Du sprichst in Extremen.
Wie realistisch ist es, dass alle migrierten / fliehenden Menschen diese Kraft haben, und sich nicht von Hürden abschrecken lassen?
Ernsthaft: Ich bin womöglich ein Musterbeispiel für nicht gelingende Integration aber ich habe echt Pechsträhnen hinter mir, zum Glück spreche ich die Sprache UND habe einen Job.
- Ich bin im selben Monat meines Zuzugs in meiner aktuellen Stadt zum Sportverein gegangen. Das hat mehr als zwei Jahre gedauert, bis ich in die WhatsApp-Gruppe der Frauen aufgenommen wurde. Nicht böswillig. Mehrmals drüber gesprochen, jedes Mal vergessen, dann hörte ich regelmäßig, was sie am Wochenende unternommen haben..
- In meiner vorherigen Stadt sind im selben Kalenderjahr 4 VHS- und ähnliche Kurse mangels Teilnehmer*innen ausgefallen, wo ich Leute kennenlernen wollte. Selbiges passiert mir jetzt auch, aber es sind andere Kurssorten, die eh nicht so geeignet sind.
- Ich versuche, seit 2 Jahren in meiner Stadt mich ehrenamtlich zu engagieren. Bei dem Flüchtlingshilfeverein stehe ich auf der Liste, ganz offensichtlich sind wohl keine neuen Leute angekommen, keine Ahnung, kein Bedarf. Trotz mehrmals Nachfragen und zum Teil Gespräche/Einladungen auf dem Sommerfest. Jetzt habe ich endlich woanders angefragt, das Gespräch findet mit Glück nach den Osterferien, zwischen Anfrage von mir und Gespräch müssten ca. 10 Wochen vorliegen, weil immer wieder was dazwischen kam (zu 90% von deren Seite) und die Ansprechperson nur morgens an zwei Tagen die Woche arbeitet.
Also ja, ich habe super Respekt vor dem Vater, der vor Jahren mit seiner Familie hierher kam und sofort alles tat, um nicht im selben Viertel wie alle Türken zu wohnen (selbst kein Türke, aber turkmenische Sprache sprechend), und in meiner Sprechstunde fragte, wie seine Tochter eine bessere Note in Deutsch haben könnte (sie stand 2+ in der Mittelstufe, nach nicht mal 5 Jahren in Deutschland). Der gute Herr war in seiner Heimat Professor geworden, seine Frau Lehrerin und sie machten beide in Deutschland Putzjobs. Wer aber nicht das entsprechende Kapital und Wissen um gesellschaftliche Ausschlussmechanismen hat, gibt viel schneller auf. Das hat nicht mit mangelnder Integrationsfähigkeit und -wille zu tun. Irgendwann ist auch die Luft raus und warum sollen es dann Grundschulkinder ausbaden.