Außerdem würden mich die Bedingungen im ländlichen Raum interessieren (=bin kein Stadtmensch!). Ist es dort schwerer eine Planstelle zu bekommen? Wie ist das Klientel auf normalen dörflichen Realschulen?
Ich zäum das mal von hinten auf: Die Stellenvergabe in BW erfolgt in zwei verschiedenen Verfahren:
1. Listenverfahren: Noten aus 1.+2.Staatsexamen (bzw.Lehramtsmaster + Abschlussnote Vorbereitungsdienst) x 20 zusammenrechnen = Leistungsziffer. Anhand der Leistungsziffer erhältst du in jedem deiner Fächer einen bestimmten Listenplatz. Wenn sagen wir in Mathe die ersten 10 Bewerber nach Listenverfahren eine Stelle angeboten bekommen und du stehst auf der 11 hast du Pech und bist höchstens als Nachrücker dabei.
2. schulscharfe Ausschreibungen: Du bewirbst dich auf Ausschreibungen, die deine Fächer umfassen, die besten Bewerber (sowohl passend zur Ausschreibung auch von den Noten her) die sich bewerben werden eingeladen zum Vorstellunggespräch. Passt es bei zwei Bewerbern und Bewerber X hat eine bessere Leistungsziffer als du, bekommt Bewerber X die Stelle angeboten um eine Konkurentenklage abzuwenden, sonst du. Lehnt Bewerber X ab, rückst du als Zweitbester nach.
Bei den schulscharfen Ausschreibungen kannst du darauf achten im ländlichen Rauj zu landen, im Listenverfahren nicht. Zusätzlich gibt es momentan zumindest ein Sonderausschreibungsverfahren für den ländlichen Raum, da die Stellen dort in der Sek.I aktuelle schwer zu besetzen sind. Momentan sind die Chancen ganz gezielt eine Stelle im ländlichen Raum zu bekommen also hervorragend, wie das sein wird, wenn du einmal deinen Abschluss hast wird dann erst klar sein. Zuletzt war die Information im Seminar bei der Einstellungsveranstaltung des RPs, dass es akutell und wohl auch noch die kommenden 2-3 Jahre in der Sek.I in BW exzellent aussehe mit der Einstellung, jeder Bewerber mit voller Lehrbefähigung und entsprechender Mobilität/Flexibilität ein Einstellungsangebot erhalten könne, sich dann aber in der Sek.I die Einstellungslage ändern werde und es wieder schwerer werden könnte unter zu kommen, da dann ein großer Berentungsschwung durch und ersetzt sei. Ich würde mal davon ausgehen, dass auch in 5 Jahren wenn du fertig bist der ländliche Raum und die GMS die Schlusslichter bei der Einstellung sein werden, auch wenn es dann womöglich kein Sondereinstellungserfahren mehr dafür geben wird.
Ich bin an einer normalen Realschule in einer kleinen Stadt, unsere SuS kommen aus den umliegenden Dörfern. Die Klientel ist sehr durchmischt. Da sind Kinder, die sehr behütet aufwachsen, gut erzogen sind mit aufmerksamen, engagierten Eltern. Es gibt aber auch eine Vielzahl von Kindern die sozial vernachlässigt sind, Familien bei denen das Jugendamt drinnen ist, Fälle von Kindeswohlgefährdung und Kindesmisshandlung. Durchschnittliche Sek.I-Schule würde ich vermuten, gut integriert, guter Ruf lokal. Weder sind wir ein verstecktes Gymnasium (gibt es sehr vereinzelt auf dem Land, wenn das nächste Gymnasium zu weit weg ist, dass die Schülerschaft extrem leistungsstark ist), noch eine halbe Hauptschule (auch wenn wir natürlich, wie alle Realschulen in BW zunhemend auch Hauptschüler an der Schule haben). Die eine Klientel gibt es nicht an Realschulen, das kommt ganz stark auf das Einzugsgebiet an und die umliegende Schullandschaft: Gibt es Gymnasien im Nähebereich? Gibt es noch eine echte Hautpschule/Werkrealschule oder eine Vebrundschule im Nähebereich? Gibt es eine GMS im Nähebereich? etc.
Ein Praktikum würde dir hier etwas mehr Klarheit bringen können, ob die Realität zu deinen Vorstellungen passt.
Zitat von LehramtSekI
Wenn ich mich selbst reflektiere, dann merke ich, dass es mich persönlich wenig tangieren würde, wenn meine Schüler auf Grund von Faulheit etc. schlechte Noten haben. Auch würde ich mich nicht verrückt machen, wenn sie keine HA machen oder wenig Interesse an meinem Fach haben. Ich war früher selbst so ein "faules Kind". Kein Lehrer konnte mich dazu bringen, was zu tun. Bin sehr selbstbewusst und mir ist klar, dass solche Sachen nicht in meiner Macht sind.Auch würde ich nicht jedem Kind hinterher rennen etc.
Bin halt sehr rational; bedeutet: Ich gebe mein bestes Wissen zu vermitteln, aber ob die Schüler es wahrnehmen ist mir dann auch "egal" bzw. mehr kann ich nicht machen.
Im Umkehrschluss bin ich sehr froh, wenn bspw. meine Nachhilfeschüler mich fragen und wirklich Interesse haben. Da bin ich der letzte der NEIN sagen würde...
Kann das später zu einem Problem werden? Also meine rationale Denkweise? Und nicht das "Lehrersein" voll verkörpern bzw. immer 100% hinter den Kindern her zu sein?
Persönlich muss dich das auch nicht tangieren wenn SuS faul sind, schlechte Noten haben, keine HA machen etc. In deiner professionellen Rolle ist es aber Teil deines Aufgabenbereichs dich auch um diese Dinge zu kümmern und den Lernfortschritt deiner SuS ausreichend zu fördern, was eben mehr umfasst als einfach nur zu unterrichten und fachlich zu arbeiten. Echtes Interesse ist etwas Feines, dich zurücklehenen und darauf verlassen, dass es das geben könnte kannst du in der Schule aber nicht. Das ist keine Nachhilfe, die on demand läuft, sondern der Alltag, zu dem auch gelangweilte und desinteressierte SuS gehören, für deren Lernfortschritt du genauso verantwortlich sein wirst und den du durch entsprechden Unterricht, entsprechende Klassenführung, entsprechende Elternarbeit unterstützen musst. Zusätzlich gibt es 1001 kleine Orgafrage die man zu klären hat (vor allem als KL) und bei denen man immer zu 100% hintern den Kindern her sein muss, damit Ausflüge klappen, Elternunterschriften vorliegen etc. Also ja, die Haltung die du beschreibst würde dir im Unterricht auf die Füße fallen und spätestens im Ref zu einem Scheitern führen.
Deshalb nochmal: Geh in eine Sek.I-Schule, hospitiere, schau dir den Unterricht und die Arbeit an (und am besten nicht nur in der "perfekten" kleinen Dorfschule, denn ob du am Ende dort eine Stelle ergattern wirst steht in den Sternen), ob das zu deinen Vorstellungen passt oder nicht. Schau dir ergänzend zur Sek.I auch vielleicht nochmal ein Gymnasium an. Informatik habe ich gerade nicht im Kopf, aber zumindest mit Physik sind deine Chancen auch am Gymnasium alles andere als schlecht und die sehr starke fachliche Orientierung die du beschreibst könnte evtl. am Gymnasium besser passen, als in der Sek.I.(Wobei dir auch dort nicht nur die SuS begegnen werden die zu dir aufschauen und glücklich seufzen "Fülle mein lehres Gefäss namens Gehirn lieber Lehrer, ich will so gerne Fach X lernen, bin immer motiviert bei ihnen, nie müde, nie traurig, nie genervt, nie pubertierend, immer aufmerksam und fleißig aus einer puren intrinsischen Motivation heraus." )
Und last but not least: Wem es ein Stück weit egal ist, was die SuS aus dem eigenen Unterricht mitnehmen, wird vss.Probeme damit haben zielführenden Unterricht zu planen und vernachlässigt die Beziehungsebene ohne die in der Schule (und zwar ganz gleich in welcher Schulform) Unterricht nicht funktionieren kann. Du musst deinen Beruf nicht als Berufung sehen um ein guter Lehrer sein zu können, dich für die Menschen mit denen du arbeitest soweit zu interessieren, dass du gut mit ihnen zusammenarbeiten kannst ist aber unerlässlich und umfasst immer mehr, als die reine fachliche Arbeit. Dieses professionelle Interesse ist Teil deines Jobs als Lehrer, also finde heraus, ob du das leisten kannst und willst und wenn nicht, dann liegt deine Zukunft eben nicht im Schuldienst.