Beiträge von Antimon

    Dann kenne ich vermutlich einfach zu viele Gegenbeispiele (Ausnahmen?) von jungen Menschen, die gerade nicht die soziale Reproduktion fortsetz(t)en.

    Ich glaube eher, du kennst diese Leute nicht gut genug. Mein Mutter hatte zwar selber nichts, ich bin aber stets mit der Idee erzogen worden, dass man sich auf jeden Fall selbst versorgt und arbeiten geht. Egal was, man liegt nicht dem Staat auf der Tasche. Bei uns gab es auch kein "Mathe konnte ich selber nie, hihihi" obwohl meine Mutter nur 8 Jahre Schulbildung hatte. Dann sieht es hinterher so aus, als hätte man als Nachkomme irgendeine Art von Kreislauf durchbrochen, in Wahrheit kommt das aber längst nicht so vom Himmel gefallen, wie man als Aussenstehender meinen möchte.

    Jeder darf ein bisschen mimi machen.

    Ich mimimie nicht, ich will einfach gar nichts, was ich mir nicht leisten kann. Bei den Gehältern, die wir *alle* hier verdienen, ist eine Diskussion über Flugreisen und Eigentumswohnungen in Düsseldorf, die man sich nicht leisten kann, einfach nur widerwärtig dekadent. Auch Ergüsse wie "wer will schon mit 3 Kindern in einer 4-Zimmer-Wohnung leben" fallen in die Kategorie. Wie viele Eltern sich in Deutschland solche Fragen erst gar nicht stellen? Ich bin als Kind einer alleinerziehenden Mutter mit zwei älteren Brüdern auf 80 qm auf'fm Dorf ohne Auto aufgewachsen. Wir sind niemals irgendwo hingeflogen, nach heutiger Definition hat meine Mutter nicht mehr als Hartz IV verdient. Mein unermesslicher Wohlstand ist nicht geerbt und er kam auch nicht vom Himmel gefallen. Ich habe jahrelang Fernwanderreisen komplett selbst durchorganisiert, weil sonst kein einziger Urlaub ins Budget gepasst hätte. Jetzt kann ich es mir leisten, faul zu sein und das andere machen zu lassen. Wäre es nicht so, würde ich halt nicht nach Galapagos fliegen, so einfach ist das. Kinder habe ich nie gewollt. Dass die Geld kosten, weiss jeder Depp und natürlich hätte ich sie mir "leisten" können. Ich kann mich auch nicht entsinnen, dass ich bei uns im Lehrerzimmer schon jemals habe jemanden mit Kindern übers Geld klagen hören. Scheint auch bei 2000 CHF/Monat für die Kita kein grösseres Drama zu sein.

    Ich habe weder Wohneigentum, noch ein Auto, noch einen Flugschein, noch jette ich 3 x im Jahr zum Pauschalurlaub auf die Kanaren. Ich habe mir gestern zwei T-Shirts bei Tchibo gekauft und in meinem Arbeitszimmer steht ein 25 Jahre altes Ivar-Regal. Vielleicht liegt es daran, dass ich mein Geld nicht loswerde. Und vielleicht bin ich in weiteren 25 Jahren froh darüber, weil mir 10 Jahre AHV-Beiträge fehlen und das Rentenniveau in der Schweiz sowieso nur bei 44 % liegt. Ich bin nicht diejenige, die hier rumquengelt, dass sie in Düsseldorf keine adäquate Wohnung kaufen kann. Ich will die gar nicht haben.

    Man staunt mitunter wirklich über das Unwissen und die Hilflosigkeit, die sich einem da so offenbart

    Das ist so, ja. Erlebe ich selbst am Gymnasium noch. Wir haben so viele Migranteneltern, die gar nicht wissen, was es alles gibt. Denen schiebt man die Zettel hin, die sie unterschreiben müssen und dann machen sie das. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass das in Ludwigshafen an dieser Grundschule nicht längst passiert ist. Da gibt es doch Lehrpersonen, die darauf hinweisen, was die Möglichkeiten sind. Ich glaube ohne Verbindlichkeiten kommt man da nicht weiter. Das Kind geht in den Sprachkurs oder du latzt Bussgeld. So.

    Ich komme selber aus einem sozial sehr schwachen Elternhaus. Allein die Androhung von Bussgeld bringt oft schon einiges. Das betrifft vor allem Leute, die "zu doof" sind, es anders zu verstehen. Wenn es keine Verbindlichkeiten gibt, bekommen die halt den Hintern nicht hoch. Es bleibt ein kleiner Teil, der wirklich mehr Unterstützung braucht, für den braucht es aber keine Pauschallösungen.

    man müsste den Wohnvierteln einen Sozialindex geben und alle Kinder miteinander und untereinander mischen, sodass es ausgewogene Klassen gibt, sodass Kinder ohne Deutschkenntnisse auf solche Treffen, von denen sie Deutsch lernen könnten

    Ich glaube, damit wäre eben sehr viel gewonnen. Ich sehe da ein grosses strukturelles Problem, ich schrieb weiter oben von Ghettoisierung. Dann läge die Verantwortung aber bei den Vermietern, z. B. für eine solche Durchmischung zu sorgen.

    Ja, meine Güte. Ich kenne jemanden, der bei der ZKB mehr als 200000 CHF Jahresbrutto nach Hause trägt. Studierter Mathematiker, macht Risikoanalysen. 1. habe ich nicht Mathe studiert, 2. intetessieren mich Bankgeschäfte nicht und 3. geht mir sowieso am Arsch vorbei, was der verdient. Ich versuche mir nur vorzustellen, was ich damit machen würde. Ich würde es ja noch weniger ausgeben, als meine 142000 CHF Jahresbrutto. Dann würde ich noch mehr Vermögenssteuer zahlen und der Kanton freut sich. Nee. Im Sommer geh ich Galapagos-Schildkröten gucken, das scheint mir sinnvoll investiert.

    Vertrau du mal. Mir ist schon zu viel "Unfassbares" - um den Titel des Threads an dieser Stelle mal zu zitieren - in der Realität untergekommen als dass ich dem Fall grundsätzlich von der Rechtmässigkeit der Vorgänge ausgehen wollte. Ich weiss ja, was wir als Gewerkschaft so an juristisch relevanten Fällen vertreten.

    Oder kennst du die Person persönlich, die die Abordnung ausgesprochen hat.

    Nö. Ich schrieb auch nur, "ich kann mir vorstellen". Nichts weiter als das. Vielleicht ist es so, vielleicht ganz anders.


    Vielleicht ist es bei mir ein Grundvertrauen darin, dass der Vorgang rechtmäßig ist

    Ich sag mal so ... Wir bräuchten als Gewerkschaft wohl keine Rechtsabteilung, wenn immer alles rechtmässig wäre, was im Kontext Schule so passiert. "Vertrauen" ist da in der Tat naiv.

    Ich nehme an, dass niemand hier Frau Schäfer persönlich kennt, also erübrigen sich sämtliche Spekulationen. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sie einfach nur gedisst wird. Das gibt's, wirklich. Wir bekommen im August jemanden an die Schule, der mitten im Schuljahr an einem anderen Ort aus der Schulleitung rausgeflogen ist. Die Person hat ein riesen Glück, dass z. B. ich sie kenne und weiss, dass die völlig in Ordnung ist. Mit so einer Macke im Lebenslauf hätte die anderswo arge Mühe sich zu erklären.

    (Ich denke da an Frau Stark-Watzinger und Frau Faeser.

    Ich glaube nicht, dass das deren Problem ist, das ist ja ein regionales Phänomen. Und ich glaube auch nicht, dass es ein bildungspolitisches Problem ist. Ich glaube, das nennt man Ghettoisierung, die es unterdessen wohl in allen grösseren deutschen Städten gibt. In Mannheim gab es vor 20 Jahren schon ganze Wohnblöcke mit ausschliesslich Türken oder ausschliesslich Polen. Wir haben in Basel auch Quartiere mit enorm hohem Ausländeranteil, viel höher noch als in Mannheim oder Ludwigshafen. Der Unterschied ist, die Kinder an den Primarschulen sprechen Deutsch als gemeinsame Sprache weil die halt von überall herkommen. Als Ausländer ist es schon bequem in der eigenen Community zu bleiben. Das ist ja keine Bösartigkeit oder so, ich weiss selber, wie das ist. Die Politik muss da aktiv Einfluss drauf nehmen, dass nicht immer die gleichen aufeinander hocken.

    Was ich nicht verstehe, wenn gerade GS-Leute auf Demos oder in Petitionen was fordern, dann ist es doch nie etwas für sie selbst, also sie fordern nicht mehr Lohn, mehr Urlaub oä, sie fordern dann doch immer nur Dinge, die die Lernsituation der Kinder verbessern würde, aber irgendwie checkt das keiner. Oder?

    Ist das nicht grundsätzlich so bei Lehrpersonen? Ich habe 2015 schon bei einer Grossdemo in Liestal vor dem Rathaus gestanden, da ging es nicht um unseren Lohn. Sondern z. B. um den kostenlosen Instrumentalunterricht, der an der Sek II weggespart werden sollte. Ich wohne hier aber auf der Insel der Glückseligen, mir fällt kein anderer Politiker mit einer derart steilen Lernkurve wie die der Monika Gschwind ein. Die Kinder im Baselland sind schlecht in Mathe? OK, wir zahlen mehr Mathelektionen in der Primar. Frühfranzösisch ist scheisse? OK, wir schaffen es ab. Ich würde sie euch gerne klonen, aber ich fürchte die Frau bleibt ein einzigartiges Phänomen.

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