Nochmals zur Ausgangsfrage:
Ich habe das so gemacht und so ist auch der allgemeine Konsens an meiner Schule:
Wenn die Schüler im dritten Schuljahr zu uns kommen, dann reden sie uns fast durchgehend mit "Du" (Du, Frau Caro) an. (Ausnahme: Diejenigen, die von zuhause her das "Sie" gelernt haben.) Das lasse ich erst einmal so. Irgendwann im 3. /4. Schuljahr (meistens im 4. Schuljahr) je nach Stoffverlauf führen wir die Anredepronomen ein. Das ist der geeignete Zeitpunkt, den Schülern den sprachlichen Unterschied bewusst zu machen. Eine Kollegin von mir macht das Thema bewusst im 3. Schuljahr, ich habe es meistens im 4. Schuljahr gemacht.
Wenn das Thema gemacht wird, merkt man bei einigen Kindern, dass es ihnen schwer fällt, überhaupt zu begreifen, was der Unterschied ist. Ich habe da noch richtig die Nachfragen der Schüler im Ohr: "Muss ich den jetzt im Laden auch siezen... usw. ?" Kinder, wo sich im Umfeld alle duzen, fällt es doppelt so schwer.
Im 4. Schuljahr - vor allem im 2. Halbjahr - mache ich die Kinder gehäuft darauf aufmerksam, dass sie die Lehrer eigentlich siezen sollten und ab der Sekundarstufe das üblich wäre. Sie können das jetzt schon üben. Hier habe ich meine Ansicht im Lauf der Jahre geändert - vor 10 Jahren habe ich noch wesentlich konsequenter agiert und sie öfter auf die Anrede hingewiesen. In den letzten Jahren habe ich aber gemerkt, dass es den Kindern immer schwerer gefallen ist, sich umzustellen und habe oft mal Fünf grade sein lassen.
Erfahrungen: Ich hatte jetzt nicht so viele Kinder mit Migrationshintergrund, die große Sprachschwierigkeiten hatten. Kinder, wo Eltern mit darauf geachtet hatten, hatten wenig Probleme mit der Umstellung, die meist im 2. Halbjahr des 4. Schuljahrs greift. Viele fanden es auch komisch, mich jetzt zu siezen und beließen es beim "du, Frau Caro". An der gewachsenen Beziehung zwischen den Kindern und mir gab es keinen Bruch, denn bestimmte Verhaltensweisen waren - egal welche Anrede benutzt wurde - angesagt.
Anekdotisch: Ich selbst hatte wohl in dieser Beziehung ein "traumatisches" Erlebnis, weil ich mich daran immer noch erinnere und das Bild vor mir habe. Nach ein paar Wochen in der Schule teilte uns die sehr beliebte Erstklasslehrerin mit, dass wir sie jetzt "siezen" müssten. Das habe ich als Erstklässlerin wie einen Vertrauensmissbrauch empfunden.