Meiner Meinung nach, auch wenn es zugegebenermaßen eine Floskel ist, sollten wir uns weniger über das ob als viel mehr um das wie streiten.
Ich denke schon, daß wir über das "Ob" diskutieren sollten, schließlich dreht NRW nicht umsonst gerade das Rad wieder zurück.
Bestes Beispiel dafür ist das Konzept der Leichten Sprache. Dieses ist im Fachgebiet Behinderungen entstanden und kann gerade in der Grundschule Schüler*innen mit Sprachschwierigkeiten (zum Beispiel Kindern, denen nicht irgendetwas diagnostiziert wurde, sondern die kleinere Probleme mit Sprache haben, oder auch geflüchteten Kindern) helfen.
Das Konzept sollte man dann aber bitte auch bis zum Ende der schulischen Ausbildung durchziehen. Ich habe bei den Azubis häufiger das Problem, daß sie die Fragestellungen gar nicht verstehen. So hieß es früher z.B. Lehrling und Meister, dann kam irgendwann Auszubildender und Ausbilder. Damit haben viele Schüler schon Probleme, weil die Wörter so ähnlich sind. Heute steht in den Aufgaben dann Lernender und Lehrender, noch schlimmer! Diese ausufernde Political Correctness führt dazu, daß viele im Prüfungsstreß die Fragen gar nicht mehr richtig lesen bzw. verstehen und entsprechend falsch antworten.
Ähnlich ist es mit den heute geforderten Lernsituationen. Wo es früher für den Elektriker in der Prüfung hieß: "Wie installieren sie eine AP-Steckdose an einer gemauerten Wand?" steht heute erst einmal eine ewig lange Erklärung über Familie X, die in Y ein Einfamilienhaus bewohnt, ... bis dann irgendwann die Aufgabe kommt: "Installieren sie eine Steckdose im Heizungskeller". Weil das inzw. ganze Aufsätze in der Aufgabenstellung sind, wurde die Bearbeitungszeit schon verlängert, weil selbst Durchschnitts-Elektriker das nicht schaffen das alles so schnell zu lesen.
Und jetzt komme mir bitte keiner mit dem ewigen "Schülerinnen und Schüler". Erstens müßte dann jede Lehrerin "Schüler und Schülerinnen" schreiben, weil ich damals schon beim Briefeschreiben in der Grundschule gelernt habe, daß immer das jeweils andere Geschlecht vorne steht (das war in den 1980ern, da hieß es dann immer "Sehr geehrte Herren und Damen", wenn eine Frau den Brief schreibt) und zweitens habe ich unter meinen Schülern in all den Jahren nie mehr als 2% Schülerinnen gehabt. Als ich vor Jahren meine Unterrichtsentwürfe abgegeben habe, in denen "Schüler" stand, gabs deswegen auch schon Ärger, interessierte auch niemanden, daß es in der Klasse gar keine Schülerinnen gab. Political Correctness! ![]()
Gleichzeitig bedeutet das natürlich, dass alle Kinder gefördert und gefordert werden sollen, womit auch die Notwendigkeit einer Begabtenförderung (und alles was in diese Richtung geht) einen höheren Stellenwert bekommen sollte.
Also ich sehe das aktuelle Problem der Begabtenförderung darin, daß die Schulabschlüsse irgendwie alle nichts mehr Wert sind. Die Begabten können sich gar nicht mehr nach oben ausdifferenzieren, weil das Abitur oder zumindest die Fachhochschulreife irgendwie zum Standard wird. Gleichzeitig zeigen die Durchfallzahlen an den Universitäten in den ersten Semestern, daß die Leute mit Allgemeiner Hochschulreife irgendwie wohl doch nicht reif sind den Lehrbetrieb an einer Universität durchzustehen.
Entsprechend müßte man an der Stelle wieder für eine Aufwertung der Abschlüsse sorgen, auf das dann auch in der Industrie klar wird, daß ein Realschulabschluß wieder was Wert ist und als Zugangsvoraussetzung für eine Lehre nicht mehr das Abitur gefordert wird, wie es inzw. bei vielen Betrieben die Realität ist, leider.