Ich kenne die Zahlen nicht aus dem Kopf, aber bei vielen meiner SuS ist das Abitur gefragt wie nie - sehr, sehr, sehr schwache Hauptschüler, die gerade so den Abschluss schaffen, lassen entgegen aller Beratung Ausbildungsverträge platzen um sich am Realschulabschluss zu versuchen, weil man damit ja vielleicht auch das Abi machen kann und Medizin studieren kann. Man kann zwar kaum richtig lesen und schreiben, aber egal, es MUSS das Abitur sein. Wir beraten uns da echt dumm und dämlich und können uns nicht erklären woher dieses Bild kommt, dass das Abitur der einzig angemessene Schulabschluss ist. V.a. auch in den Köpfen geflüchteter SuS. Das ist dermaßen in den Köpfen einzementiert, dass man in Deutschland das Abitur machen muss, komme was wolle, da hilft alle Beratung nichts und selbst ein Zeugnis voller 5er und 6er überzeugt nicht.
Diesen Trend hin zum Abi und Studium sehe ich bei uns nicht unbedingt. Gerade bei den Fachoberschulabsolvent*innen ist mir aufgefallen, dass - im Gegensatz zu früher - mehr als die Hälfte mittlerweile nach ihrem Abschluss kein Studium sondern eine Ausbildung beginnen (kann natürlich sein, dass sie dann später doch noch ins Studium gehen, das weiß ich natürlich nicht). Das liegt aber auch daran, dass wir früher in der FOS12 ausnahmslose SuS mit einer abgeschlossenen Ausbildung (aus dem dualen System oder aus einer BFS, die nach 2 Jahren zu einem Berufsabschluss führt) sitzen hatten und heutzutage 80% der SuS über die Realschule und anschließend die FOS11 oder eine einjährige BFS in die FOS12 gelangen; diese SuS sind also heute nach Abschluss der FOS wesentlich jünger (heute schätzungsweise durchschnittlich 18-19, früher meist schon über 20).
Auch aus den einjährigen BFS-Klassen gehen die meisten SuS anschließend in eine Ausbildung. Wenn ich da meine eigene Klasse so betrachte: von 20 SuS wollen drei wiederholen, weil sie den Abschluss nicht geschafft haben, neun haben bereits Ausbildungsverträge unterschrieben, einer sucht noch nach einem Ausbildungsplatz, einer geht in die FOS11, eine hat keine Lust mehr auf Schule o.ä. und will "arbeiten gehen", zwei machen ein FSJ und drei gehen in die Klasse 2 um dort ihren Realschulabschluss zu erwerben (allerdings nur, weil sie sich dann bessere Chancen auf Ausbildungsplätze im Büro- und Industriebereich erhoffen bzw. eine Schülerin möchte sozialpädagogische Assistentin werden, wofür sie auch den RSA benötigt).
Ich stimme Hannelotti aber zu bzgl. des Wunsches vieler "Flüchtlingsschüler*innen": dort habe ich auch oft gehört, dass sie studieren möchten (gerne Medizin), aber diesen Zahn haben wir den meisten schon nach wenigen Monaten ziehen müssen.