Eigentlich nicht. So ziemlich alle Konventionen und alles, was wir als angemessenes Benehmen und Anstand empfinden, beruht darauf. Eine Erosion dieses Verständnis geht nicht unbedingt mit einem angenehmeren Zusammenleben einher.
Hier eine Liste von Dingen, die früher mal als Anstand empfunden wurden:
- Der Handkuss als respektvolle Begrüßung für Frauen
- Strenge Besuchszeiten
(unangekündigter Besuch galt als unhöflich – heute ist es eher umgekehrt) - Formelles Siezen innerhalb der Familie (z. B. Eltern oder Großeltern)
- Öffentliches Hutziehen als Zeichen von Respekt
- Knicks und Verbeugung im Alltagskontakt
- Tanzkarten bei Bällen, in die man sich eintragen musste
- Arrangierte Ehen als gesellschaftliche Norm
- Mitgift als Voraussetzung für eine Heirat
- Strikte Geschlechtertrennung in vielen Lebensbereichen
- Unverheiratete Paare galten als Skandal
- Öffentliche Moralaufsicht (Nachbarn meldeten „unsittliches Verhalten“)
- Lehrjahre mit Wohnpflicht beim Meister
- Lebenslange Betriebszugehörigkeit als Ideal
- Strenges Rangdenken (Titel wurden immer genannt)
- Unterwürfige Anredeformen gegenüber Vorgesetzten
- Pflichtkirchgang mit sozialer Kontrolle
- Kirchenstrafen (z. B. öffentliches Büßen)
- Fastenregeln, die wirklich eingehalten wurden
- Aberglauben als Alltagsnorm (Unglückstage, Zeichen lesen)
- Briefzwang statt Telefon für formelle Angelegenheiten
- Steife Höflichkeitsfloskeln im Alltag
- Öffentliche Zurechtweisung von Kindern durch Fremde
- Tabuisierung von Gefühlen, besonders bei Männern