Finde ich toll, dass du so etwas weißt! Ich habe leider niemanden mehr, den ich zur Familiengeschichte befragen kann und weiß daher gerade mal, was meine Großeltern von Beruf waren (bei deren Geschwistern wird's schon weniger mit den Infos)
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Ich finde das total interessant.
Mein Opa mütterlicherseits hatte geduldig geforscht und eine wirklich lange Ahnenlinie bis ins 18. Jh. zurückverfolgen können. Seine Vorfahren kamen aus dem heutigen Litauen bzw. Polen, waren Tagelöhner, Söldner und Feldarbeiter. Seine Mutter und ihre Schwestern wurden im frühen Teenageralter über Beziehungen als Hausmädchen nach Berlin geschickt. Sein Vater kam als Handwerkergeselle nach Berlin. Mein Opa war schwer krank und ihm wurden nur wenige Lebensjahre zugeprochen, sodass er bei seiner Tante aufwachsen durfte, die einen Händler geheiratet und daher eine halbwegs warm-trockene Wohnung und genug zu essen hatte, aber keine Kinder bekommen konnte. Dadurch konnte er letztlich auch Abi machen und als erster in seiner Familie studieren (und nebenbei weit über 70 werden). Kontakt zu seinen Geschwistern bestand aber nicht, mit denen hatte er ja seit dem frühen Schulalter nicht mehr zusammengelebt.
Meine Oma stammte aus einem verarmten Seitenzweig eines bekannten, im Ursprung niederländischen Kaufmannsgeschlechts. (Sie hatte sich nach der Wende ein Wappen malen lassen und es an die Wand gehängt.) Vater Fabrikarbeiter. Ihre Eltern hatten nur ein Kind und wollten, dass dieses "die Schicht wechselt". Also Gymnasium und Tennisclub aus dem schmalen Lohn finanziert. Meine Oma hat sich dann in den Abkömmling eines Großindustriellen verliebt (und umgekehrt) und das führte aufgrund weitreichenden Einflusses und großen Zornes der Großindustriellenfamilie letztlich zum Abbruch des Abiturs, Versetzung und Verstoßenwerden ihres Familienteils. Nach dem Krieg wurden in der sowjetischen Besatzungszone sozialistisch überzeugte Arbeiterkinder gesucht, um die neue Elite des Landes aufzubauen. Meine Oma konnte ihr Abi nachholen und studieren. Zum Rest der Familie bestand kein Kontakt mehr.
Meine Mutter konnte dadurch, dass beide Großeltern "linientreu" waren, Abi machen und nach einer Lehre studieren.
Mein Vater hatte als Bewohner des 3. Reiches ein Ahnenbuch, er hat mir das mal gezeigt, als ich Kind war. Es existiert aber nicht mehr.
Seine Vorfahren lebten - soweit ich mich an dieses Buch erinnere - im schönen Friesland und wohnten in Armenhäusern oder waren Straßenmusikanten, sein Vater hatte eine Kaufmannslehre beendet, bevor er Soldat wurde. Seine Eltern machten einen eigenen Laden auf. Für ihre Kinder wollten sie natürlich auch das Abitur und bezahlten das Gymnasium. Mein Vater durfte als Teenager dann neben der Schule das Geld für die Familie verdienen (sie waren 33 aus dem Laden geflogen, vermutlich wurde ein entfernter Verwandter 33 von den Nazis getötet und das war die Folge) und später anfangen, Musik zu studieren. Das Studium konnte er aber nicht abschließen - Ostfront. Er hat dann nach dem Krieg als Musiker gearbeitet. Kontakte zu den zahlreichen Geschwistern seiner Eltern gab es nicht.
Seine Kinder aus erster Ehe durften wegen Kirchenzugehörigkeit und Nicht-Linientreue ihrer Eltern kein Abi machen. Ich weiß nicht genau, was sie gelernt haben, es gab nur merkwürdige Kontakte.
Ich bin die einzige Lehrerin in meiner Familie.
Mein Vater wollte übrigens nicht, dass ich Lehrerin werde. Nach einer Weile hatte er sich dann mit "Studienrätin" abgefunden. Dass ich dann auch noch vom SekI/II-Studium auf Grundschule gewechselt bin, hat ihn fertig gemacht, ich war für ihn der soziale Abstieg in Person und die völlige Versagerin. (Von seinen anderen Kindern hatte er sich mental eh schon losgesagt, weil irgendwas nicht so funktionierte, wie er sich das vorgestellt hatte. Ich war bin die einzige, die Abi machen konnte und studiert hat und seine ganze Hoffnung auf einen "anständigen Beruf" lag in mir. )