Mal eine langfristige Perspektive:
Was kann ein Kind mit Down-Syndrom in der 10. Klasse?
Es arbeitet mit Materialien, die für die 3. Klasse konzipiert sind. Diese sind schon recht herausfordernd. Es rechnet mit Unterstützung im Zahlenbereich bis 100. Auch Multiplikation ist möglich, muss aber intensiv geübt und regelmäßig wiederholt werden, ansonsten baut sich dieses Wissen sehr schnell wieder ab. Es kann ungeübte kurze Texte lesen, jedoch nicht sinnentnehmend. Hier benötigt es viel Hilfe.
Sozial ist eine Integration in den Klassenverband vielleicht bis Ende der 6. Klasse möglich. Es gibt gleiche Interessen, Spiele, Verhaltensweisen. Da wird das Kind mit Down-Syndrom durchaus zur Geburtstagsfeier eingeladen, selbst, wenn vielleicht nur insgesamt vier Einladungen ausgesprochen werden dürfen.
Nach der 6. Klasse lebt man sich langsam auseinander. Grundsätzlich bleibt ein freundlicher Grundton, durchaus wird auch geholfen (ob bei Aufgaben oder Schuhe-Zubinden oder ...).
Für die Arbeit im Unterricht ist es praktisch, ein gemeinsames Oberthema zu finden (z.B. Märchen). Während die einen über mehrere Wochen hinweg Märchen untersuchen und selbst schreiben, lesen die I-Schüler gemeinsam mit dem I-Helfer ein Märchen (lassen es sich vorlesen. Überlegen, welche Laute die Bremer Stadtmusikanten machen, machen eine Audio-Aufnahme (Text gelesen durch I-Helfer, an der "richtigen" Stelle dann der Einsatz der Tiere, ...). Die Vorstellung des Ergebnisses kann dann für die ganze Klasse erfolgen. Das lässt sich natürlich nicht nur mit einem I-Helfer, sondern auch direkt in einer Schülergruppe umsetzen.
Oder eine "Foto-Safari": Sammeln von Hinweisen zum Thema X in der realen Welt, präsentiert in einer "Ausstellung" (begleitet durch Schulbegleitung bei Spaziergang über Schulhof oder in der näheren Umgebung - schließlich soll auch ein wenig Lebensweltorientierung stattfinden...)
Das vielleicht auch als Antwort, wie weit die Schulbegleitung eingebunden wird. Sie unterstützt beim Lesen, Verstehen, Bearbeiten von Aufgaben und Arbeitsblättern. Sinnvoll erscheint mir entweder ein längeres "Projekt" oder ein "Paket" von Arbeitsblättern für mehrere Stunden. Schwierig ist es ansonsten insbesondere zum Unterrichtsbeginn, alle SuS gleichzeitig anzusprechen (außer vielleicht zu Beginn eines neuen Themas für alle). "Schulbegleitung" gibt es auch in unterschiedlichsten Qualitäten. Einige sind eine sehr große Hilfe für das I-Kind und die Lehrkraft. Andere haben keine Ahnung, wissen das aber nicht, und werden zur Belastung für die gesamte Klasse. Man wird sich vielleicht zu Beginn und in regelmäßigen Abständen treffen, um das Arbeiten mit dem Kind zu besprechen. Was zum Beispiel heißt "beim Lesen unterstützen"? Liest man die Aufgabe einfach vor, lässt selber lesen, wie wird geholfen, gefragt, ...?
Klärt auf jeden Fall, was passiert, wenn die Schulbegleitung erkrankt ist. Gibt es eine Vertretung, Agentur, ...? Wie ist die erreichbar und wie schnell ist sie da? Könnte das Kind für einzelne Tage tatsächlich "allein" zurechtkommen oder benötigt es eine lückenlose Aufsicht und Hilfe selbst z.B. beim Toilettengang oder Essen?
Zum Umgang mit Eltern: Viele, aber längst nicht alle Eltern mit I-Kindern haben besondere Ansprüche an "ihre" Lehrkräfte. Sie erkennen nicht unbedingt Grenzen. Gibst du deine private Telefonnummer heraus, kann es durchaus passieren, dass das Telefon auch noch abends nach 22 Uhr klingelt. Am Wochenende sowieso.
Eine Rechnung, die ich für alle Eltern (nicht nur inklusiv beschulter SuS) manchmal aufmache: Die Unterrichtsstunde hat 45 Minuten. In einer Klasse mit 25 SuS stehen pro Schüler 1,8 Minuten zur Verfügung...