Ich habe gerade eben den Test gemacht. Mir wurde geschrieben, dass der Beruf für mich vermutlich attraktiv sein könnte, aber dass es Diskrepanzen gibt.
Ja, ich bin nämlich auch eher ruhig und war früher schüchtern und zurückhaltend. Das hat Nachteile, natürlich. Jedes Referat, jede Prüfung und jeder Unterrichtsbesuch waren der blanke Horror für mich.
Manchmal bin ich auch heute noch zu ruhig und zurückhaltend.
Aber: Wie Piksieben schrieb, man wächst mit den Aufgaben. Ich habe das Glück, in der Grundschule die jüngeren Schüler zu unterrichten - und die lieben und mögen mich (überwiegend) so wie ich bin, denen ist es egal, ob ich schüchtern, ruhig oder zurückhaltend bin - ich bin ihre (erste) Lehrerin. Meine ersten Bedenken, nicht kontaktfreudig genug zu sein oder nicht gut genug erklären zu können, wurden bald zerstreut. Ich rede zwar selber nicht viel über mich selber und erzähle keine langen und tollen Geschichten, aber ich bin in der Lage, ein Kind, dass ein Kuschelbedürfnis hat, mal in den Arm zu nehmen, Kinder zu ermutigen, mit Kindern über ihre Aufgaben zu sprechen, mir auch Erzählungen anzuhören und dazu Fragen zu stellen. Ich kann Streitenden geduldig zuhören, sie ausreden lassen und ihnen Vorschläge zur Streitschlichtung machen. In Lernarrangements, in denen ich eher Lernbegleiterin bin als "traditionelle Lehrerin", kann ich mich im Hintergrund halten, Kinder, die Fragen haben unterstützen und den Kindern den Raum lassen, in dem sie selber entdecken können. Das ist auch wichtig - und hier haben sehr kontaktfreudige und sehr kontrollierende Kolleginnen (die noch vor 30 Jahren die idealen Lehrerinnen waren) oft Probleme. Im Moment habe ich eine Referendarin, der ich auch den Raum zum Ausprobieren lassen kann. Das Bedürfnis einzugreifen musste ich wirklich nur eine Stunde unterdrücken, danach war ich sehr gelassen in diesen Situationen, der anderen Mentorin geht es völlig anders.
Auch in Elterngesprächen ist es nicht nur von Nachteil, etwas ruhiger zu sein: Ich habe schon Eltern erlebt, die dann anfingen sich zu öffnen - und ich konnte besser verstehen, was bei dem jeweiligen Kind gerade zu Hause los ist und warum es eben in der Schule nicht so funktioniert, wie sich das alle Beteiligten wünschen.
Was ich viel anstrengender fand war, dass ich an der Uni gelernt habe, jedem Kind seinen Raum zu lassen, jedes Kind selbstständig und selbststeuernd lernen zu lassen, nur freundlich und lieb zu sein. Das waren keine guten Ratschläge. Grenzen setzen gehört zum Beruf eindeutig dazu und zwar auch in offenen Lernsituationen.
Anstrengend war es auch, sich bei Kolleginnen und Schulleitung Gehör zu verschaffen. Das habe ich schnell lernen müssen - und zugunsten der Kinder fällt es mir wesentlich leichter, als wenn es nur um meine persönlichen Interessen ginge.
Was ich immer noch anstrengend finde:
- der Lärm in den Pausen und im Musikunterricht (hallige Räume, halliges Schulhaus, unerträglich klingende Metallophone),
- die geforderte Multitaskingfähigkeit:7 Mitteilungshefte werden unter meine Nase gehalten, einer erzählt von der Magen-Darm-Grippe am Wochenende, eine zeigt ihr Pflaster, 2 Kinder husten mir etwas vor, 2 hauen sich, 2 probieren währenddessen aus, ob sie sich WC herunterspülen können, 5 Kinder erzählen mir, dass sich X und Y im WC herunterspülen wollen, 3 möchten wissen, was sie auspacken sollen (klar, das Heft steht vorne, man müsste nur schauen), eine Kollegin kommt herein und möchte mir die Ohren volljammern, bis zur ersten Pause will die Konrektorin irgend eine schriftliche Info von mir, ein Geschwisterkind betritt den Klassenraum und will Aufgaben für sein krankes Geschwister aus meiner Klasse holen und gleichzeitig müssen die Fenster geöffnet werden, weil die Luft unmöglich ist (die Kinder kommen an die Griffe nicht heran).
- schnelles Umstellen auf ungewohnte Situationen, z.B. Vertretung in fremden Klassen,
- Umgang mit bestimmten Kolleginnen und mit meinem Chef - aber das wäre auch in jedem anderen Beruf so.
Und deshalb: Probiere es aus. Als Mann an einer Grundschule hast du zusätzlich immer einen Bonus - vor allem bei den Kindern.