Mir wurde vom Erziehungswissenschaftler mit psychologischer Zusatzausbildung gesagt, ich wäre total ungeeignet. Zu zurückhaltend, zu distanziert. Meine ehemalige Grundschullehrerin fiel fast um, als sie hörte, dass ich Lehrern werde, "zu schüchtern". Mein Gymnasialdirektor rümpfte die Nase, wobei ich glaube, dass das eher seine Einstellung zu Grundschullehrern widerspiegelte und er meinte, aus mir müsse eine bekannte Physikerin oder Mathematikerin werden. Im Musikexamen wurde ich gefragt, ob ich schon mal ein Praktikum gemacht hätte. Der Direktor meiner Referendariatsschule fragte mich nach bestandenem Examen (1,xx), was ich beruflich machen möchte, Lehrerin ja wohl kaum. Ich habe mich lange Zeit sehr verunsichern lassen und sehr unter meinen daraus genährten Selbstzweifeln gelitten.
In den ersten Jahren als Lehrerin hatte ich einige Probleme - wie viele andere Anfänger auch. Vor allem mit verhaltenskreativen Schülern, ich wartete zu lange, bis ich eingriff. Ich fürchtete mich vor Kumulationen verhaltenskreativer Kinder im Fachunterricht Musik, vor allem montags und freitags in der 6. Stunde, in denen für Stundenplaner beliebte Zeiten zu sein scheinen, um nach einem langen Unterrichtstag konzentrierte, ausdauernde und völlig fitte Drittklässler für Musik zu begeistern.
Ich habe gleichzeitig an mir gearbeitet, ich habe Fortbildungen besucht und mich dazu gezwungen, in bestimmten Situationen neue Verhaltensweisen auszuprobieren.
Inzwischen bin ich eine gestandene Lehrerin, an meiner Schule anerkannt, bei meinen Schülern beliebt. Ich kann mich in meinen Lerngruppen durchsetzen. Ich habe gelernt, proaktiv einzugreifen, um Stress und Eskalation zu vermeiden. Ich kann vor Klassen agieren und mich zurückhalten, während ich aufgabenlösende Kinder begleite und berate. Ich kann herzlich sein - das bin ich aber weniger als die meisten Kollegen. Trotzdem baue ich zu den meisten Schülern schnell einen "persönlichen Draht" auf.
Neulich saß eine Kollegin in meinem Unterricht und bewunderte mich für meine Ruhe und Gelassenheit in Anbetracht meiner in dieser Stunde sehr quirlig-unaufmerksam-lauten Klasse. Ich finde, dass die Medaille einfach oft mindestens 2 Seiten hat.
Ich bin sehr froh, dass ich meinen Weg gegangen bin und nicht auf die ersten Ausbilder und ehemalige Lehrer gehört habe.
Den Vorschreibern kann ich mich insofern anschließen, als dass du ein etwas "dickeres" Fell benötigst. Ich bin vielen begegnet, in deren Köpfen Lehrer Showmaster, Entertainer oder Sportler aus Turnvater Jahns Zeiten (frisch, fromm, fröhlich, frei) sind. Schülern gegenüber natürlich auch, aber das wird viel besser, wenn du das dicke Fell ggü. den o.g. Menschen hast. Praktika sind hilfreich, aber wichtig ist, dass du im Praktikum ausprobierst und kein "gestandener Lehrer" sein musst.