DAS wäre eigentlich der passende Titel für diesen Thread gewesen... nun denn:
1. Grundsätzliches:
Wir befinden uns an einem bayerischen Provinzgymnasium Anfang der 80er. Also eigentlich nicht so richtig Bayern... Dreiländereck. Ca. 100 Fünftklässler suchen und finden ihre Klassenzimmer und sind erstmal entsetzt: In den Räumen ("Lehrsaal" war die offizielle Bezeichnung) standen keine Tische und Stühle, sondern Schulbänke. Mit schräger Tischplatte und fest zusammenmontiert, wie man sie aus dem Museum kennt. Immerhin: Aussparungen fürs Tintenfass gab es nicht mehr. Vorteil des Arrangements: 36 Schüler passen in einen Raum von knapp 40 qm, ohne dass es Disziplinprobleme gibt.
Nächster Punkt: Besagte Fünftklässler müssen sich daran gewöhnen, in den nächsten Jahren fast ausschließlich mit dem Nachnamen angesprochen zu werden ("Müller, an die Tafel!"). Nur die wenigen progressiven Junglehrer verweigerten sich diesem Brauch. Wir kannten übrigens auch nicht die Vornamen unserer Lehrer, das war völlig unüblich.
2. Das Kuriositätenkabinett
a) Beginnen wir mit Herrn H. Herr H. war eigentlich einer der Jüngeren und gerade Anfang fünfzig, als wir ihn bekamen. Herr H. konnte aus dem Stand aus nichtigsten Anlässen explodieren, was sich in Schreiattacken und wildem Schlüsselbundwerfen äußerte. Bis in die Oberstufe war Herr H. dafür gefürchtet. Auch sein Kleidungsstil war eigen: Anzug und Krawatte war ja Standard für Gymnasiallehrer seiner Generation - Herr H. jedoch hatte offensichtlich einen Schrank voller Anzüge aus den 60er Jahren gefunden oder geerbt. Man sagt zwar, Herrenmode sei sehr konservativ und kaum Änderungen unterworfen, aber das stimmt nicht. Wir fanden die Anzugfarben und Krawattenmuster jedenfalls sehr amüsant.
b) Weiter gehts mit Herrn P. Herr P. war der Sohn eines Bierbrauers aus Weihenstephan und bei uns in der fränkischen Provinz nie recht heimisch geworden. Und so brachte er uns die rustikalen Sitten seiner Heimat immer wieder gern näher - bei ihm gabs keine Ohrfeigen, sondern Watschn, die dafür schnell und reichlich. Hat damals auf Elternseite keinen gekümmert... oder wusste Herr P. einfach nur ganz genau, welche Eltern es nicht kümmern würde? Spannende Frage. Elefantenbetäubenden Mundgeruch hatte er übrigens auch; im Rückblick seine hervorstechendste Eigenschaft.
c) Gehen wir über zu Herrn Z. Herr Z. war eigentlich ein Netter. Seine Fächer waren Französich und Geschichte, was im Nachhinein betrachtet eine etwas ungute Kombination war, trafen sich doch in ihm gewisse geschichtsrevisionistische Züge ("Im Elsass sprech ich kein Französich!") mit mangelnder Sprachbegabung. Sein Unterricht bestand ein ganzes Jahr lang darin, mit uns einen auf Französich abgefassten Fremdenverkehrsprospekt unseres (touristisch nicht ganz unbekannten) Städtchens zu lesen. Leider fingen wir immer von vorn an, so dass ich heute noch die ersten Absätze des Textes auswendig kann, mir die Schönheiten von M*berg aber zum größeren Teil verschlossen blieben. Egal, mit 19 bin ich gegangen, um fortzubleiben. Ich schweife ab: Wenn Herr Z. mal die Lust am Reiseführer verloren hatte, wurde gesungen. Irgendwas aus "chantons gaiement", ebenso laut wie falsch und mit der flachen Hand den Takt aufs Lehrerpult klopfend.
Eine weitere hervorstechende Eigenschaft des Herrn Z. war seine offen zur Schau gestellte Sympathie für die CSU. Das war - bemerkenswerterweise! - durchaus etwas Besonderes. Ich bin mir zwar sicher, dass das damalige Kollegium zu ca. 80% CSU gewählt hat, aber im Unterricht hätte das keiner raushängen lassen. Herr Z. hat es allerdings immer honoriert, wenn ihm jemand fundiert kontra gegeben hat. Diskutieren konnte man durchaus mit ihm. Außerdem war (bzw. ist, so viel ich weiß, lebt er noch) er glühender Europäer und treibende Kraft der Städtepartnerschaft mit einer französischen Stadt.
d) Es gäbe noch Einige zu nennen. Da wäre zum Beispiel Herr S., seines Zeichens Stalingradkämpfer, Kettenraucher und bekennender Fan von Ernst Mosch. Keine Physikstunde ohne Zigarettenpause in der Sammlung, keine Mathestunde ohne verwirrende Erklärungen, insgesamt keine Stunde, ohne dass jemand an die Tafel musste und z.B. anschreiben, "Siehst du nicht im Waldesgrün, feindliches Gewehrmaschin? Und Hundert Meter weiter steht feindliches Gefreiter. Über uns die Flugmaschin und unter uns die Tellermien. Friedlich, wenn in Grase liegt doch furchtbar, wenn in Fresse fliegt." Ach ja...
Absolutes Highlight war aber Herr H., der Schulleiter. Herr H. war, man kann es nicht anders nennen, verhasst - beim Kollegium, bei den Schülern, beim Hausmeister, bei den Sekretärinnen... Halt! Bei allen Sekretärinnen? Ja, bis auf eine. Mit der hatte er jahrelang ein Verhältnis, was die ganze Stadt wusste. Beide Beteiligten waren verheiratet, beide Beteiligten machten rein äußerlich nicht den Eindruck besonderer Wirkung aufs andere Geschlecht. Aber sei es drum... Frau O. hatte er jedenfalls bezirzt. Bis Frau O. eines Tages von ihm genug hatte und sich dem Sportlehrer M. zuwandte. Herr H. reagierte mit einer Kündigung, Frau O. zog vors Arbeitsgericht und bekam Recht. Daraufhin drehte Herr H. ein wenig am Rad und fing an, Frau O. nette Briefe zu schicken. So mit Nacktfotos, auf die er ihren Kopf montiert hatte. Und mit bösen Botschaften, zu deren Erstellung er Buchstaben aus der Zeitung ausgeschnitten hatte.
Unvergessen jener Besuch der Kripo eines Nachmittags. Unvergessen auch das Gesicht des Kommissars, als er die Zeitung mit den fehlenden Buchstaben aus dem Papierkorb zog (hat mir später der Hausmeister erzählt, der bei der Durchsuchung dabei war). Das war das vorläufige Ende der Karriere des Herrn H, den wir nie wieder sahen. Aber zum Abi hat er uns noch gratuliert - auf Briefpapier eines Hotels in Bangkok.
Und wenn jetzt einer sagt, "Ach Fossi, das hast Du doch alles erfunden!" - dann erwidere ich: Stimmt, die Namen sind erfunden. Alles andere ist wahr. Ebenso wie es wahr ist, dass es natürlich auch ganz normale Lehrer und im Lauf der Jahre immer mehr von ihnen gab, und dass ich mich an dieser Schule eigentlich ganz wohl gefühlt habe. Die Bänke waren übrigens ab der 6. Klasse passé.