Beiträge von plattyplus

    Moin,

    ich habe dort vor über 20 Jahren mein Studium begonnen und bin noch einer der Letzten, der nach der alten Diplom-Prüfungsordnung studiert hat. Ich habe damals so studiert, daß ich mir mein Dipl.-Zeugnis 1:1 als erstes Staatsexamen habe anerkennen lassen können und damit dann regulärer Referendar war. Was mir damals aufgefallen ist: In den beiden Fächern war z.T. eine Note 4,0 eine Qualitätsaussage. Die Fachdidaktik war auch ganz ok, aber die reinen erziehungswissenschaftlichen Veranstaltungen, wo man dann als BK-Lehrer auch mit den Sek 1- und Primarstufen-Kollegen zusammen drin saß, waren irgendwie ein Witz. Man hat die Note 1,0 dort im Vgl. praktisch hinterhergeworfen bekommen. Damals war es aber auch so, daß es zu viele Grundschulabsolventen gab und klar war, daß man schon mit 1,0 abschließen mußte. Wer eine 1,3 bekommen hat, konnte gleich umschulen, weil es keine Stellen gab.

    Entsprechend bekomme ich heute immer nur noch das zynische Schmunzeln, wenn unsere Landesregierung die Gym.-Pauker in die Grundschulen schickt, weil wir dort ja Lehrermangel haben.

    Plattenspieler: Ich denke da eher an meine Azubis mit Migrationshintergrund. Die sind sprachlich einfach noch nicht soweit,wie sie sein müßten, um die Situationsbeschreibungen zu verstehen. Mathematisch bzw. technisch legen sie eine 1 hin. Aber sprachlich ist es halt eine 5 und so landen sie am Ende bei einer 5, weil sie gar nicht erst bis zum Kern der Aufgaben vordringen, die sie dann lösen könnten. Haben sie erst einmal verstanden, was sie überhaupt machen sollen, läuft der Laden.

    Mir fällt es halt immer wieder auf, wenn Prüfungsleistungen und/oder sonstige Mitarbeit extrem schwanken. :rotwerd:

    Es stimmt schon, dass jetzt mehr sprachliche Fähigkeiten abgefragt werden. Dafür kommt die Mathematik aus ihrer absurden "Das brauche ich doch eh nie wieder"-Ecke raus, die bei normalen Textaufgaben oder noch schlimmer - bei stumpfen Rechenaufgaben von vielen SuS unterstellt werden (und zwar zu Recht). Ich bleibe bei meiner Argumentation - später wird im Beruf niemand sagen "Berechnen Sie doch mal den Hochpunkt der Funktion ...". Die Fragestellungen, die nur oder zum Teil mit Mathematik gelöst werden können, sind später viel gröber, unpräziser und garantiert nicht rein mathematisch formuliert.

    Deshalb ist dein restlicher Text aus meiner Sicht auch keine kompetenzorientierte Aufgabe, sondern einfach nur Blabla, um die Aufgabe komplexer erscheinen zu lassen.

    Das Problem bei unseren Azubis insb. im Handwerk ist aber: Dieses "bla bla" ist so kompliziert und lenkt dermaßen von der eigentlichen Kernaufgabe ab, daß sie gar nicht mehr bis zum Kern vorstoßen. Sogar die Handwerksbetriebe fragen ja schon: "Was soll das?"

    Ich bleibe mal beim Elektriker, der mit einem Hauptschulabschluß zu uns kommt. Da sagt ihm der Meister schon auf der Baustelle wo was hin soll und gibt ihm die Pläne in die Hand. Der Azubi bzw. später Geselle muß die Pläne lesen können, muß wissen in welcher Art und Weise welche Kabel in den Wänden zu verlegen sind und wie das alles anzuschließen ist. Diese eine Seite Textaufgabe vorher läßt ihn schon abschalten. In der Prüfungsvorbereitung übe ich mit den Azubis ja inzw. schon extra die Herangehensweise an solche Aufgaben. Von wegen "nicht nervös machen lassen", weil manche nach spätestens 5 Zeilen Text abschalten.

    Aber selbst wenn, hilft einem eine Musterlösung doch trotzdem extrem bei der Korrektur, oder nicht?

    Moment, Du sprichst von einer Musterlösung.

    Zumindest ich habe damals im Referendariat gelernt, daß ein "Erwartungshorizont" auch aufzeigen muß an welchen Stellen ich mit welchen Fehlern der Schüler rechne. Ich muß also vorab antizipieren was sie wohl falsch machen werden und zu welchen abweichenden Ergebnissen das dann führen wird.

    Diese Art von Erwarungshorizonten, die die zu erwartenden Schüler-Lösungsfehler mit einbeziehen, habe ich seitdem nie wieder angefertigt.

    Das ist glaube ich schulspezifisch. Bei uns gibt es beispielsweise in den Vollzeitklassen der SEK II bis 90% eine 1.

    Soweit ich weiß ist bei der Sek 2 (allgemeinbildend) ein linearer Notenschlüssel vorgeschrieben, wobei bei den Noten 1 und 6 davon abgewichen werden darf.

    Es wären also rechtlich möglich:

    Note Punkte
    Alternative 1
    Punkte
    Alternative 2
    Punkte
    Alternative 3
    1 100-85 100-95 100-90
    2 84-70 94-80 89-75
    3 69-55 79-65 74-60
    4 54-40 64-50 59-45
    5 39-25 49-35 44-30
    6 24-0 34-0 29-0

    Immer beträgt der Notenabstand bei den Noten 2 bis 5 jeweils 15 Punkte. Alle drei Notenschlüssel wären zulässig.

    Näheres muß die Bildugnsgangkonferenz beschließen. Was dann natürlich total blöd wird, wenn man je nach Bildungsgang unterschiedliche Notenschlüssel hat.

    Das ist glaube ich schulspezifisch. Bei uns gibt es beispielsweise in den Vollzeitklassen der SEK II bis 90% eine 1.

    Vor allem ist der Notenschlüssel alleine (ohne die dahinterliegende Bepunktung der Aufgaben zu kennen) absolut nichtssagend.

    Bsp.: Wir nehmen eine Klausur mit 5 Aufgaben mit ansteigendem Schwierigkeitsgrad und entsrpechend ansteigenden Arbeits- und Zeitaufwand. Als Lehrer kann ich jetzt jede Aufgabe mit 20 Punkten bewerten, auch wenn die erste Aufgabe sehr leicht und schnell erledigt ist. Macht dann in Summe 100 Punkte. Ich kann aber auch argumentieren, daß ich die Punkte gemäß des Arbeitsaufwands vergebe. Die erste Aufgabe bringt also nur 5 Punkte und die letzte Aufgabe 35 Punkte.

    Der Witz dabei:

    Vergebe ich für alle Aufgaben die gleichen 20 Punkte und nutze am Ende den logarithmischen IHK-Schlüssel, kommen da die gleichen Noten bei raus, als wenn ich die Aufgaben gemäß ihres Arbeitsaufwands bepunkte und dafür dann den linearen Notenschlüssel der Sek 2 (allgemeinbildend) wähle.

    Außerdem liegt der Bereich für die Note 1 (in der SEK II) zwischen 100 und 85 % der Bewertungspunkte.

    In der Sek 2b läuft es nach IHK-Schlüssel:

    1. 100-92%
    2. 91-81%
    3. 80-67%
    4. 66-50%
    5. 49-30%
    6. 29-0%

    Mit den 85%, mit denen man in den allgemeinbildenden Bildungsgängen also noch eine 1 bekommt, ist man bei den Azubis fast schon bei einer 2 minus. ;)

    Aber auch Mathe ist doch heute Kompetenzorientiert.

    [...]

    Kurvendiskussion und dann die Frage: an welcher Stelle sollte bei der Wanderung eine Pause eingelegt werden.

    Ist die Route für den herzkranken Rudi empfehlenswert.

    Was ich sehr schade finde, weil dank dieser Kompetenzorientierung bei mir eine ganze Reihe an Schülern heute an den Aufgaben scheitert. Da bewerte ich nämlich nicht ihre mathematischen sondern ihre sprachlichen Fähigkeiten in der Mathe-Prüfung. Die Aufgabenstellung ist dank der ganzen Kompetenzorientierung und des Genderwahns nicht mehr in einer leichten Sprache abgefaßt sondern im genauen Gegenteil. Bewertet das Fach Deutsch im Gegenzug auch mathematische Fähigkeiten?

    Früher hieß es beim Elektriker-Azubi z.B.: Sie sollen in einem Raum einen Lichtschalter und drei Steckdosen installieren. Die Wände sind massiv. Wo müssen die Dinge installiert werden und wo und wie sind die Leitungen zu führen? Zecihnen sie die Maße in die Zeichnung unten ein.

    Heute gibt es erst einmal eine Seite Erklärung: "Sie kommen zu Familie Müller, diese lebt in Niederbayern in einer Doppelhaushälfte, [...] und sollen im Kellerraum neben dem Heizungskeller einen Lichtschalter und drei Steckdosen installieren."

    Da sind die Azubis schon abgeschreckt bevor sie überhaupt zur eigentlichen Aufgabe kommen.

    Das ist eigentlich mittlerweile Standard - oder sollte es sein.
    Eine transparente Notengebung ist für das Vertrauensverhältnis zwischen SchülerInnen und Lehrkräften von essenzieller Bedeutung.

    Was hat ein Erwartungshorizont mit einer transparenter Notengebung zutun? In der Mathematik erachte ich einen Erwartungshorizont als überflüssig, weil man dort selbstverständlich erwartet, daß für die Note 1 einfach alle Aufgaben gelöst werden. Den Horizont braucht man bei weichen Fächern, wo es kein absolutes "richtig" oder"falsch" gibt.

    Also, um auf den Fragenden einzugehen: In Erdkunde mag ein Erwartungshorizont richtig sein, wenn kein Faktenwissen abgefragt wird, wo es ein klares "Richtig" oder "Falsch" gibt, in Mathe erachte ich ihn als überflüssig.

    Und ganz ehrlich: ich hatte als Student auch besseres zu tun, als die Vorlesungen zu stören.

    Du meinst, daß wir damals anders waren als unsere Schüler heute? Die Schüler, die sich innerlich von meinem Unterricht verabschiedet haben, weil sie eh wissen, daß sie notenmäßig nicht mehr versetzt werden, wollen "wenigstens" etwas Spaß. Damals bei den Vorlesungen im Grundstudium war es ähnlich. Viele Studenten haben erkannt, daß sie es eh nicht schaffen werden und wollten dann zumindest für den Rest des einen Semesters ihren Spaß.

    P.S.: vielleicht war es zu meiner Zeit noch anders - aber unsere Mathevorlesungen dort wurden eher selten gestört. 300 Personen definitiv nicht. Eher 3.

    Kann schon sein. Bei uns war es damals ja auch ein Volkssport mit dem seligen Nokia 3210 das Telefon im Hörsaal direkt neben der Tafel anzurufen, als die Durchwahl einmal bekannt war. Auf das das ewige Klingeln zusätzlich stört. Ab dem 2. Semester haben jedenfalls alle Profs. beim Betreten des Hörsaals erst einmal gleich das Telefon ausgehängt.

    Nachtrag:

    Weißt Du wie beschwerlich die Höhenmeter durch den Innenhof auf Niveau des Tiefpaterre für Informatik-Studenten ist? :pfeifen:

    da gab es natürlich noch andere Zugänge zum Gebäude E

    Ja klar, aber dafür mußte man vom Studentenwohnheim, vom Fahrradständer und vom Parkplatz aus ums halbe E-Gebäude rennen und dabei auch noch ein paar Höhenmeter machen.

    Wir haben uns damals schon alle gefragt, warum sie nicht parallel zum Hörsaal direkt unterhalb der Uhr einen Durchgang zwischen den beiden Türen in die eine Betonwand reingeschlagen haben, damit die Leute nicht mehr durch den Hörsaal hätten rennen müssen.

    Wusstet ihr, dass es sowas gibt? Das sollte man wirklich mit allen SuS an berufsbildenden Schulen thematisieren.

    Natürlich, sonst hätte ich es hier ja nicht gepostet. Und wenn wir schon bei den Gewerkschaften sind, können wir gleich mit den käuflichen Betriebsräten weitermachen.

    --> https://www.faz.net/aktuell/wirtsc…ts-1250735.html

    --> https://www.welt.de/wirtschaft/art…ffaere-aus.html

    Daher genießt bei mir Weselsky auch so ein hohes Ansehen, eben weil er noch den ganz klassischen Wertekompaß vertritt.

    Das ist ja ekelhaft.

    Das ist genauso ekelhaft, wie die Tatsache, daß manche Betriebe Frauen erst ab 38 einstellen, genauso ekelhaft wie die Möglichkeiten Azubis auch noch nach der Probezeit loszuwerden und genauso ekelhaft, wie manche Betriebe Mitarbeiter bearbeiten, damit diese von selber kündigen. Und trotzdem bringe ich solche Themen auch in meinem Umterricht. Da erlaube mich mir dann aber doch den Beutelsbacher Konsens mal beiseite zu schieben und ein Urteil darüber abzugeben: "Ich kann es absolut nicht gutheißen, ich muß Euch aber sagen wie der Laden laufen kann, damit ihr nicht total blauäugig in die Situationen hinein rennt..."

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