Wir müssen Woyzeck lesen. Das steht auf dem Plan für die Abschlussprüfung im kommenden Jahr. Aber die Schüler begreifen es einfach nicht. Sie begreifen wirklich gar nichts. Wir haben zuvor Sachtextanalyse gemacht und die Schüler verstehen nicht einmal leichte Zeitungsartikel. Ich habe EINEN deutschen Schüler ohne Migrationshintergrund in der Klasse und der kommt aus der BüA (Hauptschüler, die keinen Ausbildungsplatz bekommen haben). Es gibt alleine so heftige sprachliche Defizite, die wird man in Jahren nicht aufarbeiten können. Dazu kommt noch, dass ich immer in den ersten beiden Stunden unterrichte und meistens 1/3 bis die Hälfte der Klasse fehlt. Sie hatten 4 bis 5 Wochen Zeit für die Stationsarbeit und ich war ja auch immer da, um Fragen zu beantworten. Ich denke, dass es mit etwas Mühe und Hilfeleistung seitens der Lehrkraft - die muss dazu aber natürlich erst einmal in Anspruch genommen werden - schon möglich gewesen wäre, in irgendeiner Art und Weise eine Eigenleistung zu erbringen. Dazu hätten sie das Buch ja noch nicht mal lesen/verstehen müssen, eine Inhaltsangabe hätte ja schon gereicht. Ich möchte da auch wirklich nicht so hohe fachliche Ansprüche stellen, aber alles nur zu kopieren und dann nicht mal die Blätter (richtig) abzuheften finde ich schon ne Sauerei. Es gab ein paar völlig kreative Arbeitsaufträge, zum Beispiel einen inneren Monolog Woyzecks/Maries zu schreiben, in denen ihre Gefühle füreinander deutlich werden. Für sowas sollte man doch wirklich nicht ChatGPT benutzen müssen..
Ich fasse mein Verständnis zusammen:
- Du hast eine sehr schwache Lerngruppe, von der du annimmst, dass sie womöglich die 40 Seiten vom Reclam-Heft nicht gelesen haben und diese sowieso nicht verstehen
- Diese Lerngruppe ist sprachlich sehr schwach (ich weiß zwar nicht, was der Zusammenhang mit "ohne Migrationshintergrund" ist, aber egal... vielleicht konzentrierst du dich in der Zukunft auf den muttersprachlichen, fremdsprachlichen oder zweitsprachlichen Hintergrund...)
- Du lässt aber diese Lerngruppe mit freien Aufgaben für 4-5 Wochen (!!!) selbstständig arbeiten, behauptest zwar, du warst "immer da", in deinem ersten Beitrag allerdings:
Zitat
Ich bin auch in jeder Sitzung mehrmals kurz in die Schulbibliothek, um Präsenz zu zeigen und habe der dort anwesenden Aufsicht jedes Mal erneut gesagt, dass sie die Schüler bitte gut im Auge behalten sollen.
das klingt anders.
Du magst dich jetzt weiterhin darüber aufregen, dass dein Plan nicht aufgegangen bist, aber du musst auch reflektieren, und auch ohne große Ahnung von BBS:
Ich fange gerade mit ebenbesagtem Woyzeck an, in einem Leistungskurs am Gymnasium und käme sowas von nicht auf die Idee, meine Lerngruppe 4 Wochen alleine in der Bib zu lassen und ab und zu vorbeizukommen und Präsenz zu zeigen. Dabei spreche ich nicht mal von ChatGPT, sondern von: Selbst im LK ist die intrinsische Motivation nicht soooo hoch, dass sie durchgehend und ohne festen Rahmen arbeiten würden.
Ausgerechnet im LK lässt sich in einem textlastigen Fach nicht vermeiden, dass die SuS alleine arbeiten und ja, ich mache währenddessen was Anderes. Ja, ich gehe mir einen Kaffee kochen, eine Abrechnung beim Schulverwaltungsassistenten abgeben, usw.. aber länger als 15 Minuten ist meine Lerngruppe nie alleine und sowieso nicht ohne kompletten Auftrag und mit dem Wissen: in 20 Minuten / am Ende der Stunde wird verglichen.
Erst recht in einer schwachen Lerngruppe würde ich davon ausgehen, dass mir die Sicherung so wichtig ist, auch in Etappen. Selbst, wenn sie viel frei arbeiten sollen:
- Rollenbiographien und Figurenkonstellation, vergleichen, abgehakt.
- historische Zustände, vergleichen, abgehakt.
- Szenenanalyse, vergleichen, abgehakt.
- innerer Monolog, usw..
Wie sollen sonst die schwächeren SuS (selbst in meinem leistungsstarken LK) eine Chance haben, den inneren Monolog gut zu schaffen, wenn ich nicht die Grundlage gesichert habe? Klar, sie sind für ihr Lernen selbst verantwortlich, blabla, aber eyh, wir sind nicht im flipped classroom für Erwachsenenweiterbildung, sondern im Schulsystem, ich werde dafür bezahlt, dass ich nicht 90% auf der Strecke verliere. Und erst recht, wenn du Anweisungen von oben hast.
Viele Punkte hast du ja auch offen gelassen:
- Wer hat die Aufsicht bei der Lerngruppe gemacht? (Warum warst DU nicht drin? für so einen langen Zeitraum kann man keine Terminkollisionen haben)
- Wie hast du gesichert, dass Blätter nicht ausgetauscht werden konnten?
- Welche digitalen Geräte standen zur Verfügung? (Handys abgegeben, aber warum waren sie eigentlich in der Bibliothek, wenn sie nur auf Papier gearbeitete haben? Und was gibt es in der Bib mehr als im Klassenraum? Schließlich hast du sicher keine Aufgaben mit dem Kindler-Lexikon aufgegeben, oder?)
Sorry für den Beitrag, aber ich frage mich, ob es eine reale Situation war, mit der wir uns jetzt beschäftigen.