Disziplinprobleme & Antisemitismus in einer achten Klasse

  • Moin,


    ich habe mich gerade angemeldet und auch im Vorstellungsbereich vorgestellt und werde leider gleich ein unerfreuliches Thema anschneiden müssen.
    Ich unterrichte aushilfsweise in einer 8. Klasse (es handelt sich um eine Hauptschulklasse) einer Bremer Oberschule, obwohl ich auf Gymnasiallehramt studiere. Ich bin motiviert, was die praktische Erfahrung angeht. Laut eigener Aussage, mögen mich die SuS, natürlich sind sie nicht einfach, aber das entmutigt mich nicht.
    Dennoch habe ich seit einiger Zeit mit ca. 6 SuS massive Probleme.
    - Schüler M. ruft Antworten in den Raum, noch während ich die Frage stelle. Er nimmt anderen Schülern die Möglichkeit, etwas beizutragen. Er weiß, dass mich sein verhalten stört und nimmt Ermahnungen scheinbar als Aufforderung, sein Verhalten zu "intensivieren". Auch eine "Extraaufgabe" hat nicht dazu geführt, dass er dieses Verhalten abstellt.
    - Schülerinnen El., Ez. und Z. kommen, wenn die Klasse in Kurse getrennt ist, gerne ohne anzuklopfen in meinen Unterricht, um ihre Taschen zu holen. Dabei wird gepöbelt und geschrien, sodass die Arbeitsruhe unterbrochen ist und ich erst 4 - 5 Minuten später mit dem Unterricht fortfahren kann.
    - Im Leseförderunterricht lese ich mit den SuS etwas von Kafka (eine heruntergebrochene Version), deshalb ging ich auch auf seine Biographie ein. Das veranlasste Schüler H. zu Ausrufen der Couleur "Kafka, der hässliche Jude." und "Ich hasse alle Juden." Ich war schockiert und habe dies thematisiert. Schüler H. rechtfertigte sich, er dürfe das sagen, schließlich sei er Palästinenser und (Zitat) "die Juden" bringen Palästinenser ja um. Deshalb, ich gebe hier die Meinung meines Schülers wieder, müsse man alle Juden umbringen. Über derartige Äußerungen bin ich dermaßen schockiert.
    In der nächsten Zeit wird eine Konferenz mit der Schulleitung, der Klassenlehrerin und den benannten SuS angesetzt, bei der ich meine Beobachtungen schildern soll.
    Da ich - natürlich - unerfahren im Umgang mit (schwierigen) Schülern bin, hoffe ich auf eure Ratschläge, wie ich in der nächsten Zeit mit diesem Störverhalten und vor allem dem offenen Antisemitismus meiner Schüler umgehen soll. Ich hoffe, ihr könnt mir helfen.

  • Ich weiß nicht, inwiefern man das in den Unterricht unterbringen könnte, aber ich glaube, dass die Thematisierung des Konfliktes rund um den Gazastreifen vielleicht etwas Klarheit im Bezug auf Juden, Israeliten und Palistinänser schaffen könnte. Oder eventuell den Religionslehrer/Ehtiklehrer ansprechen wie es im Unterricht bezüglich Umgang mit Mord steht.
    Zu dem Problem der Unterrichtsstörungen kann ich leider nichts sagen, bin ja selber noch lange vom Lehrersein entfernt, aber ich bin relativ gut mit dem Judentum vertraut.

    • Offizieller Beitrag

    Mit Hauptschülern habe ich jetzt nicht soviel zu tun und leider mit dem Judentum noch weniger, aber ich kann ein paar Ideen in den Raum werfen:
    - Schüler M will reden? Kann er gern haben in Form von einem Extra-Referat oder vielleicht könntest du ihn sogar einen Teil der Unterrichtsstunde vorbereiten und halten lassen? Wie sah denn deine "Extraaufgabe" aus?
    - Die anderen drei Schüler haben ihre Taschen in deinem Klassenraum vergessen? Ihr Pech, dann müssen sie halt ohne Taschen in den anderen Unterricht. Oder du behältst sie in Absprache mit den anderen Lehrern bei dir und sie müssen dann das Verpasste selbstständig nachholen und vor der nächsten Stunde herzeigen.

    "Ein Mann, der noch keinen Fehler begangen hat, hat noch nie etwas getan."
    Sir Robert Baden-Powell, Earl of Gilwell

  • Ich schließe mich Hermine an: Einfach ohne zu klopfen in meinen Unterricht hineinstürmen gäbe es auch nicht. Bei "leichteren Fällen" schicke ich die Schüler noch einmal für einen neuen Versuch hinaus, damit sie beim zweiten mal anklopfen, sich artig für die Störung entschuldigen und höflich fragen, ob sie noch schnell ihre Tasche holen dürfen. Allerdings hören sich deine drei Schülerinnen nicht so an als würde diese Taktik funktionieren. Also einfach gar nicht erst hereinlassen! Entweder direkt wieder rauswerfen oder von Anfang an die Tür von innen abschließen. Wenn sie dann draußen randalieren und gegen die Tür poltern, kurz rausschauen und sagen, dass sich auf diese Weise die Tür für sie schon erst recht nicht öffnet.


    Zu dem Jungen, der immer reinruft... Habt ihr sowas wie einen Trainingsraum? Das wäre bei mir die erste Maßnahme. Wer sich nicht an die Gesprächsregeln im Unterricht hält, braucht eben erstmal eine Auszeit. Wie gehen deine Kollegen mit diesem Schüler um? Sicherlich benimmt er sich nicht nur bei dir so und du kannst dir von erfahreneren Kollegen in diesem speziellen Fall wertvolle Tipps holen.


    Die antisemitischen Äußerungen des palästinensischen Jungen haben da schon eine ganz andere Dimension und ich denke, dass man da sehr sensibel mit umgehen muss. Ihm einfach zurechtzuweisen bringt überhaupt nichts und Strafen für solche Äußerungen könnten das Problem evtl sogar noch verschärfen ("die sind schuld, dass ich jetzt xy machen muss!"). Ich habe einem Jungen (ohne Migrationshintergrund), nachdem er jemanden mit "du Jude!" beschimpft hat, mal eine mehrseitige Ausarbeitung darüber verfassen lassen, weshalb "Jude" kein Schimpfwort ist und eine solche Verwendung völlig unangebracht. Ich habe anschließend nie wieder etwas vergleichbares von ihm gehört. Diese Maßnahme wird aber auch bei dir nichts bringen, denn als Palästinenser haben seine Äußerungen ja einen ganz anderen Hintergrund und er hat als Migrant auch einen anderen Bezug z.B. Zum Holocaust, den mein Schüler in seinen Ausarbeitungen breit thematisiert hat.
    Ich denke, dass hier lange Arbeit wartet. Er wird seinen Hass nicht so schnell ablegen können und es wird viel Aufklärungsarbeit kosten. Auf jeden Fall sollte das Judentum im Unterricht thematisiert werden. Dabei muss vorallem einem rassistischen Verständnis des Judentums entgegengewirkt werden. Auch der Gaza-Konflikt muss vorsichtig thematisiert werden. Vorsichtig deshalb, damit der Junge offen bleibt, auch wenn irgendwann von Schuld und Verbrechen auf beiden Seiten, auch eben in Palästina gesprochen wird. Falls er diesen Konflikt dort einmal selbst gesehen hat oder vielleicht sogar Familienmitglieder verloren hat, muss man da sogar noch sensibler rangehen. Aber auch hier empfehle ich unbedingt eine Absprache mit deinen Kollegen...

    "I propose we leave math to the machines and go play outside."
    (Calvin and Hobbes, Bill Waterson)

  • Also erstmal, geehrter Saint Cy, musst Du dich durchsetzen und darfst keinerlei Undiszipliniertheiten dulden. So, wie die Schüler sich verhalten, geht es absolut nicht. Positioniere Dich und zeige den Schülern, wer Chef im Unterricht ist !

    Zitat

    Schüler H. rechtfertigte sich, er dürfe das sagen, schließlich sei er
    Palästinenser und (Zitat) "die Juden" bringen Palästinenser ja um.

    Sind das wirklich spezifisch antisemitische Äußerungen oder geäußerte Hasstiraden auf die Israelis ?
    Ich denke, man muss da schon diferenzieren. Hasstiraden, die womöglich noch auf eine selbst erfahrene Realität gründen, müssen nicht per se antisemitisch gemeint sein. Die Israelis und Palästinenser befinden sich in einem Dauerkriegszustand. Wären nicht die Israelis Feinde, würde der o.g. Schüler seine Hasstiraden gegen eine anderes Land/Bevölkerung richten. Die Äußerungen des Schülers sind nicht zu entschuldigen, sie sind aber nicht dasselbe wie das antisemitische Gedankengut rechtsextremer Gruppierungen.


    Vielleicht erfährt ja der Schüler, dass der ein oder andere Verwandte von israelischen Soldaten getötet wird. Das würde seinen Hass erklären.


    Ich denke, mit sachlich-politischen Informationen, die das meistens sowieso aus der US-amerikanischen und israelischen Brille betrachten, wird man den Jungen nicht überzeugen und beruhigen können. Ich meine auch, dass wir Deutschen uns keinerlei Urteil über das erlauben können, was in Nah-Ost wirklich passiert. Und wir sollten uns da auch nicht einmischen.


    Man könnte natürlich als Lehrer versuchen, das Ganze von einer universalen humanen Perspektive zu beleuchten, so dass beim Schüler als Ergebnis herauskommt, dass die meisten Menschen für die verfehlte Politik ihrer Machthaber keine Schuld haben und deswegen, auch wenn sie einem feindlichen Land angehören, nicht hassenswert sind.


    Zitat

    Über derartige Äußerungen bin ich dermaßen
    schockiert.

    Solche Äußerungen zeigen eine Realität unserer multikulturellen Gesellschaft. Wenn aus etlichen Ländern Menschen zu uns kommen, die sich untereinander im Kriegszustand befinden, wundern mich solche Äußerungen nicht.-Aber natürlich darf man solche Äußerungen in unserem Lande und in unseren Schulen nicht zulassen und muss sie unter Strafe stellen. 8)

    Ihr kommuniziert mit dem künftigen Bildungsminister !

  • Das hört sich nach dem normalen Alltag in einer Hauptschule an... :D
    Ich unterrichte an einer solchen und kann erstmal folgenden Ratschlag anbieten: Reden.
    Nimm die Störer beiseite - nicht vor der Klasse - und suche zunächst einmal ein freundliches Gespräch. Sag den beiden störenden Mädels und dem Hereinrufer, dass du dich von diesem Verhalten gestört fühlst. Wichtig ist der Ton hierbei - bleibe freundllich. Frage nach den Gründen, warum der Hereinrufer seine Antworten nicht bei sich halten kann. Mache ihm klar, warum ein solches Verhalten ungerecht den anderen gegenüber ist. Lass ihn selbst Möglichkeiten nennen, die ihr treffen könntet, sein Verhalten zu ändern.
    Meiner Erfahrung nach ist es effektiver, wenn man nicht gleich sanktioniert, sondern erst einmal mit diesen SuS spricht. Da muss erstmal eine Beziehung und gegenseitiger Respekt aufgebaut werden, dann werden sie eher unerwünschtes Verhalten abstellen.
    Insgesamt läuft auf der Hauptschule vieles über die Beziehungsebene ab. Sanktionierst du heftig, so bekommen diese SuS schnell das Gefühl, dass du sie nicht magst und sie deswegen bestrafst. Mit ihrem Fehlverhalten bringen sie das meistens nicht in Verbindung, sondern direkt mit ihrer Person.
    Deswegen ist es wichtig, solchen Störern deutlich zu machen, dass man ihre Person respektiert, aber man sich selbst von ihrem Verhalten, was sie dir gegenüber zeigen, gestört fühlt.


    Bei dem antisemitischen Jungen wird es schwieriger, auch hier solltest du einzeln mit ihm reden. Rassismus ist generell ein brisantes Thema an vielen Hauptschulen, "Jude" ist ein gern verwendetes Schimpfwort.
    In meiner Klasse habe ich es bereits thematisiert. Die SuS fanden es durchaus schlimm, was geschah, aber dennoch beschränkt sich die Einsicht nur auf Unterrichtszeiten. Schlimm sind auch die Auseinandersetzungen zwischen türkischen und kurdischen SuS sowie die Anfeindungen gegenüber Deutschen.
    Hierfür gibts aber leider kein Universalrezept. Schlimm ist vor allem, dass viele SuS von Hause aus so geprägt sind. Sanktionieren hilft zwar kurzfristig, aber lässt die SuS leider nicht umdenken. Das ist nunmal generell ein gesellschaftliches Problem.

  • Zitat

    Die Äußerungen des Schülers sind nicht zu entschuldigen, sie sind aber nicht dasselbe wie das antisemitische Gedankengut rechtsextremer Gruppierungen.


    Sag mal, werter Elternschreck, was ist denn bitte der Unterschied, wenn ein Palästinenser sagt, man müsse alle Juden umbringen oder ein Nazi diesen Sch*** von sich gibt?


    M.E. sollte die Schule schleunigst die zuständigen Behörden einschalten. Wer weiß, wo der Junge das her hat...


    Saint Cyr, Du bist wirklich nicht zu beneiden...

  • Zitat Stephen :

    Zitat

    Sag mal, werter Elternschreck, was ist denn bitte der Unterschied, wenn
    ein Palästinenser sagt, man müsse alle Juden umbringen oder ein Nazi
    diesen Sch*** von sich gibt?

    Das habe ich oben erläutert, geehrter Stephen ! 8)

    Ihr kommuniziert mit dem künftigen Bildungsminister !

  • Zitat

    Das habe ich oben erläutert, geehrter Stephen !


    Ich dachte, ich frage zur Vorsicht besser noch einmal nach...


    Mit fehlt nämlich offenbar das pädagogische Feingefühl, zwischen dem Antisemitismus der einen und dem Antisemitismus der anderen zu differenzieren. Insbesondere, wenn die Endlösung bei beiden dieselbe ist, nämlich alle Juden zu töten (und nicht etwa alle Israelis, was freilich ebenfalls Völkermord wäre...).
    Und wenn besagter Schüler selbst Franz Kafka, der ja bekanntlich schon einige Järchen vor der Staatsgründung Israels gestorben ist, als "hässlichen Juden" bezeichnet, dann frage ich mich schon, wie Du auf Deine Feststellung kommst, dass solche Hasstiraden nicht per se antisemitisch motiviert sein müssen...

  • Der betreffende Schüler kann wahrscheinlich gar nicht Kafka gefühlsmäßig von den Israelis, die sich mit den Palästinensern scharmützeln, unterscheiden. Würde man das Nah-Ost-Problem endlich politisch vernünftig lösen und beide Seiten friedvoll zusammen leben, würde der o.g. Schüler irgendwann auch bald seinen Hass gegenüber den Juden einstellen.-Vielleicht !


    Der Antisemitismus der Rechtsextremen basiert dagegen auf einer anderen geistigen Schiene. Da ist es völlig unabängig, ob das Nahost-Problem bald gelöst sein wird oder nicht.


    Ich denke, Du wirst da als Schulmeister kaum Einfluss nehmen können. Und wir Lehrer in Deutschland sind auch gar nicht dafür verantwortlich, ob es auf der anderen Seite des Globus, hier Arabische Welt, knallt oder nicht.


    Du wirst auch keinen Einfluss darauf nehmen können, wenn z.B. türkische und kurdische Schüler untereinander Hasskundgebungen äußern und untereinander gewalttätig werden, ebenso gibt es Schulen, wie z.B. in unserer benachbarten Hauptschule, in den sich Russen- und Türkengangs äußerst heftige Schlägereien liefern. Über das Verhältnis von tschetschenischen Schülern gegenüber den Russlanddeutschen möchte ich mich jetzt auch nicht weiter auslassen.


    Letztendlich sind es ungelöste politische Probleme, die sich in unserem Land zu einem vielschichtigen gesellschaftlichen Problem entwickeln und in unsere Schulstuben hineintransportiert werden, mit dem wir Schulmeister allein gelassen werden und nicht lösen können. Trotz gebetsmühlenartiger Proklamation einer Willkommenskultur seitens der politischen Spitze (Einer davon hat sich jetzt in sein mit äußerst zinsgünstigem Darlehen gebauten Haus zurückgezogen) habe ich noch nicht gehört und wahrgenommen, dass sich irgendein Integretionsbeauftragter in den Brennpunktschulen verirrt hätte und mit den betroffenen Schülern gearbeitet, geschweige denn etwas zum Positiven verändert hätte.


    Du musst als Schulmeister natürlich dafür sorgen, dass auf Eurem Schulgelände und in Deinem Unterricht Frieden und Unterrichtsdisziplin herrscht. Greif da bitte knallhart durch, geehrter Stephen ! Denk an das Prinzip einer wehrhaften Demokratie !
    Die Schüler sollen ja nicht ihre ethnischen Konflikte austragen, sondern fachlich kompetent werden, damit sie später einen ordentlichen Beruf erlernen, sich in die Wirtschafts-Gesellschaft integrieren können und sich so auf diese Weise zu friedvollerern und toleranteren Menschen entwickeln. Ich würde versuchen, sie auf die Denke hin zu bewegen, dass sie sich in Deutschland befinden und ungeachtet ihrer politischen und kulturellen Herkunft eine menschenwürdige Existenz aufbauen können, aber wir Deutschen auf der anderen Seite eine Intergrationsleistung ihrerseits erwarten. Dazu gehört u.a., dass die o.g. Hass-Äußerungen und Agitationen unterbleiben.


    PS : Ich wundere mich natürlich, dass Du in solchen Klassen Kafka behandelst. Selbst als Halbintellektueller finde ich ihn sehr schwierig. Und können die Hauptschüler wirklich etwas mit Kafka anfangen ? Ich frage ja nur deshalb, weil die meisten Hauptschüler (mittlerweile sogar unsere Gymnasiasten) große Probleme mit dem Lesen und dem Textverständnis haben. Ich habe auch noch nicht gehört, dass ein Hauptschul-Deutsch-Kollege Thoman Mann im Unterricht behandelt. 8)

    Ihr kommuniziert mit dem künftigen Bildungsminister !

    4 Mal editiert, zuletzt von Elternschreck ()

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