Hallo und herzlich willkommen in diesem Forum.
Ich bin auch seit 20 Jahren dabei und habe ebenfalls die Höhen und Tiefen unseres Berufs kennengelernt.
Die Überwindung des Motivationstiefs beginnt mit der Akzeptanz des status quo. Es mag einigen nicht ganz stimmig erscheinen, aber der Ansatz von Egon Bahr, dass man den status quo nur überwinden könne, wenn man ihn zunächst anerkenne, passt meines Erachtens hier ganz gut.
Die SchülerInnenschaft hat sich auch meiner Wahrnehmung nach in der Tat in die von der TE beschriebenen Richtung entwickelt. Der Wechsel von einem Top-Gymnasium einer Großstadt am Rhein zu einem Provinzgymnasium - den ich selbst so wollte - hat auch bei mir zu einem anfänglichen Schock geführt, was die hiesige Klientel alles nicht kann. Schnell ist man bei dem Zitat über die Jugend angelangt, das man Sokrates zuschreibt.
Zur Akzeptanz des status quo gehört auch, dass man nicht primär das Defizitäre bei den SchülerInnen sieht und sich vor Augen hält, dass unsere eigene LehrerInnen mitunter genauso über uns gedacht und gesprochen haben.
Meine Aufgabe als Lehrkraft mit 20 Jahren Berufserfahrung ist es nun, damit konstruktiv umzugehen. Auch wenn meine SchülerInnen nicht durchweg so leistungsstark sind, so sind es doch überwiegend wirklich nette Kinder, die sich freuen, wenn man sich ihrer annimmt und an sie glaubt. Und sie spüren, wenn man sie primär durch die Defizit-Brille ansieht.
Ferner ist es keine Kunst, an einem Top-Gymnasium Top-SchülerInnen zu Top-Leistungen zu bringen. Ich schätze meinen Anteil an den tollen Leistungen in meinem Englisch-LK an meiner alten Schule bei vielleicht 15%. Den Rest haben die SchülerInnen selbst mitgebracht. Eine homogene leistungsstarke Klasse oder einen entsprechenden Kurs beim Abitur glänzen zu lassen, kann jede mittelmäßige Lehrkraft.
Ich habe nun einige Monate mit dem unterirdischen Niveau meines aktuellen Leistungskurses gehadert. Das führt aber zu nichts - außer zu Beiträgen wie Deinem.
Meine Aufgabe als Lehrer war und ist es, meine SchülerInnen zu fördern und zu fordern und sie dazu zu bringen, dass sie das Beste aus sich herausholen. Und wenn das Beste für das Abitur nicht reichen sollte, dann ist das so. Dafür bin ich dann nicht mehr verantwortlich. Aber ich bin dafür verantwortlich, mit/aus der Gruppe von SchülerInnen, die mir anvertraut wurden, das Beste zu machen. Das mag nun zu idealistisch oder zu moralinsauer klingen, aber letztlich ist genau das unsere Arbeit. Natürlich habe ich auch weniger nette SchülerInnen und solche, die die Arbeit verweigern oder nur mittels KI erledigen. Denen kann ich ab einem bestimmten Punkt nicht mehr helfen - nicht zuletzt auch deswegen, weil sie sich selbst nicht mehr helfen lassen. Das muss ich dann hinnehmen.
Gleichzeitig sollte der Umstand, dass sich die Menschheit trotz der scheinbar zutreffenden sokratischen Larmoyanz "über die Jugend" (bzw. wohl eher gegen die Jugend) stets weiterentwickelt hat und dass die vordergründig den Untergang des Abendlandes beschreienden "Untugenden" der Jugend dann doch nicht so apokalyptisch waren wie sie zum Zeitpunkt der Betrachtung erschienen, zur mittel- oder langfristigen Beruhigung beitragen.