Hallo Kairos, Kris hatte gestern schon mal gefragt, mich würde das auch interessieren: Was für konservative Positionen musst du extra kopieren, die nicht im Buch vertreten sind? Derart "Manche Menschen finden Schwulenehe abstoßend", oder wie muss man sich das vorstellen?
Also abgesehen davon, dass Schule natürlich kontrovers diskutieren soll und ich hoffe, dass Lehrkräfte nicht ausschließlich mit Schulbuch unterrichten, interessiert mich, wie etwa Postkolonialismus oder Klimawandel, die überhaupt erst seit wenigen Jahren Thema sind, zu einseitig beleuchtet werden.
Moment, mir fällt gerade ein, wie wir vor 35 Jahren gelernt haben, dass Flüsse zu begradigen um die Schifffahrt zu fördern eine ganz schlechte Idee für Flüsse, Ökosystem und Hochwasser ist. Was heutige Politiker nicht daran hindert, bei akutem Wassermangel vom weiteren Ausbaggern zu schwadronieren...
Vielleicht zunächst die kurze Anmerkung, dass zumindest das Thema Klimawandel bereits seit über 20 Jahren unterrichtet wird. So neu ist das also nicht.
Aber zu deiner eigentlichen Frage: Ein Schwerpunktthema in diesem Jahr lautet „The USA – Past and Present“. Die in den Büchern abgedruckten Kommentare stammen fast alle aus dem Guardian, einer Zeitung, die eindeutig dem linksliberalen Spektrum zuzuordnen ist. Das führt dazu, dass bei sämtlichen Themen die Position der Demokraten sehr stark gemacht und die der Republikaner vernichtend kritisiert wird, auch schon vor Trump und auch bei Themen, die Trump nur indirekt betreffen.
Ich persönlich teile die Meinung der Republikaner nicht, aber es ist nun einmal so, dass es auch begründete Gegenmeinungen zu Themen wie Waffenrechten, Migration, Atomkraft, Fracking, Arbeitsrecht, Umverteilung, Schwangerschaftsabbrüchen usw. gibt. Die Argumente der Gegenseite werden in den Texten gar nicht, falsch oder nur verkürzt beleuchtet.
Dazu kommt, dass gerade in den gymnasialen Klassen kaum konservative Meinungen zu hören sind. Die wenigen Schülerinnen und Schüler, die eher konservativ denken, fühlen sich dann meist unwohl und sind nicht bereit, ihre Argumente zu teilen.
Am Ende geht es auch um Empathiefähigkeit. Wie kann es sein, dass diese „blöden“ Amerikaner immer noch an ihren Waffen festhalten, obwohl diese objektiv so viel Schaden anrichten? Ja, die da „oben“ wollen Geld, und die einfache Bevölkerung ist halt dumm oder böse. Genau so möchte ich diese Themen nicht behandeln.
Das geht aber nur, wenn ich auch andere Quellen bemühe, dafür sorge, dass konservative Meinungen zu hören sind und meine Schülerinnen und Schüler dadurch vielleicht doch noch lernen, warum Menschen unterschiedlich denken, dass Probleme oft komplexer sind, als sie auf den ersten Blick erscheinen, und dass man die Gegenseite besonders effektiv kritisieren kann, wenn man sie zunächst versteht.