Literarisches Gespür wecken- Literaturanalyse trainieren?

  • Liebe Sprachkollegen,


    ich sitze hier vor einer Kursarbeit meines Leistungskurses Französisch in 11 ... und bin verzweifelt. Dem Kurs geht jegliches literarisches Analysekönnen ab, weil sie einfach kein "Interpretationsgespür" haben. Die "handwerklichen Seiten" (Wie analysiere ich ein Chanson? Wie charakterisiere ich eine Person?) haben wir geübt und die sprachlichen Mittel haben sie auch gelernt. Die "Analyse" beschränkt sich nun allerdings auf die Aneinanderreihung dieser Redemittel ohne Textbezug, obwohl wir natürlich nie ohne Text und Textbezug interpretiert haben. Allerdings war mir im Vorhinein schon aufgefallen, dass man sie immer sehr stark lenken muss und teilweise dann auch wirklich enge Impulse geben muss, bis einem oder zweien mal ein Licht aufgeht.


    Klar liegt es bei einigen am Textverständnis. Andere haben aber den Resuméteil gut bewältigt und hängen total an der Analyse. Da kommt echt nur Stuss! Und ich bin fassungslos. Sie können das Handwerkszeug überhaupt nicht umsetzen.


    Man muss dazu sagen, dass sich bis auf 2 Schüler auch niemand im Kurs für Literatur interessiert und alle eigentlich auch nur selten und widerwillilg lesen. Aus mir unerfindlichen Gründen haben aber ALLE neben Französisch auch noch Deutsch bzw. Englisch. Da sieht's natürlich genauso mau und unmöglich aus.


    Wie kann man "Interpretieren mit Sinn und Logik" mit Schülern üben? Kann man dieses "Textgespür" überhaupt aufbauen und wenn ja wie?
    Hat jemand einen ultimativen Tipp für mich und die Kollegen?


    Beste Grüße
    A.

  • Hm - nur mal so ins Blaue hinein: Textgespür über Textproduktion entwickeln?


    Lang lang ist's her: wir haben damals im Leistungskurs F mal zur Einstimmung auf Gedichte von Éluard écriture automatique gemacht und so Gedichte selbst gefertigt; das ist mir angenehm in Erinnerung geblieben.

    • Offizieller Beitrag

    Da brauchste aber verflucht viel Zeit bis das anschlägt und es schlägt auch nur bei denen an, die wirklich in der Lage sind, angemessene Texte zu prodzuzieren... und das sind erfahrungsgemäß genau die, die eh ein "Textgespür" haben. Von denen es in ACEs Kurs ja offensichtlich nicht gerade viele gibt... Es ist ein Teufelskreis.


    Ich wünschte, ich hätte eine Lösung für das Problem - ich kenne es auch nur zu gut...


    Viele, viele Stunden kleinschrittigst üben - gemeinsam an der Tafel, in Gruppen, in Partnerarbeit, dann wieder gemeinsam, dann wieder... hilft manchmal einigen ein bisschen.


    Und ich habe noch nie, in keiner Literatur und in keinem Forum eine wirklich hilfreiche Antwort oder Übungsmaterial gesehen.. Vielleicht gibt es keine. Wenn einer nicht mit Texten kann, dann kann er nicht mit Texten. Und wählt besser Bio und Mathe LK.

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  • Ich habe ein ähnliches Problem in meiner 10.


    Wir haben ganz lange geübt Fragen an den Text zu stellen. Zunächst gab es Leitfragen, die beantwortet werden mussten (Vorlagen gibts bei 4teachers)


    Dann mussten sie selbst Fragen stellen, insbesondere "Warum"-Fragen, um zu lernen ganz genau hinzusehen und immer weiter zu analysieren. Ich hab oft sogar eine Mindestzahl vorgegeben. Diese haben sie dann selbst (oder auch die vom Nachbarn) beantwortet und so haben wir dann Thesen gebildet. Einigen, die sonst Probleme hatten, hat das geholfen. Insbesondere die Jungs, die sonst schwer einen Zugang zum Text finden, konnten sich gut helfen, hatte ich zumindestens nach dem Durchsehen der Konzepte den Eindruck, da standen meist eine halbe Seite Fragen und Antworten und vieles war in der KA verbraten (da waren es Gestaltende Interpretationen, da kommt die Analyse ja auch gerne zu kurz...)


    Für klassische Interpretationen wende ich ein ähnliches Prinzip an. Allerdings stellen wir uns da auch immer noch die Frage, mit welchen sprachlichen Mitteln das Ganze unterstrichen wird. Ich versuche deutlich zu machen, dass beides untrennbar zusammen gehört (werde mir fürs nächste Schuljahr ein entsprechendes T-Shirt drucken lassen...).
    Einige Schüler laufen Gefahr, dann nach Schema F zu interpretieren, aber immerhin ist dann alles da, was ich lesen will.


    Aber insgesamt ist das schon alles ein Kampf gegen Windmühlen. Wer keinen Zugang zu Texten hat, der wird sich immer extrem schwer tun.


    Grüße
    Lolle

  • Ich verwende ganz gerne creative writing-Strategien, um den Schülern den Zugang zu erzählerischen Verfahren zu erleichtern. Viele textliche Feinheiten fallen der Erfahrung nach gnadenlos ins Leere, weil den Schülern oft das Prinzip "showing not telling" nicht geläufig ist. (Wie heißt das eigentlich auf Deutsch? "Beschreiben nicht erklären"?)


    Ich mache das ganz gerne, bevor wir irgendwelche literarischen Texte zur Hand nehmen. Nachdem die Sinneskanäle, die erzählt werden können, vorentlastet sind (Sehen, Hören, Riechen(!), Geschmack, Fühlen (Textur!, Klebrigkeit, Glätte, weich, hart....) Den 6. Sinn/das Ki nicht vergessen!) geht's ans Eingemachte. Schreib- und Erzählübungen können z.B. sein:


    - Du bist blind. Beschreibe den Klassenraum.
    - Du bist ein Alien und erforschst die menschliche Kultur. Protokolliere deinen Gang durch die Schule/Fußgängerzone/Fußballspiel...


    Auch für Charakterisierungen funktioniert das ganz gut - hier kann man üben, Emotionen und Interaktionen zu symbolisieren (welche Handlung, welche Körperhaltung drückt ein Gefühl am besten aus?)


    - Ein Mensch ist traurig/wütend/fröhlich. Beschreibe ihn, ohne seine Gefühle zu erklären oder das Wort traurig/wütend/fröhlich bzw. seine Synonyme zu verwenden.
    - Ein Ehepaar hat gerade gestritten. Ein Fremder kommt hinzu. Beschreibe das Paar.


    Von Dialogen lasse ich bei solchen Anfängerübungen in der Regel erst einmal die Finger, weil es Schülern sehr schwer fällt, ihr eigenes Register und ihren eigenen Duktus zu verlassen.


    Bei der Einführung in die Gedichtinterpretation hilft ein spannendes Experiment. Man gibt folgende Arbeitsaufträge, ohne vorher zu erklären, was das ganze für einen Sinn hat:


    - schreibe eine Liste von 10 beliebigen Substantiven (alternativ Adjektive)
    - schreibe weitere Liste von 10 beliebigen Substantiven
    - schreibe jeweils die Substantivpaare hintereinander
    - erkläre, was die Wortkombinationen bedeuten.


    In der Regel kommt bei den Paarungen viel bedeutungsloser Murks heraus, aber oft auch wirklich spannende, lyrische Kombinationen - mit etwas Glück entsteht ein Aha-Effekt, was die Wirkung entrationalisierter Sprache angeht. Zweiter Aha-Effekt: Bedeutung entsteht beim Leser und ist nicht nur im Text verortet.


    Wenn man will, kann man das zu einer Stilübung erweitern und eine dritte Liste hintenanfügen. Es wird sich dabei zeigen, dass die beliebige Erweiterung nicht möglich ist - Adjektivreihungen sind stilistisch plump, Substantivreihen funktionieren überhaupt nicht.


    Was ich auch gerne tue, ist, wennimmer irgendwie möglich, den Weg vom bewegten Bild hin zum gedruckten Text zu gehen. An deutschen Gymnasien ist leider die Verfilmung oft so eine Art Bonbon, das als Belohnung am Ende der Reihe noch draufgesetzt wird. Das wird weder der Komplexität des Mediums Film gerecht, noch der Tatsache, dass unsere Schüler oft große Routiniers in der Rezeption filmischer Darstellung sind.


    Wenn die Analyse da ansetzt, wie ein Film "funktioniert" und wie mit filmischen Mitteln gearbeitet wird, um einen erzählerischen Effekt zu erzielen (und es geht immer um erzählerische Effekte und niemals um auswendiggelernte Listen von griechischen Worten), dann ist der Transfer zum "Kino im Kopf" schon etwas einfacher. Ein guter Zwischenschritt kann da übrigens auch der Rückgriff auf sequentielle Kunst (Comics) sein.


    Nele

    Einmal editiert, zuletzt von neleabels ()

  • Manchmal sind Schreibkonferenzen hilfreich. Du erstellst einen möglichst akribischen Erwartungshorizont und lässt die Schüler ihre Analysen in Kleingruppen gegenseitig beurteilen. Wenn sie selbst Texte auf bestimmte Kriterien überprüfen müssen (funktioniert dann auch als Checkliste bei den eigenen HA), dann fällt es ihnen oft leichter, es dann auch umzusetzen.
    Ggf. kannst du dann eine besonders schlecht geschriebene (von dir entworfene) Analyse als HA mitgeben, die die SuS zuerst kritisieren müssen (Was ist schlecht, und warum?) und die dann verbessert werden muss.
    Ist als Reflexionshilfe oft nützlich und braucht nicht so viel Zeit.

  • Danke! Da ist mir doch bereits das eine oder andere Licht aufgegangen, was ich gerne einmal ausprobieren möchte.


    Seit heute habe ich übrigens einen neuen Schüler im Kurs, der sich gleich damit hervortat, dass er die ganze Doppelstunde seinen neuen Stundenplan in sein Hausaufgabenheft übertrug. Das kann ja heiter werden 8o8o .


    @neleabels zum Thema Film: Ich benutze Filme sehr gerne auch als "Haupt-" nicht nur als "Stützmedium". Aufgrund der Tatsachen, die Du hier beschreibst, ist mein Kurs schon dermaßen "deformiert", dass ich vor den Ferien mal ein gewaltiges Donnerwetter loslassen musste. Einer packte doch tatsächlich seine Zeitung aus, weil er "dringend noch 'was für Sozi lesen" müsse und wir "ja eh nur Film gucken". Film heisst oft "zurücklehnen, entspannen, vorbeirauschen lassen", und das obwohl ich natürlich einen Sehauftrag gegeben hatte. Ohne weitere Worte.


    Viele Grüße
    A.

    • Offizieller Beitrag

    Das heißt meistens, dass die Sequenzen zu lang waren. Man denkt dann, "man guckt Film".


    Dagegen hilft: immer nur in kleinsten Häpchen gucken und Film wirklich so behandeln/bearbeiten wie einen Roman/Stück.


    Eine 3-4-5 Minuten Szene gucken - Fokus: Dialog ... Dann weiterschreiben / umschreiben / Zusatztexte erfinden / diskutieren / analysieren...


    Nächste Szene- vielleicht : Fokus Stimmung / Atmosphäre - wie wird sie hergestellt? Dazu braucht man nur zwei, drei Minuten gucken, dafür zwei Mal, drei Mal, vier... Vergleich mit Roman / Stück: wie werden sprachliche Mittel in filmische Mittel umgesetzt? Geht das überhaupt? Ist das gelungen? Warum wo besser?


    Ich habe mal eine super Doppelstunde damit verbracht, immer wieder die Szene aus of Mice and Men, in der Lennie in der Scheune die Frau versehentlich umbringt und dann die große *STILLE* eintritt, zu gucken. Und zu vergleichen. Wie der Wind sich legt und die Stimmen von draußen verstummen und selbst die Taube aus der Scheune fliegt - und das Licht gedämpft wird. Die Schüler mussten wirkllich erstmal genau hingucken lernen, die Details sehen üben - das konnten sie zuerst überhaupt nicht "erfassen".
    Und dann diskutierten sie wie Steinbeck es beschrieben hat und die Umsetzung. Schließlich haben sie ihr eigenes Drehbuch geschrieben und diskutiert - nur für diese 2 Minuten-Szene. War hochspannend und intensiv. Bei einer Szene von 2,5 Minuten kommt keiner auf die Idee das als "Film gucken" zu empfinden... und die Schulung des Detailsehens hat viel mit der Schulung von Textverständnis zu tun.


    Geduld braucht's!


    :) Meike

    WE are the music-makers, and we are the dreamers of dreams,
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  • @ Meike.


    Grundsätzlich stimme ich Dir in allen Punkten zu. Ich bin ein absoluter Filmfan und finde, damit kann man sehr gut auch "literarisch" arbeiten, meistens eben während der Besprechung eines Werkes und nicht nur noch so als "Schmankerl" (das ja gar nicht mehr als solches empfunden wird) nach der Besprechung eines Romans oder Stücks.


    An der Länge der Sequenz hat es sicher diesmal nicht gelegen. Es ging im konkreten Fall um einen Kurzfilm, der unser Reihenthema als weiteres Medium zu einem übergeordneten Thema ergänzen sollte und ca. 5 Minuten lang ist. Sehaufträge waren arbeitsteilig verteilt, jeder hätte also beschäftigt sein müssen. ... Das "Zeitung auspacken" ist einfach typisch a) für die Haltung des Kurses im Allgemeinen und b) für die Haltung, die durch das "Filmverhalten" einiger Kollegen nun bei den Schülern aufgebaut ist.


    Tja. Mal schauen, ob sie irgendwann dahinter steigen, dass Filmanalyse mehr ist als nur "gucken" genauso wie Literaturanlyse mehr ist als "den Text anstarren" ...


    Viele Grüße
    A.

  • das Schlimme ist nur: man bekommt den ultimativen Analyseblick.


    Es gibt Filme, die ich gar nicht mehr genießen kann, weil ich mich nicht mehr in die Stimmung hineinziehen lassen kann, weil ich ständig staune, mit welchen Effekten der Film arbeitet.


    Manch ein schlechte Film wird dadurch schier unerträglich, weil einem ständig Ungereimtheiten auffallen. Meine filmanalytisch unbeleckten Freundinnen konnten sich noch einigermaßen amüsieren und ich komme mir die ganze Zeit für dumm verkauft vor.


    Manchmal wünschte ich, ich hätte nicht so viel Filmanalyse studiert und unterrichtet - ich will meine Unschuld zurück!


    Grüße
    Lolle

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