Hi,
als jemand, der am "gutbürgerlichen Gymnasium" ausgebildet wurde, an solchen einige Vertretungsstellen absolviert hat und schließlich seine Planstelle an einer quasi Brennpunktgesamtschule im Westen NRWs angetreten ist, kann ich hier mal ein paar Dinge berichten:
- ganz ehrlich: Hätte es für mich Planstellen an Gymnasien gegeben, hätte ich mich auch dafür entschieden. War aber nicht so. Für mich stand zur Wahl entweder vollkommen entwurzelt im Schwarzwald an einem Gym anfangen, oder aber wohnortsnah an der Gesamtschule anfangen. Für (fast) das gleiche Geld.
- Ja, die Schülerschaft ist heterogener als am Gym. Jedoch ist man das in unserem Kollegium gewohnt. Generell sind auch Gymnasien heutzutage absolut nicht mehr das, was sie noch vor 25 Jahren waren. Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man sich an den Gymnasien dieser Entwicklung zu entziehen versucht und man dort nicht so konsequent mit erzieherischen und Ordnungsmaßnahmen ist, weil es man dort schlicht nicht gewohnt ist.
- Die Kollegien an den Gymnasien waren weitaus versnobter und tendierten zum Einzelkämpfertum. Hattest du ein Problem mit einer Klasse, warst das erst einmal auf deinem Mist gewachsen, "denn bei mir laufen die total gut". Sehr nervige Einstellung. Material wurde kaum geteilt, jeder machte irgendwie sein Ding. Aber man ließ sich eben auch in Ruhe. An der Gesamtschule ist das etwas anders: Hier muss man miteinander arbeiten, einfach schon, damit die Schüler checken, dass sie die Kollegen nicht gegeneinander ausspielen können. Was mir hier nicht gefällt: Als vollausgebildeter Lehrer ist man fast schon in der Minderheit, weil Gesamtschulen wegen des Mangels gerne jeden einstellen, der freundlich schauen und geradeaus laufen kann, gleichzeitig aber zu allem eine wichtige Meinung bei fast genauso wenig Ahnung haben muss ("Ich als Mama kann das ja gaaaaanz anders beurteilen").
- Fachlichkeit ist - außer in der Oberstufe - an der Gesamtschule eher sekundär. Es ist zudem normal, fachfremd eingesetzt zu werden (natürlich mit persönlichen Grenzen). Der Einblick in andere Fächer gefällt mir gut (Mathe, Informatik) und macht mir Spaß, andere Bereiche kommen massiv zu kurz (bei mir z. B. Latein). Naja, einen Tod muss man eben sterben. Wenn du aber Wert legst auf fachliches Arbeiten: Hab das im Hinterkopf, dass die Gesamtschule dafür evtl. nicht der geeignetste Platz ist
- Beziehungsebene ist wichtig. Das fängt aber auch schon damit an, dass Beziehung eben Zeit braucht. Am Anfang brauchst du daher ein dickes Fell. Mir ist es auch schon passiert, dass unausstehliche Klassen nach Monaten irgendwann einfach angenehmer wurden, obwohl man selbst eigentlich nichts gemacht hat. Klassenlehrer sein gefällt mir sehr gut, weil ich meine Klasse mag. Deshalb habe ich viel Unterricht in meiner eigenen Klasse, es fühlt sich an wie im "Wohnzimmer" sitzen. Fremde Klassen sind gleichzeitig schwieriger.
- Das System Gesamtschule lügt sich selbst in die Tasche: Es wird behauptet, dass die Kinder mit Förderschwerpunkt im Rahmen des "Gemeinsamen Lernens" eben nicht aus dem Klassenverband herausselektiert werden. Naja, werden sie schon, vor allem in den Fächern Mathe Deutsch Englisch. Da werden sie dann nämlich in Kleingruppen vom Sonderpädagogen unterrichtet, Eltern fallen in der Jgs. 9 aus allen Wolken, wenn ersichtlich wird, dass ihr Kind maximal einen Hauptschulabschluss schaffen wird. Da wird sich dann auf einmal gewünscht, dass die Kinder vorher schon sitzen bleiben können. Tja.
Bereue ich es, an der Gesamtschule angeheuert zu haben? Nein! Vor allem nicht, weil ich den gleichen Sold wie am Gym erhalte. Nein, weil der Unterricht in der Sek I flott vorbereitet ist. Nein, weil man sich trotzdem in der Sek II engagieren kann.
Würde ich mein eigenes Kind an eine Gesamtschule schicken? Hell, no. Dafür bin ich zu sehr Befürworter des klassischen drei- bzw. viergliedrigen Schulsystems.