Studium, Referat über PTBS, Erfahrungen in der Schule?

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    • Studium, Referat über PTBS, Erfahrungen in der Schule?

      Hallo zusammen! :)

      Ich bin Kati und Lehramtstudtin im zweiten Semester.
      Ich halte in einem Seminar ein Referat über PTBS.
      Hierfür wäre es gut, wenn ich Beispiele direkt aus der Schule hätte, um den Kommilitonen reale "Fallbeispiele" zu geben.

      Hat vielleicht schon jemand Erfahrungen mit Schülern mit PTBS und wäre bereit mir die Situation darzustellen?

      Vielen Dank schon mal im Voraus!

      Liebe Grüße, Kati :_o_)
    • Kati_K schrieb:

      Hat vielleicht schon jemand Erfahrungen mit Schülern mit PTBS und wäre bereit mir die Situation darzustellen?
      Unter einer PTBS leiden ca. 50% meiner Schüler, aber leider muss ich Dir sagen, dass man ihnen das in den seltensten Fällen anmerkt - zumindest nicht in einer Weise, dass man sagen könnte, "Ah, PTBS... ganz typisch!". Die Auswirkungen einer PTBS können so unterschiedlich sein, dass es schwer ist, das an einem Fallbeispiel festzumachen. Das reicht von "man merkt im normalen Umgang überhaupt nichts" bis zu "die Schülerin fällt aus für Außenstehende nicht nachvollziehbaren Gründen ständig in Ohnmacht". Typisch für PTBS - wenn man das denn so kategorisieren will - ist allenfalls, dass es meist Situationen, Orte, Dinge gibt, die die Patienten "triggern"; die Auswirkungen dieses Triggers sind dann aber wieder komplett unterschiedlich. Ganz pauschal würde ich sagen: Wenn ein Schüler so belastet ist, dass Du es ihm anmerken würdest, ist er im Normalfall nicht in der Regelschule, sondern z.B. in einer Klinik.
      Ich würde das in dem Referat so sagen und darauf verweisen, dass die Symptome eben unheimlich vielfältig sind. Ein "Fallbeispiel" müsste die komplette psychosoziale Situation des Schülers abbilden, nicht (nur) sein Verhalten in der Schule. Mit Essstörungen o.ä. könntest Du so vorgehen, da hast Du typische Verhaltensweisen, die sich auch in der Schule äußern.
      Ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz.
    • Jap, PTBS = Posttraumatische Belastungsstörung

      EDIT: Danke für deine Ausführungen @fossi74. War am Überlegen, wie ich es formuliere und kann das nur so unterschreiben. (Wobei ich nicht 50% SuS mit PTBS habe.)

      @Kati_K : Magst du vielleicht deine Fragen konkretisieren. Evtl.ist es möglich dir so zu antworten, dass keine sensiben Details über SuS preisgegeben werden und so allgemein, dass eine Antwort tatsächlich nicht nur einen Einzelfall umschreibt, sondern verallgemeinerbar ist oder aber eine gewisse Bandbreite darstellen (wobei da Fachliteratur eine abschließendere Aufzählung möglicher Symptome liefern wird).

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    • Ein Fallbeispiel aus der Fachliteratur zu nehmen, ist glaube ich eine gute Idee für das Referat. Das ist dann ausreichend anonymisiert und fachlich aufbereitet.

      - die 50% waren übrigens grob geschätzt, sollte insgesamt aber hinkommen. Was ich immerhin sagen kann: genau 0% meiner SuS sind psychisch gesund ... :D
      Ein Blick ins Gesetz erspart viel Geschwätz.
    • fossi74 schrieb:

      Ein Fallbeispiel aus der Fachliteratur zu nehmen, ist glaube ich eine gute Idee für das Referat. Das ist dann ausreichend anonymisiert und fachlich aufbereitet.

      - die 50% waren übrigens grob geschätzt, sollte insgesamt aber hinkommen. Was ich immerhin sagen kann: genau 0% meiner SuS sind psychisch gesund ... :D
      An der Stelle ist es ein Glück zu wissen, dass du in der Krankenhausbeschulung bist, sonst wäre das wirklich beunruhigend zu lesen.

      Je nach Art der tatsächlichen Fragestellung kann ein Fallbeispiel aus der Literatur die beste Wahl sein oder eben auch (ergänzend) direkte Erfahrungswerte von Lehrkräften. Im Seminar haben wir uns auch damit beschäftigt, da ging es z.B. um Ansprechpartner, unterrichtlichen Umgang mit schwerst traumatisierten SuS ohne ausreichende Sprachkenntnisse die neu in die Klasse kommen etc. Da im Seminar Vertraulichkeit herrscht konnten wir dort aber natürlich auch ganz anders über Fälle sprechen und uns gegenseitig beraten bei Problemen im unterrichtlichen Umgang (soweit es diese überhaupt gab- in vielen Fällen gilt es vor allem darum sensibel für die Überanpassung Betroffener zu sein und diese als Bewältigungsstrategie zu erkennen, um ggf.Grenzen sehen zu können dieser Strategie). Was man machen kann ist letztlich äußerst begrenzt, weil man kein Arzt oder Therapeut ist (meiner persönlichen Erfarung nach die wichtigste Grenze, die man für Betroffene, wie auch sich selbst immer im Bewusstsein haben muss).

      Einen guten Einstieg in die Thematik liefert diese Broschüre des Landes BW. Ist meines Wissens nur noch digital erhältlich.
    • Hallo Kati,

      Ich glaube, ich habe noch nie einen Schüler unterrichtet, der diese Diagnose von einem Facharzt erhalten hat. Wenn Kinder in die Psychiatrie kommen, haben sie zwar durchaus häufig traumatische Erfahrungen, aber das, was typischerweise unter PTBS zusammengefasst wird, ist meist der Zustand, der durch ein Ereignis, wie eine Naturkatastrophe oder ein Krieg ausgelöst wird.

      Ich zitiere mal nicht die F43.1 aus der ICD-10, die musst du eh nutzen, um gegen andere Störungen abzugrenzen. Dort sind mögliche Symptome aufgeführt. Einiges davon erfährt man als Lehrer in aller Regel nicht, Albträume z.B. oder Suizidgedanken und das charakteristischste Symptom, die Flashbacks.
      Aus dem Alltag könnte ich dazu ein paar Beispiele nennen, worin sich bestimmte Verhaltensweisen äußern:

      - Depression/ Teilnahmslosigkeit: Kind sitzt mit völlig ausdruckslosem Gesicht am Tisch und zeigt an nichts Freude.
      - Vigilanzsteigerung, also erhöhte Wachsamkeit: ein Überreagieren auf eigentlich ungefährliche Situationen (Kind fühlt sich ständig angegriffen, geht auf andere los, weil es sich z.B. von einem Seitenblick beleidigt fühlt "guck nicht so!!!"), auf der Stuhlkante "auf dem Sprung" sitzen, hyperaktives Verhalten, mit dem Bein wippen, aufspringen etc.
      - Angst: unter dem Tisch verstecken, morgens nicht von Eltern trennen wollen, weinen, abgeholt werden wollen etc.

      --> dies sind aber alles Verhaltensstörungen, die auch in anderen Kontexten auftauchen können. Eine Diagnose ist letztlich immer eine Sammlung von Symptomen. In der ICD-10 werden diese voneinander abgegrenzt, der Arzt ordnet entsprechend seiner Beobachtung und Befragung zu.
      Meine Schüler hatten beispielsweise über Jahre Misshandlung erlebt oder frühe Beziehungsabbrüche, konnten sich nicht normal entwickeln. Das ganze bekommt dann einen Namen, sei es "Störung des Sozialverhaltens", "Bindungsstörung", "ADHS" usw.
      Nicht immer ist aber die Ursache so klar erkennbar, wie im Falle einer posttraumatischen Belastungsstörung: Sie wird eher dann gestellt, wenn ein akutes, katastrophenartiges Ereignis vorangegangen ist. Da einiges Erleben nicht beobachtbar ist, würde ich daher nach Berichten suchen von Menschen, die eine PTBS hatten und von ihrer Wahrnehmung erzählt haben. Typischerweise sind das Soldaten, die aus Krisengebieten zurückkommen, Menschen, die Naturkatastrophen überlebt haben, möglicherweise Geflüchtete oder auch Menschen, die Folter selbst erduldet oder mitangesehen haben.

      Zum Umgang mit Verhaltensstörungen gibt es wiederum ein ganzes Studium, das wäre etwas viel für ein Referat. Aber an wen man sich in eurer Region wenden kann, falls man einen derartigen Verdacht hat, das würde ich raussuchen und den Kommilitonen mitgeben.
    • Krabappel schrieb:

      (...) das, was typischerweise unter PTBS zusammengefasst wird, ist meist der Zustand, der durch ein Ereignis, wie eine Naturkatastrophe oder ein Krieg ausgelöst wird. (...)
      Das stimmt eigentlich zumindest für die BRD nicht ganz. Klammert man mal Flüchtlinge aus, sind die "typischen" PTBS-Opfer hier in Deutschland heutzutage Menschen die Opfer gewaltsamer Übergriffe (z.B. wiederholte physische Gewaltanwendung, sexuelle Übergriffe) wurden, sowie Unfallopfer/Unfallzeugen/Ersthelfer. Dabei werden allgemein bei Traumata verschiedene Arten der PTBS unterschieden, die sich sowohl der Natur/Häufigkeit ihres auslösenden Ereignisses nach unterscheiden, als auch in der Folge unterschiedliche Heilprognosen haben. Grob gibt es Traumata infolge von Einmalereignissen (v.a. Unfälle, Naturkatastrophen, einmalige Übergriffe), Traumata infolge von Mehrfachereignissen (z.B. wiederholte Schläge oder sexueller Missbrauch, Kriegserfahrungen) und schließlich Mehrfachtraumatisierungen bei denen wenigstens zwei traumatisierende Erfahrungen zu verschiedenen Lebenszeitpunkten erfolgen. Wenigstens eines der Ereignisse findet typischerweise bereits in der Kindheit statt. Typ I hat eine gute Heilprognose, Typ II bei entsprechender Behandlung und Veränderung äußerer Lebensumstände eine ordentliche Heilprognose. Typ III-Betroffene haben als oft schwerst mehrfach Traumatisierte die am stärksten begrenzte Heilprognose.
    • Ich weiß nicht ob dir das jetzt hilft, ich hatte - schon eine ganze Weile her - eine Schülerin mit PTBS. Da du ja nach einem Fallbeispiel gefragt hast, kann ich dir einfach mal meine Erfahrungen aufzeigen, ich nenne keine Namen, dann sollte das anonym genug sein.
      Das Mädchen stammte aus Mostar und hatte den Bosnien-Herzegowina-Krieg quasi "live vor der Haustür" erlebt. Als sie zu uns ans Gymnasium kam, sprach sie zwar schon ganz ordentliches Deutsch, war aber insgesamt eher verschlossen und wurde mit anderen SuS nicht richtig "warm". Der erste wirkliche "Ausbruch" war ein gewalttätiger, als sie von ein paar Jungs (sexistisch) "dumm angemacht" worden war.
      Ich habe sie daraufhin in die Selbstverteidigungs-AG eingeladen, wo sie dann auch langsam aufgetaut ist. Gerade das meditative Training hat ihr gut getan - vor allem hat sie langsam aber sicher gelernt, sich nicht so leicht triggern zu lassen. Gelassenheit fällt derart traumatisierten Kindern schwer.
      Natürlich hat sie auch eine außerschulische psychologische Behandlung erfahren, und ist auch immer mal wieder in meine Sprechstunde gekommen, wenn sie "mal reden" wollte. Das hat geholfen, und im Endeffekt wurde sie im Sport meine Jahrgangsbeste, ich habe sie in der AG nachher gerne zu Demonstrationszwecken dazugeholt, und sie hat bei uns ein gutes Abi gemacht.
      Es ist uns also mittelfristig gelungen, sie "ankommen" zu lassen. Sicherlich hat ein besseres Wissen über das, was sie kann, auch geholfen, ihre Kräfte besser einzuschätzen und dementsprechend Gewaltausbrüche auch bewusst zu vermeiden. Möglichen Triggern kann man nicht immer aus dem Weg gehen, dazu ist die Realität leider zu unfreundlich. Aber durch entsprechendes Training erlernte Selbstkontrolle ist ein guter Weg, zumindest mit dieser Variante einer PTBS umzugehen.
      Der Zyniker ist ein Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung ihn Dinge sehen lässt wie sie sind, nicht wie sie sein sollten. (Ambrose Bierce)
      Die Grundlage des Glücks ist die Freiheit, die Grundlage der Freiheit aber ist der Mut. (Perikles)
      Wer mit beiden Füßen immer felsenfest auf dem Boden der Tatsachen steht, kommt keinen Schritt weiter. (Miss Jones)
      Wenn der Klügere immer nachgibt, haben die Dummen das Sagen - das Schlamassel nennt sich dann Politik (auch Miss Jones)

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    • CDL schrieb:

      ...Dabei werden allgemein bei Traumata verschiedene Arten der PTBS unterschieden,
      nein, denn psychische Erkrankungen sind in der ICD 10 klassifiziert und dort gibt es keine verschiedenen Typen von posttraumatischer Belastungsstörung.

      Worum es mir aber ging ist etwas anderes. 1. Im Bereich der Förderschulen siehst du häufig die Gutachten der psychiatrischen Kliniken und dort ist mir die PTBS noch nie untergekommen. Sie wird also, so vermute ich, selten diagnostiziert. 2. Als Lehrer einer Regelschule kriegst du normalerweise gar keine Diagnose auf Papier zu sehen. Was du siehst ist die Verhaltensauffälligkeit, z.B. Aggressivität, Einnässen, Hyperaktivität oder selbstverletzende Verhaltensweisen. Was für das Referat m.E. wichtig ist, ist die Feststellung, die fossi getätigt hat: du kannst deinen Schüler*innen nicht aufgrund irgendeines bestimmten Verhaltens ansehen, welche Diagnose er/sie bekommen hat (oder bekommen sollte). Menschen reagieren auf traumatische Ereignisse verschieden. Verhaltensauffälligkeiten sind aber immer ein Warnsignal, bei dem man sich Hilfe suchen sollte. Plötzliche Verhaltensänderung im übrigen sogar ein Anzeichen von Kindeswohlgefährdung.
    • Das kann sein, ich will mich nicht rumstreiten bei diesem sensiblen Thema und traue der TE auch zu, sich fachwissenschaftlich einzulesen. Die Frage bezog sich aber auf Schule, Lehrer und Erfahrungen, daher die Anmerkungen zur Realität, wie Schüler*innen sich verhalten können. Und was man in und um Unterricht überhaupt mitbekommt, was Diagnostik außerhalb Schule anbelangt. Wir haben am Ende halt die Kinder da sitzen, mit all ihren Erfahrungen und müssen ohne Pfleger, Therapeuten und Ärzte gucken, wie wir Mathe vermitteln.
    • Wow, hätte nicht gedacht so schnell so viele hilfreiche Antworten zu bekommen.
      Erstmal ein riesiges Dankeschön, eure Antworten haben mir definitiv schon weitergeholfen! :)
      Ich denke die ganzen Informationen reichen, um mein Referat abzurunden.
      Also nochmal vielen lieben Dank an alle!

      Liebe Grüße,
      Kati :_o_)