Ich stelle mir gerade folgendes Szenario vor: Deutsch-Abitur, 20. Mai. Dauer: 515 min. Ich sitze mit einer Kollegin zur Aufsicht in einem Raum mit 8 Schülerinnen und Schülern. Die Arbeiten sind ausgeteilt, es wird seit 15 min. gearbeitet. Hölderlin: Gedichtanalyse. Alle Fenster des Raumes sind sperrangelweit zur Lüftung geöffnet. Die Hälfte der Anwesenden trägt einen selbstgebastelten Mundschutz, die andere nicht.
Auf einmal fängt Linus P. an zu niesen. Hatschi! Hatschi! Alle Köpfe zucken nervös zusammen. Hatschi! Linus P. stockt kurz, beteuert dann, dass er starken Heuschnupfen habe und wegen der geöffneten Fenster niesen müsse. Alle schreiben weiter. Das Niesen von Linus P. steigert sich weiter, inzwischen unterbrochen von kurzem trockenem Husten. Wieder hören alle auf zu schreiben. Linus P. meint, in besonders schweren Fällen würden seine Beschwerden asthmatisch, ich solle doch wegen der Pollen bitte endlich das Fenster schließen. Das Schließen des Fensters widerspricht den kultusministeriellen Vorgaben zur Durchführung des Abiturs. Da auf gute Lüftung zu achten sei, müssen während der Prüfung die Fenster göffnet bleiben. Als gute Beamtin folge ich den KM-Anweisungen und die Fenster bleiben offen. Es wird weitergeschrieben. Linus P. hustet weiter.
Katharina N., die neben den ihm sitzt, blafft ihn an, er solle doch bitte wenigstens auf die Niesetikette achten. Kurze Zeit Ruhe, danach wieder Husten. Alle schreiben weiter, wieder Husten. Plötzlich wird das Husten von einem anderen Geräusch unterbrochen. Cora H. hat heftig begonnen zu weinen und schluchzt, unter diesen Bedingungen könne sie nicht weiterarbeiten.
In der hintersten Reihe meldet sich Jonas S., der beste der Klasse. Er hat die vor ihm liegenden Anweisungen für Prüflinge genau gelesen und fordert mich nach Punkt 3.1. auf, dass ich Linus P. aufgrund "respiratorischer Probleme" unverzüglich von der Prüfung auszuschließen habe. Linus P. wird daraufhin pampig und brüllt, wegen seines Heuschnupfens lasse er sich sicher seine Abiprüfung nicht versauen. Bevor die beiden handgreiflich werden können, packt Cora H. ihre gerade einmal 3 beschriebenen Aufgabenblätter und wirft sie mir vor die Füße. Schluchzend verlässt sie den Raum.
Am nächsten Tag lese ich in der Süddeutschen, dass nach Auskunft des Sprechers des bayerischen Kultusministeriums das Deutsch-Abitur nach Plan und ohne weiteren Vorkommnisse verlaufen sei.