Persönlichkeitsbildung und Rhetorik für Schüler

  • Guten Tag allerseits,


    ich bin seit 25 Jahren Lehrerin an einem Gymnasium. Ich beobachte zunehmend, dass Schüler zu wenig Eigenverantwortung für ihr Lernen und ihre Entwicklung übernehmen. Nun interessiert mich weniger das "warum", sondern mehr das "wie". Wie kann man Schüler dazu bringen, sich engagiert, couragiert und motiviert mit ihrer Lebensaufstellung auseinander zu setzen? Welche Hilfen kann Schule noch mit auf den Weg geben?
    Da kam mir in den Sinn, in Nachmittag-AGs oder Workshops Persönlichkeitsbildung und Rhetorik für Schüler anzubieten. Ich frage mich oft, warum diese Seminare erst im Berufsleben angeboten werden. Es wäre doch empfehlenswert, bereits den Schülern jede erdenkliche Hilfe zukommen zu lassen, damit sie für ein späteres Berufsleben optimal gerüstet sind. Bevor ich nun meine Ideen publik mache, wollte ich euch um eure Meinungen zu dem Thema bitten, um in Ruhe alle Einwände zu überdenken.
    1. Was würdet ihr euch als Lehrer am meisten wünschen?
    2. Welches Schülerverhalten haltet ihr für absolut verbesserungswürdig?
    3. Wie müsste so ein Seminar aufgezogen werden, damit die Lehrer, aber auch die Schule, davon profitieren würden?


    Ich freue mich auf euer Feedback und einen regen Gedankenaustausch. Ich sage vorab herzlich Dankeschön und schicke beste Grüße
    Paganini
    P.S. Ich hatte vor einigen Tagen schon mal geschrieben, aber es war mir nicht gelungen, den Beitrag ins Forum zu stellen. Ich hoffe, es gelingt mir diesmal, sonst werde ich noch etwas üben müssen.

  • Hallo Paganini!


    Tendentiell würde ich sagen, dass du (wenn das Angebot freiwillig ist) eher die Schüler erwischst, die in solchen Dingen ohnehin bereits "trainierter" sind.


    Keine Ahnung, wie einsichtig die Gymnasialschüler bei Euch sind, nur wenn ich irgendwo ein Defizit habe, dann normalerweise in Dingen, die ich nicht auch noch freiwillig mache. Meine Gesamtschüler würden da freiwillig keine Einsicht zeigen und an sich arbeiten wollen, das wäre schließlich anstrengend und zusätzliche Schulzeit.


    Gruß
    sini

    Es gibt keine andere vernünftige Erziehung, als Vorbild sein, wenn es nicht anders geht, ein abschreckendes. (A. Einstein)


    Wo kämen wir hin, wenn alle sagten, wo kämen wir hin und niemand ging, um einmal nach zu schauen, wohin man käme, wenn man ginge! (H. Pestalozzi)


    Im ganzen ist man kummervoll und weiß nicht, was man sagen soll. (W. Busch)

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Paganini,
    ich fürchte, unsere Schüler würden sich schütteln bzw. wäre die Annahme eines solchen AG-Angebots sehr dürftig.
    Wie sieht es denn bei euch mit der SMV aus? Die ist an unserer Schule sehr engagiert und auch in zahlreiche Workshops wie AG Catering (bernimmt das Speisenangebot während der Elternsprechtage), AG Finanzen, AG Technik usw. aufgeteilt, die Leitung der verschiedenen AGs hat jeweils ein Schüler, die AGs werden bei Bedarf nur von einem Lehrer betreut. Hier erlebe ich immer wieder, dass Schüler, die absolute Lernmuffel sind, sich wirklich engagieren, Verantwortung übernehmen und das auch gerne machen. Außerdem gibt es auch einen gewissen Druck, denn es kann durchaus auch passieren, dass Schülern, die sich eifrig in AGs engagieren und deshalb in der Schule absinken, nahegelegt wird, doch mal mit der AG zu pausieren. In den meisten Fällen strengen sie sich dann aber doch lieber an ;)
    Liebe Grüße
    Hermine

    "Ein Mann, der noch keinen Fehler begangen hat, hat noch nie etwas getan."
    Sir Robert Baden-Powell, Earl of Gilwell

  • Also ich finde die Idee super. Unter dem Titel würde sie zwar viele Schüler nicht motivieren, aber das ließe sich ja ändern.


    Ich möchte erstmal was zu meiner eigenen Schulzeit sagen, weil so lange ist die noch nicht her :) (Abi 2003)


    Wir mussten in der Oberstufe sehr viele Referate, Präsentationen, Plakate usw. erstellen und auch vortragen. Zum Teil fand ich es doof, aber im Nachhinein hat sich im Studium herausgestellt, dass ich in dieser Hinsicht super "ausgebildet" wurde. Viele Kommilitonen konnten sowas erst gar nicht und da gehört gutes Sprechen dazu. Das, was ich beschreibe, ist natürlich umfassender, aber zum einen habe ich gelernt möglichst zeiteffizient etwas vorzubereiten und vorstellen zu können und zum anderen in Gruppen aller Art zu arbeiten. Das ist meiner Meinung nach heute ein ganz großes Problem.


    Des Weiteren denke ich, dass es den Schülern häufig schwer fällt sich mit Unterrichtsinhalten auseinanderzusetzen, weil ihn der Bezug zum Thema fehlt oder nicht klar gemacht wird. Würde man also das zukünftige Berufsleben intensiver behandeln und im Zusammenhang mit den von Paganini genannten Themen angehen, wäre es glaube ich schon von großem Interesse. Ich habe in der Schule NICHTS in Richtung Beruf oder Berufsvorbereitung mit auf den Weg bekommen. Und es gibt ja noch andere Themen, die mal als Mittel zum Zweck nutzen könnte. Hinzu kommt, dass Gymnasien sehr leistungsorientiert sind und aus meinen eigenen Erfahrungen würde ich mal behaupten, dass die Persönlichkeiten der Schüler nicht wirklich eine Rolle gespielt haben. Ich weiß nicht, ob es mittlerweile anders ist.


    Andere Frage: Wie sollen Schüler mehr Eigenverantwortung für ihr Lernen und ihre Entwicklung übernehmen, wenn sie oft gar nicht wissen, was sie machen sollen, was wichtig ist usw.? Da wären wir wieder bei den Unterrichtsinhalten und dem Gebrauchswert für die Schüler. :)


    Ich selbst bin an einer Förderschule und ich würde mir als Lehrer wünschen, dass meine Schüler nicht immer so sprachlos wären. Es fällt ihnen schwer Sachverhalte zu beschreiben, sich angemessen auszudrücken und und und.


    Verbesserungswürdig ist definitiv das Sprach- und Sprechverhalten, das Empathievermögen sowie das Können selbständig mit Inhalten, Aufgaben o.ä. umzugehen. Das wird an einem Gymnasium aber nicht so problematisch sein, denke ich.


    Und solch ein Seminar muss so aufgezogen sein, dass es nicht um reine Wissenvermittlung bezüglich Eigenverantwortung für Lernen und Entwicklung geht, sondern man etwas erreicht, was für andere von Nutzen ist und worauf man stolz sein kann. Ich hoffe mein Standpunkt ist wenigstens einigermaßen klar geworden. :D


    Lieben Gruß Mo

  • Guten Tag allerseits,


    ich habe erst heute wieder ins Forum geschaut, weil ich im Schnee wahrlich versunken bin.
    Ich möchte mich erstmal sehr herzlich für euer Feedback bedanken.
    Gleichzeitig plaudere ich noch ein wenig aus dem Schatzkästchen. Ich bin Musiklehrerin und habe auch vor vielen Jahren Psychologie studiert. Ich interessiere mich vor allem für die Verhaltenstherapie. Mein ganzes Leben war davon bestimmt, wie ich Schüler dazu bringen kann, das Lernen mit Freude und Neugier, ohne Angst vor Niederlagen, anzugehen mit dem Wissen, dass jeder es selbst in der Hand hat, seine Lebensziele zu erreichen.
    Es haben mich exakt die Gedanken von Mohaira dazu bewogen, Kurse anzubieten, in denen Persönlichkeitsbildung trainiert werden kann. So wie man seine Muskeln im Fitnessstudio stärkt, fällt einem ein gutes Auftreten nicht in den Schoß. Das muss, wie alles andere auch, geübt werden. Und wo kann Üben mehr Spaß machen als im Kreise Gleichgesinnter.
    Ich habe immer schon in der Richtung mit den mir anvertrauten Schülern gearbeitet. Wenngleich dieses Thema von den Schülern oft erst skeptisch beäugt wird, so merken sie recht schnell, wie gut es ihnen tut, wenn sie sich freischwimmen können, mutiger werden, sicherer auftreten, sich einfach besser behaupten, mit Kritik lernen umzugehen, sich mehr zutrauen und Bewertungsängste abbauen können.
    Ich habe viele meiner Kollegen gefragt, was ihr größter Wunsch sei. Im Schnitt wünschen sich die meisten engagierte, fleißige Schüler.
    Und ich habe genau wie Mohaira gedacht, wenn Schüler erstmal ein gutes Angebot kennengelernt haben, dass ihnen gut tut, da würden doch alle von profitieren. Ich meine, wir haben doch alle unsere Berührungsängste was Präsentationen, etc. anbelangt. Ein sicheres Auftreten fällt doch niemandem in den Schoß. Doch sind es gerade die Schüler, die sich eh noch ständig selbst erproben müssen, warum also nicht auch eigene Imagepflege betreiben. Wenn es gelingt, ist der Preis auf jeden Fall mehr Gelassenheit spätestens in Prüfungen und bei Bewerbungsrunden.
    Ich freue mich auf eure Gedanken, jeder ist mir sehr wichtig, und schicke nochmal ein dickes Dankeschön mit auf den Weg.
    Viele Grüße
    Paganini

  • So, nach dem Halbjahresendstress komme ich auch endlich dazu, auf dein Thema zu posten.


    Vorweg - um meine Erfahrungen ein wenig einzuordnen -: Ich bilde im Auftrag des RP Kollegen fort, Präsentation und Rhetorik den Schülern zu vermitteln.


    Was deine Beobachtungen anbetrifft, kann ich jetzt wenig sagen, schlicht weil mir die Erfahrung von 25 Jahren Schuldienst fehlt. Fakt ist aber, dass es heute eine zentrale Kompetenz ist, sicher aufzutreten und anderen Wissen zu präsentieren und vermitteln. Zum einen wird dies schulisch immer stärker verlangt und auch geprüft zum anderen ist die Vermittlung dieser Kompetenz über Fächer und Lehrpläne weit gestreut und oft vom Engagement der Kollegen abhängig. Trifft man dann Schüler am Ende ihrer Schullaufbahn an, findet man oft eklatante Unterschiede in dieser Qualifikation an. Ich denke, das ist auch ein wenig dein Ausgangspunkt.


    Nun habe ich ein wenig Problem damit, dass du mehr oder weniger im Alleingang für eine begrenzte Schülerklientel hier Verbesserungen anstrebst. Ich sehe auch die Gefahr, dass du die Guten noch besser machst und die Mittleren und Schlechteren weitgehend außen vor bleiben. Gerade bei den letzten beiden besteht stark die Tendenz, unangenehmen Situationen (wie Präsentationen, Fachgespräche usw.) auszuweichen.


    Sinnvoll ist m.E. nur, dass man hier in der Schule die Problematik einsieht und einen Konsens findet, wie man die Schüler allgemein voranbringen kann. Neben der Tatsache, dass sich das Kollegium auch erst einmal das Handwerkszeug durch Fobis aneignen sollte, geht es dann unserer Erfahrung nach in zwei Richtungen, die sich nicht ausschließen müssen:


    1. Zu Beginn z.B. der Kursstufe, zur Einschulung o.ä. werden Methodentage durchgeführt, in denen die Schüler in den genannten Kompetenzen geschult werden.
    2. Das (Schul-)Curriculm wird abgeklopft, wo bereits Möglichkeiten für die Vermittlung dieser Kompetenzen bestehen. Anschließend werden verbindliche Standards geschaffen, wer was wann wo macht und bis zu welchem Zeitpunkt die Qualifikationen vorausgesetzt werden können.


    Wenn du dich gerne kreativ und tatkräftig verausgaben willst, wäre bestimmt der Punkt 1 spannend(er). Wenn du - die Zustimmung des Kollegiums vorausgesetzt - hier ein paar Mitstreiter findest, kannst du mit Methoden(vertiefungs)tagen bei m.E. gleichem Aufwand zu einer AG wesentlich mehr Wirkung in der Breite erzielen. Der Punkt 2 ist hingegen eher zäh, da hier viel Papierwälzerei, Absprachen und Beharrungsvermögen nötig sind.


    Natürlich ist es auch schön, eine AG zu starten und Erfahrungen zu machen. Nur wäre das wirkungsmäßig nicht in Übereinstimmung mit deiner Analyse und deinem Ziel...

    Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

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