Wir hatten vor den Sommerferien die eine Hälfte eines Kurses an der Schule, die andere in der gleichen Woche daheim im Online-Unterricht. In der darauf folgenden Woche dann gewechselt. Es ging irgendwie so auf, dass ich die eine Lerngruppe meines Oberstufenkurses vor den Ferien noch eine Doppelstunde mehr hatte, als die andere. Da wollte ich keinen neuen Stoff mehr machen, weil das die andere Gruppe ja nicht mehr mitkriegt. Und so habe ich zu den Themen der letzten Wochen (sowohl zu den Dingen, die sich die SuS online hätten anschauen sollen, als auch zu denen, die wir im Präsenzunterricht besprochen haben) "Erklärvideos" von Youtube gezeigt (einige davon finden sich auch in der Mediathek der bayerischen Mebis-Platform.
Ich hatte eine recht große Zahl parat und habe meinen SuS gesagt, dass sie, wenn es sie langweilt, wenn sie das Gefühl haben, nichts dabei zu lernen usw. einfach die Hand heben sollten. Sobald ich fünf Hände sah, wurde das aktuelle Video abgebrochen und einen neues gezeigt.
Resultat: kaum ein (z.T. hochgelobtes) Video konnte meine SuS überzeugen. Wir haben dann hinterher noch besprochen, warum nicht bzw. warum bei den Youtube-Kommentaren so oft steht "Viel besser als mein Geschichtsunterricht" usw.
Aber mein Fazit nach dieser (nicht repräsentativen) Stunden: Erklärvideos werden evtl überschätzt und sind sicher nicht das (Allheill-)Mittel, als das manche Eltern / Fachleute sie gerne sehen würden.
Mit Gamification hab ich mich mal sogar intensiver beschäftigt ... ich halte davon aus vielen Gründen wenig (auch wenn es stark davon abhängt, was und wie man etwas macht).
Videokonferenz: Habe ich aus (aus meiner Sicht) guten Gründen nicht angeboten:
- ich habe keine Kamera, die Schule konnte mir keine stellen
- wenn ich 30 SuS verpflichte, am Montag um 10 Uhr mit mir eine Videokonferenz zu haben, bringe ich Familien evtl. in die Zwickmühle (ist mir auch von Eltern so bestätigt worden): Sohnemann soll eine Videokonferenz bei mir in Englisch "besuchen", Töchterchen (an einer anderen Schule) zur gleichen Zeit eine Konferenz für Mathe und Papi ist im Home-Office. Selbst wenn die Familie drei Endgeräte hat, hält das oft die Leitung nicht aus (und dass die Familien nicht so toll ausgestattet sind, wie wir meinen, hat die Umfrage ja auch ergeben).
- Datenschutz: erstens war es lange Zeit nicht klar, welches Portal / welche Software für solche Konferenzen genutzt werden darf und zweitens hieß es dann, dass die Lehrkräfte sicher stellen müssten, dass die Kameras der SuS AUS sind - dann kann ich mir so eine Videokonferenz auch sparen.
Bzgl. der Unzufriedenheit der Eltern: Ja, ich denke, die Schule hat die digitalen Möglichkeiten der SuS/Eltern überschätzt. Da sind doch einige nicht so ausgestattet, wie wir gedacht haben.
Unverständliche Aufgaben der Lehrer: Haben die Eltern versucht, den Lehrkräften das, gleich als Probleme auftragen, rückzumelden? Ich habe z.B. während der Wochen nichts in der Richtung von Eltern gehört ... und als es dann wieder mit Präsenzunterricht los ging kam eine Mutter und meinte, ihre Tochter hätte doch einige Dinge, die ich hochgeladen hatte, nicht verstanden. Kann man dann nicht erwarten, dass die Schülerin mich über einen von drei möglichen Kommunikationswegen kontaktiert (Dienst-Email - den SuS bekannt, Nachricht über Mebis oder das schuleigene Elternportal)?
Was mich aber doch etwas umtreibt: Der Erziehungsauftrag meiner Schulart heißt u.a., die SuS zur Selbständigkeit zu erziehen. In den letzten Jahren hatte ich immer mehr das Gefühl, wir (die Lehrkräfte) würden uns alle Beine ausreißen und die SuS lehnen sich entspannt zurück mit der Haltung "Schaut mal zu, dass ich mein Abi kriege".
Von daher habe ich mir bei Corona gedacht, dass jetzt die Verantwortung wieder mehr bei den SuS liegt (vernünftige Betreuung was Aufgabenstellung und auch Besprechung betrifft voraus gesetzt). Leider muss man aber allem Anschein nach feststellen, dass viele SuS und deren Eltern das nicht mehr wollen und auch nicht mehr können (das finde ich etwas beängstigend). Wenn der Lehrer nicht ständig mit der Peitsche hinter einem steht, wird nichts mehr gemacht. Die Haltung ist mir für SuS ab einer bestimmten Jahrgangsstufe (sagen wir mal 9./10. Klasse) doch etwas unverständlich.
Die Eltern sind also nicht zufrieden ... äh ... ich bin auch nicht damit zufrieden, wie meine SuS zu großen Teilen während der Online-Zeit gearbeitet haben (nämlich gar nicht ... hochgeladene Aufgabe oder Materialien wurden häufig nicht einmal angeschaut).
Grundsätzlich finde ich nämlich schon, dass ein Teil des Online-Unterrichts darin bestehen kann (soll?), dass der Lehrer Aufgaben zuschickt und die SuS die erledigen. Natürlich muss dann eine gewisse Kontrolle / Korrektur erfolgen (mindestens im Versenden einer Musterlösung, ggf. auch, indem man die SChülerantworten "einfordert" und korrigiert / kontrolliert und Rückmeldung gibt - was ziemlich arbeitsaufwändig ist).