Mittlerweile ist die Berufsorientierung an Gymnasien in NRW komplett aus dem Ruder gelaufen: 1 x Einstiegsinstrument, 2 x Berufsfelderkundung (alle drei je 1 kompletter Schultag, die letzten beiden bei uns traditionell immerhin an Konferenztagen) und zwei Praktika (zwei Wochen in Jgstf. 9 und eine Woche in der Q1). Dazu allerhand an Dokumentationen, Praktikumsberichten und Co.,alles (theoretisch) begeleitet von umfangreiche(re)n Vor- und Nachbereitungen (bei uns in der Sek I in Wirtschaft-Politik). Zudem gibt es bei uns in der Sek I klassenweise verpflichtende Stunden mit dem städtischen Berater für die Studie- und Berufswahl (der auch ein Mal pro Woche ganztätig bei uns ist, was zu begrüßen ist) und allerhand Zusatzveranstaltungen für die Schüler (z.B. berufsbörsen, Infoverantstaltungen zu den genannten Praxiselementen etc.), die unser Koordinator verantwortet. Nicht zu vergessen die Girls' Day und Boys' Day etc. etc. etc.
Das alles frisst Unmengen an Unterrichtszeit (insb. wenn man es so vor- und nachbereiten würde, wie das eigtl. gedacht ist. Ich beschränke mich mitttlerweile darauf, die Schüler in der Stunde nach den Praxiselementen kurz schildern zu lassen, was sie wo gemacht haben, was ihnen (nicht) gefallen hat und warum und ob das ein Beruf für sie wäre (und wenn 'sehenden Auges' nicht und trotzdem ihrerseits gewählt, warum sie es denn überhaupt gewählt haben... i.d.R. sind das dann convenient choices und damit ebenso regelmäßig komplette Zeitverschwendung gewesen).
Früher, vor drei Jahrzehnten z.B., hat da ein einziges Praktikum ausgereicht, um mal einen 'Blick über den Tellerrand' zu erfahren.
'Notwendig' ist der ganze Unsinn nur deswegen, weil das Gymnasium mittlerweile (quantiativ) die "Hauptschule der Nation" geworden ist:
Genuine Aufgabe des Gymnasiums ist die Qualifikation der Schüler zu Hochschulzugangsbefähigung, ursprgl. sollte das Studium den Regelweg nach dem Abitur darstellen. Im Zuge von Ökonomisierungstendenzen der Schulen (die Zahlen müssen eben stimmen), Klientelpolitik, (ideologisch-verquerem) concept creep ggü. Gerechtigkeitbegriffen (welche die kategorie der Leistungsgerechtigkeit zudem konterkarieren), simplem Dilettantismus und auch im Bestreben, am Ende ein mehr an Akademikern haben zu wollen, wofür man kurioserweise den Weg gewählt hat, die Abiturientenquote durch allg. Niveausenkung künstlich zu erhöhen, aber irgendwie vergessen hat, dass man dann am Ende doch nicht mehr Schüler mit entsprechener Hochschulzugangsbefähigung, sondern lediglich entsprechender -berechtigung generiert, sind die Gymnasien hier mittlerweile zu einem/dem Gros überfüllt mit Schülern, die realiter (dennoch) nie eine Chance auf das Abitur oder (falls doch) auf ein erfolgreiches Studium haben. Das ist den (polit.) Verantwortlichen auch bewusst, aber während sie an Ersterem (durch weitere Niveausenkungen) noch einiges drehen können, wird dies bei Letzterem (auch bspw. infolge von Art. 5 Abs. 3 GG) deutlich komplizierter (und es drohen noch größere Abbruchquoten an den Universitäten, Hochschulen etc.).
Man muss das an Gymnasien also irgendwie auffangen, deshalb dieser Wust an Berufsorientierung... an die hl. Kuh, endlich wieder basierend auf der kognitiv-intellektuellen Leistungsfähigkeit, -bereitschaft und -demosntration der Schüler entsprechend selektierend und allokierend Gymnasien zu den Schulen zu machen, die primär auf ein möglichst erfolgreiches Sutdium vorbereiten (womit die Schülerzahlen massiv sinken würden), wagt sich nur keiner der polit. Verantwortlichen.
Eine massive Ressourcenverschwendung auf allen Seiten.