• Hallo ihr Lieben,


    ich brauche schon wieder eure Hilfe:


    nachdem ich mir tagelang einen Kopf wg. meiner "LRS"- oder auch "nur" rechtschreibschwachen Kinder gemacht habe, geht mir nun ein anderer Fall nicht aus dem Kopf.


    Einige meiner Viertklässler sind seit Schuljahresbeginn total verkrampft und paniken, sobald sie etwas nicht verstehen. Vorgestern rief mich nun eine Mutter an, weil ihr Sohn zu Hause mehrfach in Tränen ausgebrochen war, als er Matheaufgaben nicht alleine lösen konnte. Sie erzählte mir, dass ihr Sohn unbedingt zusammen mit seinen Freunden nächstes Jahr zum Gymnasium gehen möchte. Er ist sehr wissbegierig, arbeitet zuverlässig und bringt ständig Sachbücher mit, aus denen er gerne vorliest. In Mathe braucht er ab und an eine zweite Erklärung, rechnet dann aber schnell, selbstständig und meistens richtig. Er gehört auch nicht zu meinen rechtschreibschwachen Schülern...
    Lange Rede, kurzer Sinn: Ich kann mit gut vorstellen, dass er das Gymnasium gut meistern wird.
    Nun verriet mir die Mutter, dass ein Test, der vor der geplanten Einschulung von einem Arzt durchgeführt wurde, ergeben hat, dass er lernbehindert sei.
    Da ich nicht glauben kann, dass es tatsächlich so ist, wäre euch sehr dankbar, wenn ihr mir erklären könntet, wie zuverlässig der damals durchgeführte Test ist und wie er aussieht. Es handelt sich dabei um die deutsche Fassung (logisch) des K-ABC von Melchers/Preuß.
    Vielen Dank!


    Eure ratlose


    Grundschullehrerin

  • Hallo!


    Der K-ABC ist meines Wissens nach ein Intelligenztest und allein durch einen Intelligenztest sollte keine Einteilung als "Lernbehindert" erfolgen. Intelligenztests werden durchaus kritisch gesehen, es wird unter anderem bemängelt, das sie sprach- und kulturabhängig sind (wobei der K-ABC wohl einer der besseren ist).
    Ich weiß, das in den letzten Jahren in Deutschland einige Studien durchgeführt wurden, um zu versuchen "Risikokinder" herauszufiltern (allerdings nie nur mit einem Test), dass muss natürlich auch nicht heißen, dass so ein Risikokind dann auch auffällig wird. Mag es sein, dass dein Schüler an so einer Studie teilgenommen hat und die Mutter das Ergebnis missverstanden bzw. fehlinterpretiert hat?
    Ich meine, normalerweise wird ja vom Kinderarzt kein Intelligenztest durchgeführt bei den Vorsorgeuntersuchungen und auch bei der Einschulungsuntersuchung nicht (bei meinen zumindest nicht ;) ), es muss ja also irgendeinen Grund gehabt haben.


    "Die Kaufman-Assessment Battery for Children (K-ABC) ist eine Testbatterie zur Messung von Intelligenz und Fertigkeiten, die sich in eine Fähigkeiten-, eine Fertigkeiten- und eine sprachfreie Skala aufteilt. Die sprachfreie Skala besteht aus Untertests, die mimisch-gestisch durchgeführt und durch motorisches Verhalten beantwortet werden können, die Instruktionen sind kurz gehalten. Dennoch sind sprachliche Hinweise während der Durchführung zur Erklärung der Aufgaben, zur Klärung zweideutiger Antworten sowie zur Motivierung erforderlich. Die Untertests "Handbewegungen", "Räumliches Gedächtnis", "Bildhaftes Ergänzen" und "Fotoserie" können als relativ kulturunabhängig betrachtet werden, bei "Dreiecke" kommt die Puzzle-Fähigkeit zum Tragen."


    Schau doch mal hier, da gibt's noch ein paar Infos zum Test:
    http://www.uni-wuerzburg.de/so…/intelligenz/kaufmann.htm


    LG
    Dana

  • Hallo Dana,


    vielen Dank für deine Antwort.
    Der Test wurde damals auf Wunsch der Mutter durchgeführt, will heißen, dass die Mutter "etwas" unternehmen wollte. Hatte aufgrund des Vergleichs mit ihren beiden älteren Kindern den Verdacht, dass "etwas" nicht stimme...
    War also keine Routineuntersuchung. Der Junge war motorisch (sowohl grob- als auch feinmotorisch) auffällig und hat verschiedene Therapien genossen. Angeschlagen haben wohl die Ergotherapie und Psychomotorik.
    Die Mutter des Kindes wird mir aber Anfang der Woche die Testergebnisse zum Fotokopieren leihen, vielleicht bin ich ja dann schlauer?


    Liebe Grüße von der


    Grundschullehrerin

  • Hallo!
    Ich bin Lehrerin an einer Schule für Lernhilfe und sehr skeptisch, was IQ-Tests betrifft. Sie sind abhängig von der Tagesform des Probanden (Gesundheit, Angst vor der Situation, Stress,...) und damit nicht wirklich aussagekräftig. Bei der Überprüfung auf sonderpädagogischen Förderbedarf bin ich leider gezwungen, einen solchen Test durchzuführen. Ich benutze den CFT oder Hawik. Außerdem versuche ich herauszufinden, ob das Kind länger Zeit als gewöhnlich zur Bearbeitung von Aufgaben benötigt, ob es schnell aufgibt oder abgelenkt ist, ob es sich über einen längeren Zeitraum konzentrieren kann und ob es dem Lernstoff der Klassenstufe arg hinterherhinkt. Ich hatte übrigens schon Kinder mit einem hohen IQ, die es aber psychisch und leistungsmäßig an einer Normalschule nicht geschafft hätten.
    Ich würde an deiner Stelle einen weiteren Test durchführen und schauen, ob du vielleicht ein anderes Ergebnis erhälst. Ich denke, wenn du meinst, dass das Kind sogar am Gymnasialunterricht teilnehmen könnte, kann das Ergebnis des Arztes wohl irgendwie nicht stimmen. Und nur, weil ein Kind weitere Erklärungen braucht, ist es noch nicht als lernbehindert einzustufen, oder aber wir sind alle lernbehindert?! Du könntest auch versuchen mit dem Arzt zu sprechen, wenn die Mutter ihn von der Schweigepflicht entbindet.
    Halt uns mal auf dem Laufenden!
    Tusnelda ;)

  • Hallo Tusnelda,


    ich bin so froh, dass es dieses Forum gibt!
    Du vermutest richtig, ich zweifle sehr an dem Testergebnis. Daher auch meine Frage, wie ich den Test einzustufen habe. Das Problem besteht im Moment darin, dass dieser Junge ein sehr geringes Selbstbewusstsein hat und wir (Eltern und ich) dies auf die Testerei zurückführen. Aufgrund der laufenden Therapien wurde das Kind ein Jahr später eingeschult und hat seitdem Versagensängste. Einen weiteren Test würde er wahrscheinlich nicht so gut verkraften...
    Was rätst du?


    Vielen Dank sagt eure


    Grundschullehrerin

  • Kennst du Gerd Ulrich Heuer's "Beraten, Beurteilen, Fördern"? Das sind Materialien zur Diagnose und Therapie in Vor-, Grund- und Sonderschule. Diese Blätter kann man im Unterricht machen - möglicherweise mit allen Schülern der Klasse, damit es nicht auffällt. Sie haben nicht diesen 'Testcharakter' und du kannst damit alle wesentlichen Bereiche abtesten: Wahrnehmung, Sensomotorik, Sprache und Kommunikation, schulische Lernbereiche. Die Mappe ist vom Verlag modernes Lernen - leider teuer, aber sehr gut! Vielleicht habt ihr sie sogar in der Schule?
    Einen weiteren IQ-Test finde ich in dieser Situation auch nicht gut, jedenfalls nicht, wenn du ihn allein mit diesem Schüler machen würdest. Vielleicht könntest du einen Gruppentest machen, dann würde dieses Kind nicht als etwas "Besonderes" dastehen?! Interessant wäre es aber doch sehr! Da dich das Kind kennt und dir vertraut, solltest du es vielleicht doch wagen.
    Bin sonst auch wirklich ratlos! Du könntest evt. in einer Sonderschule am Ort anrufen und bitten, ob jemand hospitieren kommt. In einigen seltenen Fällen könnte das möglich sein.
    Was ist mit einem Schulpsychologen?
    Sorry, dass ich dir nicht wirklich weiterhelfen kann!!
    Tusnelda :(

  • Hallo!


    Aber seine Leistungen sind doch in Ordnung, oder? Arbeitet er allein oder orientiert er sich viel an anderen? War der Schüler auch vor diesem Schuljahr schon verkrampft und unsicher, was seine Leistungen betrifft? Oder liegt es vielleicht einfach daran, dass er weiß, das Empfehlungen ausgesprochen werden müssen und er Stress hat, weil er mit seinen Freunden zusammen bleiben will? Wollen die Eltern gerne, dass er auf's Gymnasium geht und entsteht ihm dadurch vielleicht noch mehr Stress?
    Ich denke, ein neuerlicher IQ-Test ist wohl nicht nötig, du kannst dich doch an seinen Schulleistungen und an seiner Arbeitshaltung (arbeitet er gern mit, wie arbeitet er, braucht er viel Hilfe oder Zuspruch, ist er unsicher, wenn es um eigene Entscheidungen/Lösungen geht?) orientieren, ich würde mich von einem Test vor der Einschulung nicht beeinflussen lassen.


    LG
    Dana

    • Offizieller Beitrag

    Hallo Grundschullehrerin,


    ich habe ein Gegenbeispiel:
    Ein Junge, Rückstellung aufgrund motorischer Auffälligkeiten und Schulkindergarten, konnte Mitte des zweiten Schuljahres noch nicht lesen. Ich leitete ein VOSF ein, obwohl seine sonstigen Leistungen im Durchschnitt lagen. Der IQ-Test ergab eine normale Begabung mit überdurchschnittlichen Werten in der visuellen Wahrnehmung! Danach gab es viele Gespräche mit den Eltern, der Sonderschullehrerin und der Schulrätin. Laut der schriftlichen Fakten lag kein sonderpädagogischer Förderbedarf vor. Trotzdem haben wir es geschafft, ihn nun im dritten Schuljahr in den GU zu bekommen, damit er die Förderung bekommt, die er braucht. Ich wollte keinen weiteren, geschickten Analphabeten ausbilden!


    Ich stehe also solchen IQ-Tests sehr skeptisch gegenüber. Habe noch drei weitere Jungs, die alle vom Schulpsychologen getestet wurden und jede Mutter interpretiert nun eine andere 'Modekrankheit' in das jedesmal normale Ergebnis hinein ...


    Bei deinem Schüler vermute ich einfach häuslichen Druck, vielleicht auch unbewusst und gerade weil die Mutter besorgt ist. Auf welche Schulform gehen denn die beiden älteren Geschwister? Wenn du dir sicher bist, dass er den Anforderungen eures örtlichen Gymnasiums (auch da gibt es enorme Leistungsunterschiede) gewachsen ist, führe mit ihm ein ruhiges Gespräch und nimm ihm den Druck, jetzt nur noch gute Noten schreiben zu müssen. Male ihm für jeden guten Tag ein Smilie ins Heft o.ä.


    Gruß
    strucki

    Ein Niederrheiner ist einer, der nix weiß und alles erklären kann.
    Hanns Dieter Hüsch

  • Warum ist denn der Junge in Therapie gewesen? Wo sieht die Mutter die Unterschiede zu ihren anderen Kindern?


    Ist der Test gemacht worden,um zu sehen, ob er die Intelligenz hat, zum Gym zu gehen? Und wer hat ihn durchgeführt??? War es ein Kinderarzt oder ein Psychologe?
    Ich würde mit Erlaubnis der Mutter zuerst einmal Kontakt zu demjenigen aufnehmen.


    Für mich hört es sich so an, dass der Junge unter einem enormen Druck steht, vor allem, wenn der Test dazu gedient haben sollte, den möglichen Gymnasiumgang zu legitimieren. Unter Druck sind eben auch Totalausfälle möglich. Oft ist auch die Atmosphäre wichtig, vielleicht mochte dein Schüler auch den Arzt nicht.
    Ich würde für mich noch einmal schauen und gut beobachten,
    abchecken, ob der Test wirklich von einem Profi (Psychologen oder Sonderpädagogen) durchgeführt wurde, evt. kollegiale Fachberatung von eine rSonderschulpädagogin einholen, die in der Klasse hospitiert und unauffällig beobachtet (das ist nicht ganz legal, aber mit Absprachen ist das oft möglich).
    Berichte mal, wie es sich weiter entwickelt. Ich fände es sehr interessant.
    flip

  • hallo an alle,


    aaalso: habe heute mal in die akte des betroffenen schülers gesehen und gelesen, dass er aufgrund einer starken entwicklungsverzögerung ein jahr später eingeschult wurde. ist also nicht mit einer lernbehinderung gleichzusetzen...
    in einer gruppe testen kann ich ihn nicht, da ich da die einverständniserklärung aller eltern bräuchte, deren kinder ich mal eben mittesten würde...
    habe heute mal in der konferenz gefragt.
    meine kolleginnen und der schulleiter meinten, dass die sache nicht mein problem wäre sondern die eltern mit ihrem kind ja noch einmal zu dem kinderarzt gehen könnten, der auch damals getestet hat. da die eltern keinen neuen offiziellen test wollen, ist das natürlich schwierig...


    ich wünsche euch eine gute nacht!


    eure immer noch ratlose


    grundschullehrerin

  • huhu,


    hole das mittlerweile uralte thema mal wieder nach oben, um euch zu erzählen, dass ich dem betroffenen jungen die empfehlung für das gymnasium gegeben habe. habe mit den eltern einige gespräche geführt und wir sind zu dem schluss gekommen, dass wir ihm bestätigen würden, ein "versager" zu sein, wenn er auf eine realschule gehen müsste.
    mittlerweile sehe ich einen anderen schüler, er ist wie ausgewechselt, kein brett mehr vor dem kopf...
    ich bin mir sicher, dass er es packen wird!


    eine gute nacht wünscht euch
    eure
    grundschullehrerin

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