Dahinter steckt doch bereits die Annahme, der Lehrermangel sei (alleine) durch eine postulierte Unattraktivität des Berufs bedingt. Das stimmt so jedoch nicht - von einigen Fachrichtungen mal abgesehen. Dass es für MINT-Absolventen attraktivere Optionen in der Wirtschaft als im Öffentlichen Dienst gibt, ist bekannt und nicht alleine ein Problem des Schulsystems. Ein weiteres Problem ergibt sich daraus, dass für Lehrkräfte nur wenige Arbeitgeber zur Verfügung stehen, die wiederum nur genau ihren Bedarf bei Einstellungen decken. Das bedeutet, dass in Jahren in denen ein Überschuss an neuen Lehrkräften vorhanden ist, diese zwangsläufig weitgehend in andere Berufsfelder abwandern und später nicht mehr zur Verfügung stehen, in Jahren mit Mangel an neuen Lehrkräften besteht dieser Mangel aber, ohne sofort gegensteuern zu können.
Man muss sich erst einmal klar machen, dass die Dauer zwischen Entscheidung für den Beruf als Lehrkraft und der möglichen Einstellung in den Schuldienst etwa 7 Jahre liegen. Das bedeutet, dass Steuerungsmaßnahmen mit mindestens 7 Jahren Verzögerung wirken.
Und nun schauen wir einmal etwas zurück:
Sowohl die OECD, die KMK als auch die einzelnen Länder geben seit geraumer Zeit Einstellungsprognosen zur Stellenbedarfsplanung als auch zur Orientierung für Studienanfänger heraus. Noch Anfang der 2000er war dabei mit Ausnahme weniger Fachrichtungen in fast allen Schulformen von einem Lehrerüberschuss die Rede, was potentielle Interessenten eher verschreckt haben dürfte. Noch Ende der 2000er-Jahre ging man von einem prognostizierten Schülerrückgang um 15-20% innerhalb kurzer Zeit aus, sodass keine Notwendigkeit gesehen wurde, mehr Lehrkräfte zu rekrutieren. Das gilt insbesondere für den Grundschulbereich. Ein wirkliches Umdenken war erst mit der Flüchtlingskrise 2015 und der Wahrnehmung veränderter demographischer Entwicklung abzusehen. Hier waren aber mit Blick auf die 7-jährige Ausbildungszeit kurzfristige Maßnahmen gefragt, die wir ja kennen: Quereinstieg, Einsatz (überschüssiger) Gymnasiallehrkräfte u.ä.
Von staatlicher Seite aus wäre es wünschenswert, jedes Jahr einen gewissen Überschuss an Absolventen zu haben, von denen dann halt nicht alle eingestellt werden können. Dann hätte man eine sichere Unterrichtsversorgung, aber den Preis, dass von vorneherein in Kauf genommen wird, dass Absolventen nach 5 Jahren Studium oder gar 7 Jahren mit Referendariat auf der Straße stehen, ohne ihren Abschluss anderweitig sinnvoll verwerten zu können. Ein Ansatzpunkt könnte also sein, die frühzeitige Weichenstellung in Form eines separaten Lehramtsstudiums aufzugeben und die eigentliche pädagogische Ausbildung etwas geballter ins Referendariat und berufsbegleitend während der Probezeit unterzubringen - ähnlich wie das bislang mit Quereinsteigern bereits erfolgt. Es dürfte dann auch sehr hilfreich sein, wenn Quereinsteiger nicht als "Fremdkörper" betrachtet werden, sondern gut eingebunden und nachqualifiziert werden.