Beiträge von Plattenspieler

    Besonders amüsant der Wikipedia-Artikel zur Ostfriesischen Teekultur, der gegen Ende erwähnt:

    Zitat

    Auch andere Kulturen haben für den Teegenuss ein spezielles Brauchtum entwickelt.

    Ach, was. Wenn das für den Leser ein neuer Fakt ist ... Aber bei "auch andere" nehme ich schon die Konnotation wahr, dass die ostfriesische Teekultur natürlich die vollkommenste ist und es halt daneben noch ein paar andere gibt - ihr nicht?

    In dieser Zusammenfassung finde ich aber nun nichts darüber, dass - wie du behauptest - die Ostfriesen aus "touristischen bzw. Marketing-Gründen" ihre Teekultur, wie sie heute "zelebriert" wird, erfunden hätten.

    Das stimmt, das war ungenau oder verkürzt von mir ausgedrückt.

    Die heute oft vorkommende Aussage oder Darstellung, dass die ostfriesische Teezeremonie schon Jahrhunderte alt sei, hat auch Marketinggründe.

    Soweit ich das mitbekomme sind die eher genervt davon dass diese komischen Westler ihnen plötzlich die Bestände wegkaufen (und dann bereiten die noch nicht mal ordentlichen Tee damit sondern rühren es in Kuchen oder sonstige Späße).

    Jein.

    Also zum einen gibt es ja neben der klassischen Teezeremonie* auch in Japan Kuchen, Eis, Bonbons usw. mit Matcha. Auch Nudeln. Sicherlich auch "Matcha Latte"**, den ich ja oben sinngemäß als westliche Unart bezeichnet hatte.

    Zum anderen sind die Meinungen zum weltweiten Matcha-Hype in Japan wohl gemischt. Auf der einen Seite lohnt sich das für die Industrie finanziell schon und man kann das Image des Landes nach außen transportieren; auf der anderen Seite besteht ja zeitweise wirklich Knappheit und der Preis steigt auch für die japanischen Konsumenten.

    * Im Alltag werden eher Sencha und Bancha, regional auch Kamairicha (nicht gedämpft, sondern pfannengeröstet), ggf. (teil)beschattete Tees wie Kabusecha oder seltener Gyokuro getrunken. Oder Genmaicha - das wäre dann auch kein reiner Tee mehr (mit geröstetem Reis aromatisiert). Oder Buchweizentee - das wäre dann gar kein Tee mehr, sondern Kräutertee.

    ** Ist "Matcha Latte" eigentlich eher eine Verhohnepiepelung der japanischen Teekultur oder der italienischen Kaffeekultur? Oder einfach Fusionsküche?

    "Touristische bzw. Marketing-Gründe"... Ja, sicher :D! Wow, du kennst dich echt gut mit ostfriesischer (Tee-)Geschichte aus :rolleyes:...

    Wie gesagt: Lies aus dem Buch "Geschichte des Tees" von Martin Krieger den Abschnitt "Mythos Ostfriesland".

    Hier eine KI-Zusammenfassung zu seinen Erkenntnissen oder Thesen:

    Spoiler anzeigen

    Nach Forschungen des Historikers Prof. Martin Krieger ist die spezifisch "ostfriesische Teezeremonie" jünger, als es der Mythos vermuten lässt. Krieger zufolge ist sie keine jahrhundertealte Tradition, sondern eine Konstruktion des frühen 20. Jahrhunderts.

    [...]

    Hier sind die Kernpunkte nach Martin Krieger:

    Mythos vs. Realität: Die Vorstellung, dass Ostfriesen schon immer Tee in der heutigen Form (mit Kluntje und Sahne) getrunken haben, ist ein Mythos, der um 1900 konstruiert wurde, um eine ostfriesische Identität zu schaffen.

    19. Jahrhundert: Die Art und Weise, wie der Tee im 19. Jahrhundert in Ostfriesland serviert wurde, entsprach dem, wie Tee damals fast überall in Deutschland getrunken wurde.

    Wahrheit hinter dem Mythos: Unbestritten ist jedoch, dass die Ostfriesen schon viel früher dem Verbot der Obrigkeit trotzten und sich den Teekonsum nicht nehmen ließen.

    Kulturgeschichte: Krieger ordnet die Teekultur in seinem Werk „Geschichte des Tees“ (2021) als Teil einer globalen Konsumgeschichte ein, die in Deutschland im 18. und 19. Jahrhundert populär wurde.

    [...]

    Zusammenfassend ist die ostfriesische Teekultur als eigenständige Zeremonie etwa 100 bis 120 Jahre alt, während der Teekonsum an sich natürlich schon früher begann.

    Google / Gemini

    Ähnlich vielleicht wie bei der italienischen Küche, die in ihrer heutigen Form wohl auch nicht so alt ist, wie sie sich selbst darstellt (siehe z. B. https://www.br.de/nachrichten/ku…-kueche,UE8xF7i).

    Hast du aber, trotz "Relativierung" (ich weiß nicht, was du vorher geschrieben hattest, aber anscheinend war das ja noch beleidigender).

    Ich bitte um Entschuldigung.

    Ich hatte nichts Anderes geschrieben; ich habe lediglich die Bemerkungen in eckigen Klammern ergänzt.

    Und genau deswegen kann man die asiatische und die norddeutsche/ostfriesische Teekultur meiner Meinung nach auch nicht miteinander vergleichen. Diese beiden Kulturen haben sich ja unabhängig voneinander entwickelt.

    Das stimmt.

    Kann man die ostfriesische Teekultur mit der englischen, türkischen, indischen, russischen, US-amerikanischen usw. vergleichen?

    Oha.

    Ich habe es etwas relativiert im Beitrag oben.

    Ich möchte keine Ostfriesen beleidigen.

    Ich finde es ja gut, dass zumindest in einem Teil Deutschlands Tee im Alltag verankert ist.

    Ich finde es nur schade, dass die Leute, wenn sie schon Tee trinken, nicht den Genuss und Wert der originalen* Teekultur erleben und praktizieren.

    * Gut, ganz ursprünglich wurde Tee mit Gemüse und Gewürzen als Suppe gekocht. Danach wurde auch in China Tee gedämpft und/oder gemahlen wie heute noch in Japan. Und auch in Ostasien wandelt sich die Teekultur fortwährend, werden neue Kultivare gezüchtet und Verarbeitungsweisen entwickelt. Trotzdem: Dort kommt Tee ursprünglich her, dort wird er (überwiegend) ohne Zusätze getrunken, dort gibt es eine wirklich alte Tradition, und wenn man sich darauf eingelassen hat, wird man diese Tees und diese Teekultur nicht mehr missen wollen.

    Du meinst, die bescheißen uns?

    So würde ich es nicht formulieren.

    In "Geschichte des Tees" von Martin Krieger ist ein interessantes Kapitel dazu.

    Und natürlich machen auch Chinesen und Japaner Marketing um Tee, siehe z. B. den aktuellen Matcha-Hype (und hier im Westen schütten die Leute auch da Milch und Zucker rein ;().

    Im Norden wird keine "Teekultur gelebt", auch nicht in Ostfriesland. [Zumindest keine alte oder traditionelle.]

    Dort werden assam-basierte Schwarzteemischungen (Blends) zu stark in monströsen westlichen Kannen gebrüht und dann mit Zucker ("Kluntje") und Sahne ("Wulkje") getrunken.

    Dazu hat man sich ein paar Rituale überlegt, vor allem aus touristischen bzw. Marketing-Gründen.

    Das kann mal ganz nett sein. Ostfriesland ist eine schöne Gegend und in der richtigen Stimmung schmeckt der "Ostfriesentee" auf diese Art und mag zur Geselligkeit beitragen.

    Das hat aber nichts mit Teekultur zu tun. [Siehe Klammerbemerkung oben.]

    Von Gong Fu Cha oder Chado, von verschiedenen Kultivaren, von Oolong und Pu-Erh, von verschiedenen Tonarten für Kannen und ihren Effekten auf die Zubereitung, von echtem hochwertigen Tee (mehrere Euro pro Gramm) hat der typische Norddeutsche oder Ostfriese so viel Ahnung wie der typische Süddeutsche.

    Grüner Tee ist mir meistens zu bitter, deswegen trinke ich den nur ungern. Bekomme auch manchmal Kopfschmerzen davon: ist das normal?

    Nein.

    Sowohl für "zu bitter" als auch für Kopfschmerzen folgende mögliche Erklärungen:

    1. qualitativ schlechter Tee
    2. falsche Zubereitungsparameter (zu heißes Wasser, nicht geeignetes Wasser, zu lange Ziehzeiten, ggf. auch zu hohe - oder zu niedrige - Dosierung)
    3. zu wenig Gewöhnung an bitteren Geschmack im Allgemein, der je nach konkreter Teesorte auch erwünscht sein kann (schmeckt dir denn Bitterschokolade (90 Prozent oder mehr) u. Ä.?)

    Das gilt übrigens auch für Folgendes:

    Grünen Tee (den ich zum Beispiel pur nur mit viel Zucker oder Honig trinken kann)

    Zu:

    Man sieht, ich habe ein neues Hobby

    Das freut mich, aber richtig spannend wird das Hobby dann, wenn man tatsächlich eingetaucht ist, die Kräutermischungen und aromatisierten Tees beiseite lässt und sich intensiver mit echtem Tee beschäftigt.

    Zunächst erkennt man, dass es neben Grün- und Schwarztee auch noch vier weitere Verarbeitungsmethoden der Camellia Sinensis gibt (weiß, gelb, Oolong, Heicha/Pu-Erh), dann vergleicht man die hunderten verschiedenen Grünteesorten, -kultivare, -anbaugebiete, man vergleicht Tees verschiedener Jahrgänge (bei gereiften Varianten), man tauscht sein westliches Teezubehör gegen die handgemachten asiatischen Varianten aus, plant Urlaub nach Anbaugebieten und Teekulturen usw.

    Auch der Beginn von Ostern ist unterschiedlich, ich habe Freunde, die Samstagabend in der katholischen Kirche zur Osternacht gehen und danach Ostern feiern, für andere ist Ostern erst Sonntagmorgen.

    Sonntage und Hochfeste beginnen am Abend des Vortages (mit der Vesper).

    Zumindest an Weihnachten sehen das auch evangelische Christen so. ;)

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