@karuna: ist es aber nicht bei jedem Handeln grundsätzlich so? und natürlich auch beim Lehrer?
Wir gehen erstmal immer unbewusst von uns aus und mit den Erfahrungen und den Jahren hat man viele neue Perspektiven dazu gewonnen, die einen dazu befähigen, vielleicht anders zu handeln..
und leider ist es auch so, dass ein bestimmtes Handeln bei einem Schüler ganz anders wirkt als bei einem anderen (was nicht unbedingt immer bedeutet, dass man trotzdem nicht handeln sollte).
Ich habe vor Jaaaahren, sogar in meinem ersten "offiziellen" Jahr, bei einer Portfolioarbeit mehreren Schüler*innen in der Klasse in einigen Teilen der Arbeit eine 6 wegen Plagiat gegeben. Die Regeln waren bekannt, die SuS aber naiv, dass ich es ernst meine (auch zum Teil, wie sich später herausstellte, dass einige KuK etwas ankündigen aber nicht durchziehen) UND dass ich in der Lage bin, im Internet Sachen zu googeln.
Dies führte bei einigen SuS leider zu einer 4 oder zu einer 5 als Gesamtnote der Arbeit. Ein Elternteil hat sich nie gemeldet (alle Arbeiten wurden wie üblich unterschrieben), ein Elternteil hat hinter meinem Rücken bei einer Kollegin gefragt, ob ich es dürfe, sich bei mir beim Elternsprechtag kackfrech verhalten und die Mutter offenbarte mir, dass Söhnchen nichts dafür könne, SIE schließlich die Sachen aus dem Netz kopiert hätte und ihm gegeben hatte (ja, noch besser), und das dritte Elternpaar hat brav unterschrieben (eigentlich eine sehr fleißige, strebsame Schülerin im 2er Bereich, die in Panik Mist gebaut hat und jetzt ihre 4 hatte) und sich beim Elternsprechtag bei mir bedankt. Es habe zwar viele Tränen gegeben, sie hätten nicht geschimpft / nicht schimpfen müssen, sondern nur "so ist es, Lektion gelernt" gedacht und sich eben bedankt, dass ich konsequent war. Jaaaahre später habe ich von der Schülerin kurz vorm Abi erfahren, dass es ihr eine Lektion fürs Leben war und sie zwar sowieso nie der Typ für sowas war, sie aber nie wieder der Verführung verfallen würde und sie vermutlich die plagiatfreieste Facharbeit der Stufe abgegeben habe, weil sie nie wieder so einen Mist machen würde.
Bei den zwei anderen Kandidat*innen habe ich vermutlich keine nachhaltige Wirkung erzeugt, außer dass sie (und ihre Eltern, grr) wussten, bei Chili kann man es nicht machen, bei XY schon. Tja, doof aber auch das lernen unsere SuS: wo gibt es Grenzen und welche.
Mit den Jahren habe ich gelernt, so ein Verhalten nicht mehr persönlich hinzunehmen, ich sehe es aber als einen wichtigen Teil meines Erziehungsauftrags. Mein Ziel ist NICHT, dass alle meine SuS das ganze Wissen aufsaugen, was ich ihnen vermittle. Es geht eh nicht bei Allen. Aber dass sie wissen, WAS sie können und das auch auf ehrliche Art, das ist mir viel wichtiger. Werte vermitteln ist durchaus wichtiger als eine Integralfunktion oder das Subjonctif passé (jaja, den Subjonctif gibt es tatsächlich auch in der Vergangenheit :-D) (aber natürlich müssen die SuS auch die Grammatik und Mathe lernen. Mit Höflichkeit und Ehrlichkeit bekommt man keinen Schulabschluss.)
Sorry, ich habe keine Lösung. Eine 6 würde ich nicht vergeben, ich sehe es nicht in meinem Bundesland abgesichert, mir wäre wichtiger, klar zu machen, dass sowas zu einem doppelten* Vertrauensverlust führt und dass es im Leben nun mal unschön ist.
*doppelt: 1) der Schüler hat betrogen, 2) der Schüler versucht, mir einen Fehler anzudichten. Es ist eine schwerwiegendere Lüge, als seine eigene Leistung zu erschummeln.
Aber: es sind junge Erwachsene: bestrafen, aufklären und dann neue Chancen vergeben.