Erst einmal: VERA 3 fragt die Standards der 4. Klasse ab. Von Drittklässlern werden die Kompetenzen abgefragt, die sie also rund 14 Monate später - zum Ende des 4. Schuljahres - erreicht haben sollten.
Für das obige Zitat heißt das: "3/4 der Schüler würden im Mai des 3. Schuljahres eine 4, 5 oder 6 bekommen, wenn sie sich am Ende der 4. Klasse befinden würden, d.h. sie haben den Regelstandard ("Note 3 am Ende der 4. Klasse") im Bereich Rechtschreiben am Ende der 3. Klasse nicht erreicht."
Verbessert das Bild etwas, aber natürlich ist auch das noch traurig.
Immerhin gibt es für die Standards am Ende des 4. Schuljahres aber mal einen Vergleich der Bundesländer. (Für VERA 3 habe ich keinen für alle Bundesländer gefunden.) Alle drei Stadtstaaten sind auf den vier Schlussplätzen.
Ich bekräftige / ergänze mal:
Arme Familien, ghettoartige Wohngegenden mit eigenen Sprachen oder eigenen Varianten der deutschen Sprache, die weit jenseits von Duden & co liegen. Ghettoartige Gegenden mit vielen bildungsfernen Elternhäusern, vielen Alleinerziehenden, einigen Eltern, die so viel arbeiten, dass sie keine Zeit für die Kinder haben und trotzdem aufstocken müssen. Elternhäuser, in denen nicht ein Buch existiert und für die Lesen und Schreiben keinerlei Bedeutung haben. Völlige Egal-Einstellung gegenüber Arbeit, Leistung, Lernen, Gessellschaft. Ich hatte mal ein Kind mit einer Farbsehschwäche, das hatten die Eltern in 6 Jahren nicht bemerkt.
Mangelnde Leistungsmotivation. Eltern leben das den Kindern vor. ("Ich habe eh HartzIV, ich bekomme keinen Job." - "Meine Mutter kann drei Dinge auf einmal: Rauchen, Bier trinken und Onlinespiele spielen." Kind X., 11 Jahre alt, mit vermutlich durch Alkohol in der Schwangerschaft ausgelöster Lerneinschränkung über ihre Mutter.)
Sprachverarmte Elternhäuser. Kinder mit der Muttersprache Deutsch, die mit weniger Sprachkenntnissen als DAZ-Kinder in die Schule kommen. Zweiwortsätze, Wortschatz weit zurück, Dysgrammatismus etc.
Viele dieser Kinder haben ein sehr schwaches Gedächtnis, oft auch besonders ein sehr schwaches Arbeitsgedächtnis. (Schwaches Arbeitsgedächtnis heißt, dass du spätestens jetzt vergessen hast, wie der Anfang des Satzes hieß.) Die schaffen es nicht, sich ein Wort mit 5 Buchstaben vom Anfang bis zum Ende zu merken. Die müssten das Wort vermutlich 200- bis 500mal schreiben, bis es möglicherweise irgendwo im Gedächtnis landen würde. (Und wozu, am Smartphone / Tablet gibt es doch die Rechtschreibkorrektur.)
Die Bildungsprogramme der KiTas wurden heruntergefahren. Kinder kommen mit immer weniger Voraussetzungen in die Schule. Ich habe in der 1. regelmäßig mit einem Vorschulprogramm (Raumorientierung, Figur-Grundwahrnehmung, Hörwahrnehmung, Schulung des Gleichgewichtssinnes, der Sinneswahrnehmungen generell, der Feinmotorik, Üben des Sprechens von ganzen Sätzen, Bildung des Plurals, Erfassen kleiner Mengen, z.B. der Anzahl der Finger an einer Hand etc. pp.) angefangen und wenn ich sehr schnell war, quasi ein Vierteljahr der 1. Klasse dafür benötigt. Damit waren das Mittelfeld und die leistungsstärkeren grundlegend versorgt. Die leistungsschwächeren Schüler hätten weit mehr Zeit dafür benötigt.
Quereinsteiger.
Zusätzlich wurden viele Jahre lang fast keine Grundschullehrer eingestellt. Ein Ersatz fehlender Grundschullehrer erfolgte - schon viele Jahre, bevor von Quereinstieg die Rede war - durch Kolleginnen mit der Ausbildung für die Klassen 5 bis 10. Diese wurden an die Grundschule versetzt und mussten auch in jüngeren Klassen (mindestens ab der 3.) unterrichten. An meiner ehemaligen Schule lag der Anteil der Grundschullehrer längere Zeit bei unter 30%. Das reichte dann nicht einmal mehr flächendeckend für Klasse 1/2.
Jetzt kommt das alles zusammen in einer Klasse. Die Kinder sitzen da und sehen rundherum, dass alle leistungsschwach sind. Die Motivation, besser zu werden, ist gering, man passt sich doch hervorragend in den Klassenschnitt ein. Man kommt durch's Leben, Mama tröstet, wenn man was nicht kann: "Ach, das ist nicht so schlimm, du hast mich als Vorbild. Ich hatte auch immer eine 5 in Deutsch/Mathe."
Diagnosen kommen dazu: "Ich habe LRS, ich kann das sowieso nicht." - "Ich habe LRS, mich hat das angestrengt, ich brauche eine Pause."
Hausaufgaben vergessen? Schulterzucken. Nachholen? Schulterzucken.
Meine Klasse und meine ehemalige Schule hatten Ergebnisse, die weit unter dem Berliner Durchschnitt lagen. Die besseren Schüler waren überwiegend diejenigen, deren Eltern mal als Gastarbeiter kamen und ihren Kindern vorlebten, dass man viel und fleißig arbeiten muss und sich das selbst dann lohnt, wenn man sehr wenig verdient.
Ein Kind aus der Verwandschaft, mit Abstand schlechtester Schüler seiner Klasse in gut situierter Wohngegend (LRS und Rechenschwäche), hätte in meiner Klasse zur Leistungsspitze gehört.
Und nein: Das betraf nicht nur eine Schule, das sind ganze Bezirke. Die anderen Bezirke reißen es nur bedingt wieder heraus.