle ich manchmal emotional, so wie die Kinder auch.

    Die Gesellschaft schuldet der Generation eine Perspektive auch insofern, als dass anteilig vermutlich so viele Eltern arbeiten wie nie zuvor im Nachkriegsdeutschland. Das ist eine Hypothek für die Kinder dieser Generation, denen merklich die emotionale Sicherheit und Bindung fehlt. Unsere Gesellschaft hat sich so entwickelt, dass beide Elternteile arbeiten gehen (und im Sinne der Emanzipation ist das auch richtig so). Die Schule (und auch die frühkindlichen Betreuung und Bildung) hingegen ist noch mitten im Prozess sich daran anzupassen und erwartet oft noch das Gleiche von den Eltern, wie zu den Zeiten, als ein Elternteil zuhause geblieben ist. Andere Länder und Schulsysteme zeigen, dass das viel besser aufgefangen werden kann (also bitte auf eine reaktionäre Diskussion zum Thema Frauen in der Gesellschaft verzichten; Emanzipation und gute Bildung schließen sich nicht aus).

    Stattdessen ist die Perspektive aber eben das die letzten Jahrzehnte unterfinanzierte und personell unterbesetzte Bildungssystem (inklusive frühkindliche Bildung und Betreuung), eine drohende Wehrpflicht, hohe Rentenbeiträge ohne eigene Sicherheit auf Rente und eine immer längere Lebensarbeitszeit nach hinten raus und tagtäglich.

    Ich bin kein Dienstleister an der privilegierten Mehrheitsgesellschaft oder der Wirtschaft und nur weil manche da ihre Felle schwimmen sehen, muss ich nicht in diese düstere Negativität einstimmen. Diese Negativität hat ihren Grund - ich sehe diese aber aus einer anderen Perspektive - diese Negativität darf natürlich geäußert werden, aber ich möchte auch äußern, dass sie mich extrem nervt. Mir ist das einzelne Kind wichtig. Ich möchte dass es das Bestmögliche für sich erreichen kann. Das Erreichbare ist dabei natürlich sehr unterschiedlich. Ich habe aber durchaus auch Freude daran, Kinder z.B. emotional-sozial zu begleiten und freue mich da über Fortschritte. Wie gesagt frustriert es mich dann natürlich auch, wenn die Basiskompetenzen überwiegend nicht erreicht werden, da das schon den meisten prinzipiell zuzutrauen ist, aber ich kann es auch einordnen und sehe wirklich immer deutlicher, wie sehr die Kinder und ich dann mit unserer Frustration im selben Boot sitzen.

    Neben den militärischen Verwendungen, gibt es auch viele zivile Möglichkeiten. Zudem geht eine Verpflichtung so oder so erst ab 17.

    Also werden an Schulen lediglich zivile Möglichkeiten behandelt?

    Auch eine Verpflichtung ab 17 entspricht nicht dem Standard der meisten UN-Staaten. Der UN-Kinderrechtsausschuss empfiehlt deswegen, das Rekrutierungsalter auf 18 Jahre anzuheben.

    Die UN-Kinderrechtskonvention - vermutlich spielst Du hier auf Artikel 38 an - kommt hier überhaupt nicht zum Tragen.

    Ich spiele auf den in meinem ersten Beitrag verlinkten UN-Kinderrechtsausschuss an.

    Ich fände eine faktenbasierte Meinung hier überzeugender.

    Ja, das finde ich auch, weshalb mein erster Beitrag aus der Stellungnahme des UN-Kinderrechtsausschusses sowie einer sachlichen Zusammentragung von Tipps der GEW zum Umgang mit der Bundeswehr an Schulen besteht. Die Antwort von Maylin85 war dann "Schwachsinn", "bei manchen hackts", "absurd" und "unerträglich", deswegen meine Replik. Ich habe das Gefühl, du hast also den falschen Beitrag zitiert, wenn dir eine faktenbasierte Diskussion wichtig ist.

    Wir sind nicht in Russland, hier werden nicht unmündige Kinder mit patriotischen Gesängen und Versprechungen von gratis Süßigkeiten in den Krieg gelockt. Ich selbst habe Zivildienst geleistet und habe relativ wenig Berührpunkte mit der Bundeswehr, aber bisher habe ich alle Soldaten, die in irgendeinem Kontext über ihren Beruf gesprochen haben als differenziert und reflektiert erlebt (im Gegensatz zu vielen "Friedensbewegten", die sich in Wunschwelten flüchten, in denen die Bundeswehr immer noch nicht notwendig ist).

    Man kann über das "wie" reden, und natürlich ist es Aufgabe einer Lehrkraft in diesem Kontext auch die negativen Seiten mit SuS zu besprechen, aber darum geht es dem TE ja offensichtlich gar nicht, sondern "ums Prinzip".

    Kein Grund zu Übertreibungen, es gibt auch zwischen einer inhaltlichen, differenzierten Beschäftigung und russischer Propaganda einen großen Bereich, der ebenfalls zweifelhaft ist. Ich habe nicht ein so großes Vertrauen in die Bundeswehr, was die Anwerbung von jungem Personal angeht. Ich erinnere mich an mehrere Kontroversen zu Marketingkampagnen der Bundeswehr z.B. im Rahmen der Gamescom. Auf das "Wie" kommt es also durchaus an, da sind wir uns einig.

    Ich finde es unerträglich, bei Minderjährigen (!) in der Schule (!) für eine Armee zu werben. Ich finde die UN-Kinderrechtskonvention mit ihren Ergänzungen alles andere als "Schwachsinn", sondern einen guten moralischen Kompass. So gehen die Meinungen auseinander.

    Die Bundeswehr ist etwas anderes als das Finanzamt. Der UN-Kinderrechtsausschuss fordert Deutschland auf, die Rekrutierung U18-Jähriger zu beenden und jegliche Werbung insbesondere an Schulen zu unterlassen. Es gibt also gute Gründe, eine solche Veranstaltung kritisch zu sehen. Eine Weigerung ist als Lehrkraft mWn nicht möglich, eine Arbeitsgruppe der GEW hat aber Vorschläge zum Umgang der Bundeswehr an Schulen zusammengestellt:

    Die Möglichkeiten kommen dabei aber auch auf das Bundesland und den jeweiligen Kooperationsvertrag mit der Bundeswehr an.

    tibo

    Steigt der Leistungsdurchschnitt denn tatsächlich oder "kann" er nur theoretisch steigen?

    Nein, sieht man sich die Vergleichsstudien an, steigt der Durchschnitt nicht. Die letzten Ergebnisse sind für ein reiches Land wie unseres ohne Frage schlecht. Es verzerrt aber mMn trotzdem die Wahrnehmung an den weiterführenden Schulen zu einer noch dramatischeren Wahrnehmung.

    Denn Fakt ist, dass immer weniger Kinder mit dem eigentlich vorgesehenen Leistungsstand an den weiterführenden Schulen (und zwar über alle Schulformen hinweg) ankommen

    Es gibt auch die andere Perspektive z.B. des Soziologen Aladin El-Mafaalanis, der in seinem Buch "Mythos Bildung" das Paradox beschreibt, dass Kinder in unserem System insgesamt mehr können, aber dies an den Schulen nicht wahrgenommen wird, weil die 'ehemaligen guten Hauptschüler*innen' nun an der Realschule sind, die 'ehemaligen guten Realschüler*innen' nun am Gymnasium sind und am Gymnasium nur im Verhältnis weniger Kinder mit den 'ehemaligen Spitzenkompetenzen' sind. Der Leistungs-Gesamtdurchschnitt kann steigen, obwohl er im Durchschnitt an den einzelnen Schulformen sinkt.

    Entgegen dem Trend an der weiterführenden Schule ist der Anteil an Kindern mit Leistungen im höchsten Kompetenzniveau in Mathematik in der vierten Klasse laut TIMSS 2023 übrigens gestiegen:

    "Die höchste Kompetenzstufe V erreichen 8,3 Prozent der Viertklässlerinnen und Viertklässler (international 10,4 Prozent; EU 9,5 Prozent; OECD 11,5). Dieser Anteil ist im Vergleich zu 2007 (5,6 Prozent) und 2019 (6,0 Prozent) signifikant gestiegen."

    https://www.blaetter.de/dokumente/vier…-mathematik-und

    Wenn man es also darauf verkürzen will, 'liefern wir durchaus besser ab'.

    Ich kann bestätigen, dass wir auch an unserer Grundschule darauf achten, in allen Eingangsklassen eine gute Mischung in verschiedenster Hinsicht zu haben. Nach Schuleingangsuntersuchung, teilweise Hospitation der Sonderpädagogin oder SEP in den Kindergärten und der Anmeldung, bei der Schulleitung, Sonderpädagogin und SEP auch nochmal einen Blick auf die Kinder werfen, setzen diese sich mit den zukünftigen Klassenlehrer*innen zusammen und bilden die Klassen.


    Wir brauchen das knallharte Leistungsprinzip, was anderes können wir uns nicht leisten.

    Die Ironie daran ist, dass Selektion in der Hinsicht das Gegenteil ist, da die Erwartungen an Schüler*innen an Hauptschulen und erst Recht Förderschulen gesenkt werden und an Realschulen niedriger als an Gymnasien sind. Hattie betont immer wieder die Bedeutung hoher Erwartungen an Schüler*innen, Differenzierung darf deswegen auch nicht falsch verstanden werden als Gruppierung.

    They know they’re getting lesser work. They know that the teacher is trying to make them a learner by giving them tasks they could already do. And they miss out on the rich depth that the other students get. And you can see why grouping is not my favorite activity.

    It’s about different ways in different times, not grouping.

    Andere Länder schaffen es, länger alle Kinder gemeinsam zu unterrichten und gleichzeitig bessere Ergebnisse in den (auch kritisch zu betrachtenden) Vergleichsstudien zu erzielen. Aus der Inklusion wissen wir, dass leistungsstärkere Schüler*innen nicht von damit leistungsheterogeneren Klassen negativ beeinträchtigt werden. Auch die Ergebnisse zu jahrgangsübergreifendem Unterricht, tendenziell ja auch leistungsheterogener, zeigen, dass die älteren Kinder dort keine schlechteren Leistungen zeigen. Beim jahrgangsübergreifenden Unterricht gibt es meines Wissens auch keinen so großen Effekt für die jüngeren Schüler*innen. Gerade beim Förderschwerpunkt Lernen haben aber Kinder an Regelschulen - leistungsheterogene Gruppen - Vorteile gegenüber Kindern an der Förderschule - leistungshomogenere Gruppen. Ein weiteres Beispiel sind die sogenannten Willkommensklassen, die beim Spracherwerb im Vergleich zur Beschulung von Geflüchteten im Regelunterricht schlechter abschneiden.

    Ich behaupte, leistungsstärkere Schüler*innen werden also nicht von leistungsheterogeneren Klassen oder Schulen beeinträchtigt, leistungsschwächere Schüler*innen profitieren tendenziell von leistungsheterogeneren Klassen und Schulen. Man orientiert sich eher nach oben als nach unten. Möchte man besonders begabte Schüler*innen fordern, sind hiervor vor allem spezielle Forderprogramme in Kleingruppen effektiv.

    Bei Hattie wird sich eh bedient, so wie es einem selbst in den Kram passt. Um mal eine grobe Aufzählung zu geben:

    - Klassengröße irrelevant

    - Lehrerwissen unnötig

    - dafür aber Frontalunterricht interessanterweise sehr effektstark. Da frag ich mich, wie man ohne Expertenwissen effektstarken Frontalunterricht durchführen kann

    Du verwechselt Frontalunterricht mit direkter Instruktion. Dafür dass dir Wissen so wichtig ist, argumentierst du hier ziemlich unwissenschaftlich. Des Weiteren sagen weder Hattie noch ich, dass Fachwissen unnötig seien.

    Wenn man Bildungswissenschaften nicht ernst nimmt, sind es ganz schön große Töne, Referendar*innen oder Schüler*innen Mängel vorzuwerfen.

    Es gibt keinen Konflikt zwischen der Förderung und der Forderung im Unterricht. Es ist beides gleichzeitig möglich, da es sich beim Lehrplan um ein Spiralcurriculum handelt, bei dem man Themen immer wieder auf verschiedenen Niveaus behandeln kann, wie hier schon erklärt wurde (z.B. bei der Zahlenraumerweiterung oder dem Zehnerübergang). Also nein, daran liegt es nicht. Ein Aspekt könnte mMn viel mehr sein, dass Gymnasien mitunter komische Vorstellungen von "angemessenen Kompetenzen" haben und den Lehrplan der Grundschule gar nicht kennen - wir haben hier ein Gymnasium, das sich wohl über die Schreibschrift der Kinder beschwert, weil diese so individuell sei und keiner der gängigen Schreibschriften entspräche. Ein Blick in den Lehrplan zeigt, dass es aber um eine "flüssige" und "lesbare" "verbundene Schrift" geht und nicht um eine konkrete Schreibschrift. Die Rolle des Gymnasiums hat sich außerdem geändert, vielleicht sollte es sich daran anpassen?

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