Beiträge von Herr Rau

    Ich weiß nicht genau wo diese Einstellung von manchen Lehrern herkommt den fachlichen Anspruch so überhöhen zu müssen. Lehrer sein ist nunmal ein extrem simpler Job was die theoretischen Anforderungen angeht. Das ist überhaupt nicht schlimm. Unser Ziel ist auch nicht, dass wir möglichst viel wissen, sondern dass wir das Wissen möglichst effizient an unsere SuS weitergeben. Der Erfolg unserer SuS ist unser Erfolg! Wir müssen kein Spezialwissen haben, sondern können in der Zeit, in der wir dieses erwerben würden, besser für den Erfolg unserer SuS arbeiten!

    Was Erfolg ist, ist vermutlich von Schulart zu Schulart verschieden. Für mich am Gymnasium ist das schwierig zu messen. Wenn alle eine verdiente 1 kriegen, zählt das Erfolg unserer Schüler und Schülerinnen? Einerseits ja. Andererseits: Erfolgreich sind sie für mich dann, wenn, sie ihr zukünftiges Leben und das der Gesellschaft mündig gestalten können - das sollte das Ziel der Schule sein, und da ist die Fachnote oft relativ unwichtig.


    Mein Ziel ist jedenfalls nicht allein, und vielleicht nicht einmal hauptsächlich, mein Fachwissen möglichst effizient weiterzugeben, sondern auch: Haltungen.

    Und zu meiner Haltung gehört ein gewisser fachlicher Anspruch. So simpel sind die fachlichen Ansprüche in meinen Fächern auch gar nicht - wenn ich mich auf das Minimum beschränke, wohl schon; nicht aber, wenn ich verschiedene Grammatikmodelle präsentieren will (um zu zeigen, dass es nicht *die* Grammatik einer Sprache gibt, ein sinnvolles Lernziel) oder das Halteproblem der Informatik veranschaulichen will. Richtig hoch ist auch da der wissenschaftliche Anspruch nicht, zugegeben, aber höher, als er mir mitunter im Kollegium begegnet.

    Das was du als zustandslos beschreibst, ist inhaltsbezogen, was du willst ist, überspitzt gesagt, einen Pranger. Das ist ok für mich, man sollte nur wenigstens sich selbst da nicht anlügen. Alleine die Aussage "er soll Konsequenzen ziehen"...was ist das denn? Wenn "er Konsequenzen zieht", dann aus seiner eigenen rationalen Überlegung heraus,

    a) Ich weiß nicht, wo deine Zitate herkommen; es ist nichts, was ich gesagt habe.

    b) Ich denke auch, dass du dich anlügst, sagte das bisher aber nicht. Ich denke mir noch viel mehr, sage das aber nicht. Ich würde mich freuen, wenn du das in Zukunft auch so halten wolltest.

    Herr Rau: Die Frage ist doch: Was ist zielführender für die Gesellschaft? Der Rücktritt von Andreas Scheuer oder gute alternative Lösungsansätze, also ein Wettstreit der Ideen? Ich würde immer das zweite bevorzugen, denn auch wenn ich den Mann für nicht besonders fähig halte, gehe ich davon aus, dass er lernen und besser werden kann und wenn er wirklich unfähig ist, dann sollte die Bundeskanzlerin ihn vor die Tür setzen, aber bitte weil das die richtige Entscheidung ist, nicht weil der öffentliche Druck zu groß ist. Dieselbe Argumentation gilt Richtung Presse und Opposition...natürlich dürfen die fordern was sie wollen, aber das beste für die Gesellschaft wären bessere Ideen,

    Es ist nicht gut, sagst du, wenn Opposition oder Presse oder Bürger die Absetzung eines Ministers fordern? Das ist eine merkwürdige Vorstellung von Demokratie. Das ginge in einer Welt, wo alternative Lösungsansätze einfach vorgestellt zu werden brauchen, und der rationale Spieler, wie es Minister nun einmal sind, kann nicht anders, als sie aufzunehmen. Als wäre es irrelevant, welche Person gerade Minister ist, weil man in Ministerrolle ja nur den besten alternativen Lösungsansatz aufnimmt. In diesem Modell spielen vergangene Fehler - von Palmer, von Scheuer - dann auch keine Rolle, es ist ein völlig zustandsloses Modell. Dieses Modell beschreibt unsere Welt nicht.

    Ich überlege, ob das noch im Rahmen von Meinungsfreiheit stattfindet.

    Du überlegst, ob ich als Bürger die Entlassung eines Politikers fordern darf? Ernsthaft?
    (Also, dass ich das rechtlich darf, ist ja wohl ohnehin klar, wie ja auch die Frage, ob man canceln darf, klar ist, was auch immer das heißt. Es geht ums Sollen, nicht ums Dürfen.)


    Nachtrag: Darf die Presse das fordern?

    Nachtrag Zwo: Darf die Opposition das fordern?

    Frage: Gilt die angebliche Cancel culture nur für die Zivilgesellschaft? Von Maaßen sagt ja auch niemand ernsthaft, der sei gecancelt worden; bei Cem Özdemir seinerseits ja auch nicht. (Wir erinnern uns: Heutzutage treten Politiker:innen allenfalls zurück, wenn es nach Kriminalität aussieht, und oft nicht mal dann.) Wenn ich fordere, dass Andi Scheuer entlassen werden muss und ich auch mit dem Innenminister nicht zufrieden bin, der noch jeden Shitstorm ausgesessen hat - ist das Cancel culture?

    Frag mal Dieter Nuhr, Heino, Lisa Eckhardt, Egon Flaig, Abdel Samad, Lucke, Liefers, oder auch Leute wie Steimle. Es gibt ziemlich viele Leute des öffentlichen Lebens, die dir ein Lied davon singen können.

    Inwiefern sind die gecancelt? Ständig in Medien, ständig präsent? Was genau wurde denen gecancelt? Ist jetzt - und das war ja meine Frage - jeder Shitstorm ein Canceln? Ist die Absage einer Veranstaltung ein Canceln? In deiner Liste fehlt noch Xavier Naidoo.

    Andere Frage: Gibt es so etwas wie Cancel culture überhaupt? Das ist ja ein umstrittener Kampfbegriff derjenigen, die das Phänomen nicht mögen. Gibt es ein anderes Wort dafür - "demokratisches Feedback" am Ende? Oder Shitstorm? Ist Shitstorm (ein Begriff, der im Englischen weit skandalöser ist als im Deutschen) das gleiche, und ist der wenigstens legitim?


    Ich sehe als Ursache, dass es vor den sozialen Medien eher so war, dass Kommunikation weitgehend in eine Richtung führte: privilegierte Sender konnten Botschaften an eine große Zahl von Empfängern loswerden, ohne dass die reagieren konnten. Und jetzt können die das, und damit muss man umgehen. Das gilt für die privilegierten Sender: die müssen mit Widerspruch rechnen, und das gelingt denen nicht, die gleich Shitstorm krähen. Aber das gilt auch für uns Nutzer der sozialen Medien, stimmt: was am Stammtisch geht, geht öffentlich nicht; der redaktionelle Filter der traditionellen Medien fällt weg. (Andererseits: Diese Fußballer wohl - ich interessiere mich nicht für die und kann die auch nicht auseinanderhalten - und Boris Palmer sicher verzichten ja auch auf diesen Filter.)


    Nachtrag: Gerade im Guardian gelesen - Rennpferdbesitzer erleidet Konsequenzen, weil Pferd gedopt war; für ihn ganz klarer Fall von cancel culture. https://www.theguardian.com/sp…-culture-disqualification

    Es gibt auch Studien, die diesen male bias nicht bestätigen wie die von De Backer & De Cuypere

    Meinst du die?


    "Firstly, the results of the study indicate that masculine personal nouns are more frequently interpreted as gender-specific terms in German than in Dutch. Secondly, the interpretation of the German and Dutch nouns is found to be significantly associated with the following variables: number, lexical unit type, and relative frequency. Thirdly, German masculine personal nouns appear to be more restrictive in terms of potential references than their Dutch counterparts. In general, the data indicate that there is a clear difference between German and Dutch regarding the interpretation of masculine personal nouns, but this difference is particularly apparent in the singular."

    Ich möchte nicht, dass alles durch Gesetze geregelt wird. Es gibt den Staat und die Gesellschaft, und letztere hat auch eine Aufgabe.

    Das heißt: Es gibt Dinge, die sind erlaubt, die tut man trotzdem nicht.

    Das heißt aber auch: Wenn es keine staatlichen Konsequenzen gibt, darf es dennoch gesellschaftliche geben.

    Ich möchte nicht mit Björn Höcke als Kollegen zusammenarbeiten. Das sage ich öffentlich. Ist das ein Boykottaufruf, ein Aufruf zum Berufsverbot? Vermutlich ja, obwohl der Begriff sonst oft falsch verwendet wird. Auch wenn ich nur einen gefühlten Schaden und keinen realen von der AfD davontrage. (Was für eine absurde Unterscheidung übrigens.)


    Nachtrag: Ich darf auch den Liefers nicht mögen und seinen Tatort nicht schauen. Das darf ich auch öffentlich sagen. Tue ich hier, auch zum ersten Mal. Ist das ein Boykottauf? (Sicher keine Forderung nach einem Berufsverbot.) Vermutlich ein gefühlter Boykottaufruf.

    Ich erzähle vermutlich eher wenig Privates. Ich habe nicht die geringste Scheu davor und könnte stundenlang über mich und meine Hobbies und meine Partnerin reden, aber das ist nicht meine Aufgabe. Wenn ich das Gefühl habe, es trägt etwas zu einem Thema bei, bringe ich gerne eigene Erfahrungen, und ab und zu, wenn weder die SuS noch ich Lust auf Unterricht haben, lasse ich mich auch auf eine Zeittotschlagstunde ein. Aber an sich achte ich die die Kollegen und Kolleginnen, die viel von ihrem Urlaub erzählen, und sei es auch um authentisch zu sein, nicht besonders. - Von den SuS erfahre ich in der Klasse wenig Privates. Es gibt selten Anlass dazu. Ich finde es andererseits gut, dass es Lehrkräfte gibt, von denen ich mir zumindest einbilde, dass sie einen direkteren Draht haben.

    Ich finde das Thema der Verschwörungstheorien (oder Verschwörungsmythen; der andere Begriff hat sich halt schon sehr eingebürgert) sehr spannend, auch für die Schule, deswegen äußere ich mich dazu, ohne die Diskussion im Thread vollständig verfolgt zu haben.


    Vorab zum Ausgangspost: Klar seid ihr noch Studierende, aber das liest sich für mich sehr unprofessionell. Mit den Gepflogenheiten eines Forums seid ihr anscheinend auch nicht vertraut. Da finde ich es kühn, zu sagen: diskutiert mal, was wir euch auftragen; wir schreiben dann mit - oder jedenfalls davon auszugehen, dass das dann so passiert. Die Fragen selber reizen mich auch nicht besonders zur Diskussion außerhalb der Metaebene, dennoch: das Thema interessiert mich.


    Verschwörungsmythen, an die man so allgemein denkt, sind mir in der Schule nie begegnet. Meine Schüler und Schülerinnen (Gymnasium, Bayern) haben wenig Interesse und wenig Bedürfnis zur Diskussion; wenn ich das Thema aufbringen, klingen sie so stabil und vernünftig, wie man es sich nur wünschen kann.


    Zählen (1) "die Ausländer nehmen uns die Arbeit weg", (2) "die Regierung will, dass die Ausländer uns die Arbeit wegnehmen", und (3) das meiste, das den Begriff "Pharma-Lobby" enthält, auch dazu? Oder gehören (4) "gesundheitsschädliche Handystrahlen" oder (5) "gesundheitsschädliche Handystrahlen, die uns verschwiegen werden" zu Verschwörungsmythen?


    Ich würde (2), (3) und (5) auf jeden Fall dazu zählen. Die sind mir von Schüler:innen nie begegnet. Aber wie man an (1) und (4) merkt, ist der Schritt vom Aberglauben zur Verschwörung nicht weit. (3) begegnet einem spärlich im Kollegium (prä-Corona-Impfskepsis, unterdrückter Status der Homöopathie - auch hier ein Reizthema), (4) mitunter auch, eher bei Eltern. Bei Schüler:innen kaum.


    Angst gibt es immer, und wer dafür empfänglich ist, sucht sich eine Geschichte dazu aus: die Jakobiner, die Freimaurer, die Illuminaten, die Juden, das Atom, der Ausländer, das Gen, der Handystrahl, das Vakzin. Ich glaube wirklich, dass da erst einmal das Angstgefühl da ist, und dass man das an dem festmacht, was gerade als Begriff durch die Kultur geht.


    Mein Vorgehen dabei: Historisch vorgehen. Ich unterrichte gerne das 18. Jahrhundert, wenn auch nur in Literaturgeschichte. Entstehung der Geheimbünde und -clubs - Jakobiner, Illuminaten. Entstehung der Panik vor ihnen Anfang des 19. Jahrhunderts, Übernahme durch die Populärkultur in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Die Reptiloiden als Folge von Robert E. Howards Kull-Geschichten (einem Vorläufer Conans). Ich glaube nicht, dass dadurch Werbung für diese Theorien gemacht wird, weiß allerdings durchaus, dass das bei Anti-Drogen-Propaganda, wie sie früher mal an Schulen beliebt war, geschehen kann, lerne also gerne dazu.

    Wenn Du auf die "drastischen Maßnahmen" anspielst, dann sind das ja sehr wahrscheinlich diejenigen aus dem sogenannten zweiten Lockdown. Also seit ca. Anfang des Jahres, richtig? Und wenn es um Tote geht, dann überlege ich nicht, weil ich deren Zahl mit Überlegen schlicht nicht eruieren kann. Ich schaue lieber nach und finde bei destatis für den Zeitraum, von dem du glaubst, dass es "viele Tote in Deutschland trotz drastischer Maßnahmen" gäbe, folgende Information:


    "Von Mitte Februar bis Anfang April 2021 liegen die Sterbe­fallzahlen unter dem Durch­schnitt der Vorjahre."


    Äh, aber darum geht es doch? Todeshöchststände gab es laut Destatis zum Jaheswechsel. Deshalb der Lockdown. Deshalb jetzt weniger Tote - warum es sogar weniger als in den Vorjahren sind, müsste man sich durchaus anschauen. Wir haben die Toten dann, wenn es keine drastischen Maßnahmen gibt. (Wobei, aber anderes, schwierigeres Thema, wir vielleicht besser fahren würden mit kürzeren, richtig drastischen Maßnahmen. Weil Lockdown isses ja nicht und wars auch nie.)

    Wie sollte sie deiner Meinung nach auf eine Aussage der Art "wenn du x, y und z nicht als Wahrheit betrachtest bist du nicht recht informiert und ich rede nicht mehr mit dir" reagieren?

    Inhaltlich, statt strukturell. Nicht ausweichend. Mir einen Vorwurf machen *und* die Fragen beantworten.

    Ich wollte dich tatsächlich nicht emotional manipulieren, und natürlich gar nicht Ablehnung provozieren. Es wäre allerdings transparenter gewesen, du hättest nicht ausgerechnet allein auf den einen unwichtigen Kommentar reagiert und auf den anderen nicht. Das roch für mich nun mal nach: darüber willst du nicht reden, und riecht immer noch so. Du willst das nicht diskutieren, du musst nicht. Und ich habe das Recht, enttäuscht zu sein.

    Möchtest du sagen, dass du einen Gummipunkt dafür erhalten würdest, dass Isreal der einzige demokratische Staat im Nahen Osten sei, oder worum geht es an dieser Stelle? Falls ja, wüsste ich zwar nicht, was dir das bringt, aber klar, den Gummipunkt gebe ich dir doch gerne. (Wobei ich das auch an keiner Stelle in Abrede gestellt habe oder stellen würde.)

    Ich schätze deine Beiträge sonst sehr. Aber ich bin enttäuscht, dass du auf diesen nachgeschobenen Beitrag reagierst und auf meine unmittelbar vorangehenden, zentraleren Punkte nicht. Willst du nicht Farbe bekennen? Haben wir eine gemeinsame Diskussionsgrundlage oder nicht? Denn ich sehe diesen Punkt eben so wie die vorangehenden nicht als Gummipunkt, sondern als Grundlage für eine Diskussion - dieser Gummipunkt wird wie die anderen oft genug in Abrede gestellt; woher soll ich wissen, ob du das tust oder nicht? Die anderen, zuvor aufgezählten Punkte, scheinst du mir ja nicht geben zu wollen?

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